„Wer fragt, der führt!“ so die Aussage meiner Mediationsausbilderin während der Ausbildung.

Eigentlich ist das Fragen in der Mediation sogar noch mehr als reine Führung – es ist ein kommunikativer Tanz zwischen MediatorIn und Medianten. „Die Frage ist der Auftakt zu mehr, sie ist der Beginn eines Miteinanders, das erst endet, wenn die Fragen ausgehen“, so beschreibt Carmen Kindl-Beilfuß dies in ihrem neuen Buch „Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene.“

Dieses Buch ist für Therapeuten, Berater, Interviewer und Gesprächspartner geschrieben, die die Kunst schöner (guter) Fragen beherrschen wollen. Auch MediatorInnen müssen eine gute Fragetechnik haben und können beispielsweise in dem Buch lesen, was eine schlechte und was eine gute Frage ausmacht. Schlechte Fragen sind nach Kindl-Beilfuß Fragen, die Ja-nein-Fragen sind, bei denen der Inhalt genauso trivial ist wie ihre Formulierung, in denen der Fragende mit Vorannahmen arbeitet und in denen dem Befragten ein Problem unterstellt wird. Gute Fragen hingegen verflüssigen Eigenschaften, lassen ein Umdeuten zu, bieten neue Begriffe und werfen frische Fragen auf.

In jeder Mediation gibt es verschiedene Arten von Fragen, und natürlich sind auch hier die offenen Fragen den geschlossenen vorzuziehen. Nach Verständnisfragen zur Situation, in der sich die Medianten befinden, spielen speziell in der Phase der Konflikterhellung auch die systemischen Fragen eine große Rolle. „Was tut Ihr Mann, wenn er – wie Sie sagen – sich ‚dumm‘ verhält?“ – das ist eine typische Frage, die Eigenschaften verflüssigen hilft. Und auch Fragen, die umdeuten helfen, (im Fachjargon auch reframen genannt) nehmen oft eine Aussage eines Medianten auf. Sagt der beispielsweise: „Meine Frau ist abends ständig schlapp und müde“, so kann dies umgedeutet werden mit der Frage: „Woran merken Sie, dass die Energie bei Ihrer Frau nachlässt?“

Frauen verwenden oft für Männer die Eigenschaften: egoistisch, träge/lahm, cholerisch, konfliktscheu, sexbesessen, geizig … Männer verwenden für Frauen gerne Eigenschaften wie: depressiv, ängstlich, frigide, eifersüchtig, hysterisch, verschwenderisch/kaufsüchtig … Falls Sie liebe Leserin und lieber Leser mögen, können Sie sich gerne an einer Umdeutung dieser Eigenschaften versuchen und die negativen Begriffe durch eine ressourcenbeschreibende Bezeichnung ersetzen. Gerne können Sie mir schreiben, falls Sie dabei auf Schwierigkeiten stoßen sollten.

Das oben beschriebene Buch „Fragen können wie Küsse schmecken“ ist für die Biografiearbeit mit Kindern, Jugendlichen, Paaren und Familien gedacht; es ist jedoch auch für professionelle MediatorInnen interessant und spannend. Gerade für die Konfliktberatung (auch Konfliktcoaching genannt) bietet das Buch wertvolle Anregungen. Dennoch wäre es schön, ein spezialisiertes Buch zu Fragetechniken in der Mediation zu haben – falls ich eines finde, werde ich gerne darüber berichten.

Mit zwei Fragen aus dem zum Buch zugehörigen Frageset möchte ich Sie in diese Woche und in einen kleinen Gedankenausflug entlassen:

Mit welchem Menschen können Sie sich genussvoll streiten?
Was macht dieses Streiten zu einem interessanten Miteinander?

Christa Schäfer