„Kulturen entwickeln Möglichkeiten der Konfliktbewältigung, die zu ihrer Gesellschaft und zu ihrem sozialen Gefüge passen.“ – so startet ein Aufsatz der Schweizer Mediatorin Katalin Suter, die einen kleinen Streifzug durch die Konfliktkulturen Afrikas unternommen und Afrikaner verschiedenster Länder zum Thema Konfliktbewältigung interviewt hat.

Nigeria ist ein Land mit etwa 70 Millionen Einwohnern, der Norden Nigerias ist muslimisch geprägt, der Süden christlich. Über islamische Gerichte, sogenannte Obere Scharia-Gerichte und die dort stattfindende Konfliktregelungsmethoden findet man manchmal Artikel in Zeitungen und Zeitschriften.

Über die eher „private“ Regelung im Konfliktfall im Südosten Nigerias gibt es ein spannendes Interview mit Chukwua Christian Aknemo, einem 52jährigen Nigerianer, der aus einem kleinen Nigerianischen Dorf kommt, in der Zwischenzeit jedoch seit über 20 Jahren in Europa lebt. Er berichtet, dass zwei Eigenheiten besonders wichtig sind, um die Konfliktkultur im Südosten Nigerias zu verstehen. Da ist erstens die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau: Der Mann ist außerhalb des Hauses zuständig und den Kindern eher fern, die Mutter ist im Haus zuständig und den Kindern nahe. Die Frau wird durch ihre Rolle als Lebensspenderin sehr hoch geschätzt und dadurch sowie durch ihre Nähe zum Leben insgesamt als geborene Schlichterin bei Streitereien angesehen. Während sie bei Konflikten innerhalb der Familie als wichtig angesehen wird, ist der Mann für Konflikte außerhalb des Hauses zuständig. Die zweite Eigenheit besteht in der Rolle der Öffentlichkeit bei einem Konflikt: Im Südosten Nigerias werden Konflikte laut ausgetragen, man öffnet die Türen und geht durchaus in die Öffentlichkeit beim Streiten, Zeugen sind erwünscht. Im öffentlichen Raum kann dann jeder, der sich berufen fühlt, den Streitenden gut zureden, damit sie ihren Konflikt lösen können.

Bei einem Streit zwischen Mutter und Kind wird das Kind die Mutter zur Konfliktlösung ansprechen. Gelingt dies nicht, geht sie zu einer Tante oder guten Freundin der Mutter und bitte diese, zwischen ihr und der Mutter zu vermitteln. Der Sachaspekt wird im Streitgespräch verhandelt, die Mutter spricht eine Strafe aus. „Erledigt“ das Kind die Strafe, ist alles wieder in Ordnung. Ist ein Kind der Mutter gegenüber respektlos, kann es sein, dass die Mutter das Kind „verflucht“. Entschuldigt sich das Kind anschließend, trinkt die Mutter einen Schluck Wasser und besprüht mit einem Teil davon die Hand oder die Stirn des Kindes, um den Fluch zu lösen.

Bei einem großen Konflikt zwischen Ehepartnern geht die Frau zu ihrer Familie zurück oder wird zurückgeschickt. Danach werden die Eltern der Frau und / oder des Mannes zur Klärung eingeschaltet. Falls dies keine Lösung bringt, werden die Dorfältesten hinzugezogen.

Bei einem Konflikt zwischen zwei Männern werden diese eine Schlägerei beginnen oder laut in der Öffentlichkeit streiten und sich gegenseitig demütigen. Die Zuschauer werden die Streitenden versuchen zu beruhigen. Gibt es eine Einigung, geben sich beide Männer die Hand. Ist keine Einigung möglich, wird ein „höher stehender“ Dorfbewohner eingeschaltet. Dieser befragt zunächst beide Männer. Falls einer oder beide der Männer nicht sprechen mögen, wird ein Ältester aus dessen Familie oder Freundeskreis mit einbezogen. Misslingt auch dies, wird der „Ese“ eingeschaltet. Eine Gruppe, bestehend aus dem Ese und einem Mitglied von jeder Familie im Dorf nehmen sich des Streitfalles an. Es werden Streitende und Zeugen gehört, der Ese berät sich mit den Männern und verkündet sein Urteil und Strafmaß. Als Zeichen der Versöhnung essen anschließend alle gemeinsam aus einem Topf.

Dieser hier besprochene Aufsatz befindet sich in dem von Gerda Mehta und Klaus Rückert herausgegebene Buch „Mediation. Instrument der Konfliktregelung und Dienstleistung“. Der Sammelband zeigt mit seinen 30 unterschiedlichen Aufsätzen eine große Bandbreite an Themen, die von der Konfliktbewältigung in verschiedenen afrikanischen Ländern über China bis Russland reicht, von den Grundbegriffen der Mediation zu komplexen Verfahren wie beispielsweise der Metaphernbrücke von Ed Watzke. Das macht dieses Buch so spannend sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene MediatorInnen.

Wer sich für generell für Streitvermittlung in anderen Kulturen interessiert, der kann sich auch gerne in dem von Monika Götz und mir herausgegebenen Buch “Mediation im Gemeinwesen“ zu Methoden wie Sulha, Ubuntu, Palaver, Mato Oput und Loya Jirga informieren.

Christa D. Schäfer