Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Stalking: Kein Thema für die Mediation

Vor einiger Zeit kam eine Frau vollkommen verstört in meine Mediationssprechstunde. Sie war auf dem Weg zu ihrem Ex-Ehemann, der sie terrorisiert, sie ständig anruft, ihr hunderte von SMS schreibt und ihr droht etwas anzutun, falls sie sich nicht mit ihm trifft. Ein Fall für die Mediation? Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, denn der Ex-Mann der Frau war ein Stalker. Schließlich habe ich mich gegen eine Mediation als Konfliktlösung entschieden.

Der englische Begriff Stalking kommt aus der „Jägersprache“ und meint das Sich-Anpirschen an ein Wild. Im zwischenmenschlichen Bereich ist damit das wiederholte Belästigen und Verfolgen einer anderen Person über einen längeren Zeitraum hinweg gemeint, das beim Opfer Angst, Sorge und Panik auslöst. Hierdurch schränkt der Stalker letztendlich sogar die Handlungs- und Bewegungsfreiheit seines Opfers ein.

Stalking hat Gemeinsamkeiten, aber auch starke Unterschiede zum Mobbing. Rasso Knoller führt in seinem momentan leider vergriffenen Buch „Stalking. Wenn Liebe zum Wahn wird“ aus, dass Stalker im Gegensatz zu Mobbern in der Regel eine persönliche Beziehung zum Opfer wünschen. Die Zielperson soll nicht wie beim Mobbing verschwinden, sondern sich dem Stalker zuwenden. Der Täter folgt beim Stalking seinem Opfer überall hin und wenden im Gegensatz zu Mobbern durchaus auch körperliche Gewalt an, was sogar in einem Tötungsdelikt enden kann.

Das Verfolgen eines anderen Menschen wird für den Stalker zum Mittelpunkt seines eigenen Lebens, dafür wendet er viel Geld, Kraft und Zeit auf. Sein Leben erhält erst durch das Stalking seinen Sinn, und die Verfolgung wird zum Ersatz für die nicht erreichbare Liebe und Zuneigung.

Stalker sind unfähig zu kommunizieren. Sie nehmen unangenehme Wahrheiten nicht zur Kenntnis und interpretieren Aussagen ihres Opfers so lange um, bis diese im Sinne des Stalkers sind. Sie sind nicht fähig, andere in einen Problemlösungsprozess mit einzubeziehen. Vielmehr sind sie so sehr auf sich selbst bezogen, dass sie nur Lösungen akzeptieren können, die ausschließlich die eigenen Interessen berücksichtigen. Zu einem gleichberechtigten Gespräch ist ein Stalker nicht fähig, denn er kann einzig die „bedingungslose Kapitulation“ des anderen akzeptieren, andernfalls droht er mit Gewalt. – Deswegen also können mediative Gespräche zwischen Opfer und Täter zu keinem konstruktiven Ergebnis führen.

Gespräche mit dem Stalkingopfer bezüglich eines sinnvollen Verhaltensrepertoirs dem Stalker gegenüber sind dagegen äußerst sinnvoll. Das Opfer sollte beispielsweise dem Stalker sofort klar machen, dass es keinen Kontakt mehr wünscht. Das beinhaltet natürlich, sich auch nicht auf eine allerletzte Aussprache einzulassen. Gut ist es ebenfalls, nicht ans Telefon zu gehen, keine Briefe zu beantworten und konsequent im Verhalten zu bleiben. Geht ein Stalkingopfer nach 30 Anrufeversuchen des Stalkers dann doch ans Telefon, so fühlt der sich bestätigt, dass er einfach nur hartnäckig bleiben muss, um an sein Ziel zu kommen – und das verschärft die Situation weiterhin. Weitere Tipps für Stalkingopfer gibt die Arbeitsgruppe Stalking der TU Darmstadt.

Die Situation des Stalkingopfers ist psychisch gesehen massiv belastend und viele werden längerfristig krank. Erster Ansprechpartner für Stalkingopfer ist natürlich die Polizei. Seit dem 31. März 2007 ist Stalking ein Straftatbestand. An diesem Tag ist der Paragraf 238 des Strafgesetzbuches in Kraft getreten, der Nachstellung strafbar macht. Stalker können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden. Die Webseite des Bundesjustizministeriums gibt Auskunft dazu. Hilfe finden Stalkingopfer beim Weiße Ring, dem sozialpsychiatrischen Dienst, Frauenhäuser sowie Stalking-Selbsthilfegruppen.

