Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Konfliktkultur Äthiopiens: Ein Stein für einen Konflikt

Zu meinem Artikel über die Konfliktkultur in Nigeria habe ich viele Rückmeldungen erhalten. Unter anderem schrieb mir die Schweizer Mediatorin Katalin Suter und berichtete von ihren neuesten Informationen bezüglich der Konfliktkultur in Äthiopien.

Mit ihrer Erlaubnis darf ich hier darüber berichten. Frau Suter kennt einige äthiopische Flüchtlinge, die der Äthiopischen Gruppe in Bern angehören. Guten Kontakt hat sie zu Daniel Hailu, dem 30jährigen Diakon der Glaubensgemeinschaft „Orthodox Tevahedo Church“, einer der ältesten christlichen Kirchen. Daniel Hailu spielt immer dann eine wichtige Rolle in Bern, wenn es Probleme unter den Äthiopiern dort oder um Konflikte zwischen Äthiopiern und Schweizern geht, denn immer dann wird er geholt, und: Sein Wort „gilt“. Hailu hat kürzlich sogar eine Ausbildung in interkultureller und interreligiöser Mediation abgeschlossen, um diese seine Aufgabe noch besser bewältigen zu können.

Die Äthiopier haben eine Essenstradition, bei der es weiche Fladenbrote und kleine Portionen verschiedenster Gerichte gibt, die mit dem Brot aufgenommen werden. Sitzt eine Gruppe Äthiopier „friedlich“ zusammen, dann stecken sie sich ab und zu gegenseitig Essen in den Mund. Dieses „Füttern“ geschieht von“oben nach unten“: Der Priester gibt den Gläubigern, der Vater den Kindern, Eheleute und Freunde geben sich gegenseitig.

Sowohl in den Städten als auch in ländlichen Gebieten Äthiopiens werden im Streitfall ältere Menschen konsultiert, deren Worte dann verbindlich den Streit regeln. Diese älteren Menschen sind „anerkannte Weise“, sie können aus der Familie sein oder sind in der Gemeinschaft als gute Vermittler bekannt. Dennoch gibt es bei der Austragung von Streitigkeiten große Unterschiede zwischen der Konfliktbehandlung in einer Stadt und in einer ländlichen Gebieten.

Beispielsweise gibt es in ländlichen Gegenden den alten Brauch, dass bei Streitigkeiten sogleich jemand gebeten wird, den „Schuldigen“ zu suchen. Wenn das klar ist, geht der Schuldige und sucht einen großen Stein, diesen muss er herbeischaffen und dem Geschädigten überreichen. Der nimmt den Stein dann an sich, bedankt sich, geht damit hinaus und wirft den Stein weg – damit ist der Streit beendet. Meist essen dann die Streitpartner zusammen und füttern sich gegenseitig, wie oben beschrieben.

Interessanterweise fällt auf, dass in vielen Kulturen davon ausgegangen wird, dass es einen „Schuldigen“ gibt. Dass etwas z.B. ein Missverständnis sein könnte oder es zwei verschiedene Sichtweisen gibt, die beide ihre Gültigkeit haben könnten (Gedankengänge der Mediation), wird nicht in Betracht gezogen. Frau Suter wagt an dieser Stelle die Hypothese, dass die Vermittler diese Sachverhalte durchaus in Betracht ziehen, sie aber nicht explizit benennen. Was meinen Sie dazu?

Besten Dank an Katalin Suter für Ihre wertvollen Informationen!
Christa Schäfer

Nochmals den Artikel zur Konfliktkultur in Nigeria nachlesen?

Zurück

Gegen Cyber-Mobbing

Weiter

Die VW-Regel in der Kommunikation

  1. Vielen Dank für die eindrucksvollen Artikel und Schilderungen.

    Die Schuldfrage spielt in der Mediationspraxis eine große Rolle und es gibt bekanntlich die Möglichkeit des sog. „Entschuldigungsverfahrens“, wenn es bei einem der Betroffenen zu einem Schuldeingeständnis kommt.

    Bei der Schilderung der Versöhnungszeremonie mittels herbeischaffen eines Steins, der übergeben und vom Verletzten weggeworfen wird (also ein Wiedergutmachungsritual) fiel mir sogleich eine Szene während meiner Ausbildung ein. Es wurde das Entschuldigungsverfahren im Rollenspiel geübt. Allerdings wurde vom Verletzten eine Entschuldigung konsequent verweigert und erst nach quälend langer Zeit kam man darauf, dass es an einem Wiedergutmachungsangebot seitens des Schuldigen gefehlt hat. Eine tatsächliche Wiedergutmachung war nicht möglich. Wenn das Steinritual allseits als Widergutmachung anerkannt worden wäre, hätten wir uns leichter getan.

    Leider wird die Wiedergutmachung selbst in der Fachliteratur übersehen. So z.B.: in Montada/Kahls „Mediation“ Lehrbuch für Psychologen und Juristen, 1. Auflg., 2001 S.123 (dargestellt nach Goffmann 1971), wo offensichtlich ein „Ausdruck emotionaler Betroffenheit“ ausreichen soll.

    Ich glaube auch, dass die Vermittler nicht übersehen, dass es verschiedene Sichtweisen und Missverständnisse gibt. Da aber offensichtlich ein sozialer Konsens darüber herrscht, dass der Streit durch die Steinzeremonie ohne Gesichtsverlust erledigt ist, ist diese die wirksamere Methode. Diese spielt sich nämlich auf der emotionalen Ebene ab, wogegen die Klärung von Missverständnissen und die Anerkennung verschiedener Sichtweisen doch eher (zunächst) in den rationalen Bereich gehören.

    Seit der Abschaffung des „Schuldprinzips“ bei Scheidungen und durch Einführung des „Zerrüttungsprinzips“ (1977), scheint es mir so, als wenn sich viele Betroffene durch den Gesetzgeber prinzipiell von jeglicher Schuld in diesem Zusammenhang exculpiert sehen.

    Für uns möchte ich die Behauptung wagen, dass der Gesetzgeber viel dazu beigetragen hat, dass Schuldfragen (nicht nur in der Mediation) nicht mehr angesprochen und damit oftmals auch nicht mehr bereinigt werden. Von einem sozialen Konsens, dass es (jedenfalls in Scheidungs- und Trennungssachen) keine Schuld gibt (so war es zwar nicht gemeint, aber es wird – gerne – so verstanden), kann nicht im Entferntesten die Rede sein.

    Das macht die Mediation in diesem Bereich besonders schwierig.

  2. Sehr geehrter Herr Bohnet,

    recht herzlichen Dank für Ihren ausführlichen und fachlich hochwertigen Kommentar!
    Es ist spannend, „unseren“ Begriff des Entschuldigungsverfahrens mit dem Artikel über die Konfliktkultur Äthiopiens in Beziehung zu setzen …

    Christa Schäfer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén