Vor einigen Jahren hatte ich einen jungen Mann in der Mediation, der sich fürchterlich über seine Nachbarn beschwerte und eine Nachbarschaftsmediation anstrebte. Mit dem Nachbarn über ihm hatte er sich total verkracht, weil der den ganzen Tag so oft die Toilettenspülung bediente. Mit der Nachbarin zwei Etagen über ihm war er böse, weil die immer Brotscheiben und Brötchen auf sein Fensterbrett werfe. Mit seinem Vermieter (er wohnte als Mieter in einer Eigentumswohnung eines älteren Herren) hatte er sich sowieso verkracht, weil der die Wohnung nicht gut renoviert hatte.

Aus dieser Mediationsanfrage ist damals ein intensives Konfliktcoaching geworden, aus der der junge Herr unzufrieden gegangen ist, weil ich seiner Meinung nach „nicht genug für ihn gekämpft“ hätte – und ich ebenfalls, weil der Verlauf des Konfliktcoachings unbefriedigend verlief.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass der junge Herr bereits das zweite Mal durch sein Staatsexamen in Jura gefallen war und zudem schon, bevor er in die Wohnung einzog, Bedenken hatte, denn diese hatte ein schlechte Energie, weil Jahre zuvor in eben diesem Haus ein anderer junger Mann Suizid begangen hatte.

Jetzt bekam ich das von Julia Bettermann geschriebene Buch „Falsche Stalking-Opfer? Das Falsche-Opfer-Syndrom in Fällen von Stalking“ vom Verlag für Polizeiwissenschaft in die Hände. Da wurde mir vieles deutlich.

Vorgebliche Opfer sind nach Bettermann seit Jahrhunderten bekannt. Es sind Menschen, die sich als Opfer einer sozialen Lage, eines Phänomens oder gar eines Deliktes vorgeben. Das Wort „vorgeblich“ ist glücklicherweise genauso neutral wie subjektiv und lässt Zweifel für Außenstehende mitschwingen. Eine Entführung durch Außerirdische kann genauso gut vorgeblich sein wie der Umstand, Opfer von Hasskriminalität zu sein. In letzter Zeit hat man beispielsweise von einem Fall in der Zeitung gelesen, in dem sich eine Jugendliche selbst ein Hakenkreuz in die Haut geritzt hat und dann vorgegeben hat, von Neonazis geschädigt worden zu sein.

Das oben genannte Buch beschäftigt sich mit vorgeblichen Stalking-Opfer, also Personen, die sich selber als Opfer von Stalking identifizieren oder ausgeben. Untersuchungen haben ergeben, dass vorgebliche Stalking-Opfer oft Menschen sind, die entweder wahnhafte Züge entwickelt haben oder die unter anderen schwerwiegenden Problemen leiden. Häufig titulieren diese Menschen ihre Nachbarn als die Stalkenden. Vorgebliche Opfer bedürfen natürlich dringend der Hilfe, im Kontext einer Opferberatungsstelle sind sie jedoch falsch aufgehoben.

Wer sich für Stalking bzw. Falsche Stalking-Opfer interessiert, dem sei das oben genannte Buch empfohlen. Wer sich für das Thema “Stalking – ein Thema für die Mediation?“ interessiert, der findet in einem meiner früheren Artikel dazu Ausführungen.

Die gesamte Problematik resümierend möchte ich an dieser Stelle vorsichtig den Begriff des Falschen Opfers mit dem jungen Herren in Verbindung bringen, der damals zwecks einer Mediation zu mir in die Sprechstunde kam. Meine These ist, und das haben mir auch andere GemeinwesenmediatorInnen bestätigt, dass ein gewisser Prozentsatz an Personen mit wahnhaften Zügen in die Nachbarschaftsmediation kommt, die eigene Probleme auf ihre Nachbarn übertragen / projizieren und in der Mediation eine Lösung suchen. Da die Mediation wissenschaftlich gesehen jedoch noch eine relativ junge Methode ist, ist dieses Phänomen bisher leider noch nicht untersucht worden. Vielleicht findet sich ja demnächst jemand, der sich dieses Themas annimmt …..

Christa Schäfer