Christa Schäfer

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Fragen in der Mediation

  1. Andreas Rabe

    Hallo Frau Schäfer,

    in Ergänzung Ihrer Ausführungen möchte ich nur kurz mitteilen, dass sich in Berlin Ende des letzten Jahres ein Verein gegründet hat, der Stalking-Opfern Hilfe anbieten kann. Es handelt sich um die Stalking Opferhilfe Berlin, die ein Büro im Bezirk Prenzlauer Berg unterhalten. Mehr Infos unter: http://www.soh-berlin.de

    Andreas Rabe

  2. Hallo Herr Rabe,
    besten Dank für die Info !!
    Christa Schäfer

  3. Zellenradschleuse

    Hallo! Wirklich ein super interessanter Artikel! Ich spreche leider aus Erfahrung, da ich selber auch Monate lang ein Stalkinopfer war. Ich verbleibe mit den besten Grüßen!

  4. Christa Schäfer

    Besten Dank! Ich arbeite gerade an einem neuen Artikel zum Thema, der demnächst erscheinen soll. Schauen Sie also wieder „rein“.

    Grüße von Christa Schäfer

  5. Berthild Lorenz

    Und Stalker werden nicht so geboren!! Mich reizt dies Thema sehr.
    Ich war zwischen 2006/2007 in der Ausbildung Mediation in einer Anwaltskanzlei.
    40 Stunden zum Üben zwischendurch und von einer Minute auf die andere, wir hatten das Zertifikat, wurde mir schriftlich mitgeteilt, dass die Räume nicht mehr zum Üben zur Verfügung stehen. Meine Frage nach dem Grund dafür wurde ignoriert …
    Ich hab alles noch schriftlich …
    Ein Jahr später ging ich noch ein Mal in diese Kanzlei ….
    Ich war in der Ausbildung in DIESER Kanzlei, weil ich 14 Jahre lang versucht habe meinem Vermieter klar zu machen welche Konflikte es in dem Wohnblock gibt und dass wir die MITEINANDER klären können. Ich war für den Vermieter 14 Jahre lang DIE BÖSE, weil ich Konflikte (das Fehlen der Nachtruhe z.B. benannte)!
    Endlich saß ich zwei Mediierenden gegenüber und das drei Mal, alleine.
    Danach 7 Wochen Schweigen und ich lag nur noch heulend in der Wohnung herum: Hatten meine Freunde doch Recht, die immer gesagt hatten, dass ich doch ausziehen soll?? Ich rief diese Juristin an, fragte, warum es nicht endlich zu einem Miteinander kommt. „Frau Lorenz, Sie kämpfen an zu vielen Fronten!“ Ich stutzte: „Was hat die Knochenmarkspenderdatei, was hat Greenpeace, was hat das Kinderhospiz mit der Wohnungsbaugesellschaft zu tun? Doch gar nichts?!“ „Das meine ich ja auch nicht!“ Ich: „Was denn dann? Das sind die einzigen Orte, an denen ich kämpfe!“
    Die Juristin: „Ich meine Ihre Mietschulden, Frau Lorenz!“
    “Wieeeee bitte?!? Ich hatte noch nie im Leben Mietschulden! Es ist mir wichtig, wo mein Kind und ich die Betten aufgestellt haben! Ich kann Ihnen sämtliche Belege schicken, von wieviel Jahren brauchen Sie sie?“

    Tja, es gab einen einzigen Termin mit der, die ich als Konfliktbeteiligte benannt hatte, mit der Mieterbetreuerin. Die hatte mich den MediatorInnen als „die Mieterin, die mit so vielen Mitmietern Probleme hat“ genannt und ich sah alles gaaaanz anders; ich war auch vor Ort und konnte nachts selten schlafen …
    Bei dieser mediierenden Anwältin war ich dann in der Ausbildung. Für 16 Tage hat mein Sohn 3 700 Euro hingeblättert …
    In der Ausbildung bekam ich einen Zettel. „Welch Freude und Bereicherung, dass du an der Ausbildung teilnimmst, danke.“ Unterschrieben von der Juristin.

    Ein Jahr später ging ich mit Sonnenblumen, um an das für mich so andere Erleben zu erinnern und an die schönen gemeinsamen Stunden und noch einmal „Danke“ zu sagen. Der letzte Satz aus ihrem Mund: „DU wirst NIE Mediatorin!“
    Seitdem gehe ich bestimmte Straßen in Berlin nicht mehr lang, denn ich traue dieser Frau und ihrem Mann zu, dass sie sagen, ich bin Stalkerin, wenn ich dort lang laufe und nun beweisen Sie mal das Gegenteil!
    Ja, wie sie mit mir umgingen, nachdem mein Sohn das Geld hingeblättert hatte, hat mich zutiefst erschreckt!
    Kleine Geschenke, die ich einfach so, um eine kleine Freude zu machen, mitbrachte, nahm sie an und zuletzt kam der Satz: „Wir nehmen hier ja auch alles an!“
    Da hab ich gedacht. „Naja, mir hat ja schon manch Einer gesagt, dass ich überempfindlich bin, wird wohl daran liegen, dass ich sie so erlebe, wie ich sie erlebe …“
    Können Sie sich denken, was in mir – tja, wenn ich ehrlich bin -, noch heute in mir brodelt, wenn ich nicht damit beschäftigt bin, dieses Überlebte zu verdrängen?
    Ich habe das Bedürfnis, mit ihrem Mann und ihr darüber zu reden – sie bildet an der Juristischen Fakultät und in ihrer Kanzlei MediatorInnen aus -, und sie lehnt einfach ab, dass wir über den gemeinsamen Konflikt miteinander reden und ich hab das hinzunehmen!! (Drei in der Ausbildung waren Mitglieder ihrer Kanzlei, nur ein Jurist und ich kamen von Außerhalb)

    Stalking ist kein Geburtsfehler eines Menschen, sondern die Grundlage ist garantiert IMMER eine Konfliktlösungsverweigerung durch den anderen am Konflikt Beteiligten!

    Wenn in dem Buch vom Opfer geschrieben wird, dann ist die Sicht nur aus einer Richtung, mehr nicht …
    Ich weiß, wie schlimm es ist, wenn Konflikte immer und überall auf EINE abgeschoben werden; ich hab das oft erlebt. Menschen lehnen es sehr oft ab, Konfliktbeteiligte zu sein; auch in der MediatorInnenszene!!
    Hier wird genau das Gegenteil geschrieben.
    Was Wahrheit ist, ist auch aus jedem Sichtwinkel was anderes!!
    Wenn ich lese Stalkingopfer wird mir speiübel, kann ich nur sagen!
    Wer fragt mal nach den Ursachen?
    Weshalb wird ein Mensch zum Stalker?
    Wer nennt wen Stalker?
    Wer ist der wirklich Konfliktproduzent?
    Warum steht eigentlich nicht der Konfliktlösungsverweigerer im Mittelpunkt des Interesses?
    Beim Stalking sind BEIDE TäterInnen, da bin ich mir sicher!
    Ich wünsche keinen Kontakt mehr; ich hab nämlich die Macht!
    Genau aus diesem Grund, weil das Nun-Opfer sich schon lange so verhalten hat, deshalb wurde der Stalker Genannte zum Stalker, oder??

  6. Sehr geehrte Frau Lorenz,
    besten Dank für Ihre Sichtweise zum Thema.

    Ihrem ausführlichen Kommentar kann ich entnehmen, dass Sie schmerzhafte eigene Erfahrungen zum Thema gemacht haben und Befürchtungen haben, von anderen als Stalkerin abgestempelt zu werden …

    Dass Stalking tatsächlich IMMER eine Konfliktlösungsverweigerung durch einen anderen am Konflikt Beteiligten darstellt, kann ich derzeit nicht nachvollziehen.
    Meiner Ansicht nach wäre diese Darstellung zu einfach gedacht. Ich denke vielmehr, dass das Ursachengeflecht multikausal ist.

    Und so kann Konfliktlösungsverweigerung eine mögliche Ursache sein, es gibt jedoch auch noch weitere Möglichkeiten, die dem zugrunde liegen (können).

  7. Berthild Lorenz

    Ich bin mal wieder hier gelandet, weil ich meinen Namen bei Google eingab und sehe Ihre Antwort, sehr geehrte Frau Dr. Schäfer.
    Nun hab ich alles noch ein Mal gelesen und bring eine Teil aus dem Text oben her.

    „Im zwischenmenschlichen Bereich ist damit das wiederholte Belästigen und Verfolgen einer anderen Person über einen längeren Zeitraum hinweg gemeint, das beim Opfer Angst, Sorge und Panik auslöst. Hierdurch schränkt der Stalker letztendlich sogar die Handlungs- und Bewegungsfreiheit seines Opfers ein.“

    Weshalb rennt denn ein Mensch über einen längeren Zeitraum immer wieder hinter einem anderen her? Das hat doch ne Ursache. Ich erlebe immer wieder, dass bei vielen Menschen Fragen als Angriffe aufs Ego bewertet und nicht beantwortet werden. Dass ein Mensch fragt, um Klärung für das Miteinenader zu finden, haben nur wenige Menschen bisher intus. Wer zum Stalker wird, hat zuerst sich als Opfer erlebt, denke ich und sucht Klärung.

    „Die Zielperson soll nicht wie beim Mobbing verschwinden, sondern sich dem Stalker zuwenden.“ Weiter unten stehts ja dann auch …

    Welche anderen Möglichkeiten meinen Sie, wenn Sie schreiben „Und so kann Konfliktlösungsverweigerung eine mögliche Ursache sein, es gibt jedoch auch noch weitere Möglichkeiten, die dem zugrunde liegen (können).“?

    Herzliche Grüße aus Weißensee und ein Dankeschön fürs Antworten auf meinen letzten Kommentar.
    Berthild Lorenz

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