Ein sehr berührendes Buch zum Thema Zivilcourage wird dieses Jahr 5 Jahre alt. Damals hat nämlich Aktion Mensch zusammen mit amnesty international einen bundesweiten Schreibwettbewerb zum Thema durchgeführt. Herausgekommen ist ein Buch mit 20 Erzählungen und Geschichten, die direkt ins Herz gehen.

„Jonathan fühlte einen starken Adrenalinstoß. Wirkliche Angst empfand er noch immer nicht, auch wenn Manfred ein wahrer Stier von einem Mann war. Ohne sichtbare Hast schloss Jonathan sein Buch und schob es in den Rucksack. Es war gut möglich, dass er an einer der nächsten Haltestellen den Bus verlassen musste. So schnell wie möglich …“ so heißt es in der Geschichte „Wie du mir, so ich dir“ von Matthias Fetting über eine Begegnung im Bus.

„Die Beine sind alles, was ich noch vor mir sehe. Nicht die Gesichter, nicht die Haltung, nicht einmal an die Stimmen kann ich mich erinnern. Vier Paar Beine im Halbkreis vor mir. Zweimal blaue Jeans, einmal schwarzer Cord, einmal helles Leinen. Details, die ich lange, zu lange angestarrt habe und die darum tief in mein Gedächtnis eingebrannt sind. Ich wagte nicht aufzusehen. Augenkontakt provoziert den Gegner noch mehr, das hatte ich damals schon gelernt …“ so heißt es in der Erzählung „Anders“ von Julia Helbig.

Die Texte richten sich an junge Leser ab 12 Jahren und erzählen davon, wie Zivilcourage heutzutage und hierzulande aussehen kann bzw. was passiert, wenn sie fehlt. Dabei geht es um Angst, die in konflikthaften Situationen unser Verhalten beeinflussen kann. Es geht um den ersten Schritt der Überwindung der eigenen Ängste, die Einfühlung (auch Empathie genannt) als wichtige Voraussetzung um Menschen in Not zu sehen, um das Spannungsverhältnis zwischen mir und den anderen in einer Gruppe und die Aufmerksamkeit, die solche Situationen erfordern.

„’Haut doch endlich ab!‘, rief jemand zornig aus. ‚Jetzt habt ihr’s ja endlich geschafft! Verschwindet!‘ Er erschrak. War er selbst es, der da gerufen hatte? Sie gingen mit kleinen, hastigen Schritten. Andere waren zurückgetreten, aber nicht gegangen. Sie musterten das gedemütigte Mädchen weiterhin – wie Künstler, die ihr Werk betrachteten. Und irgendwie war das hässliche Kichern noch immer nicht verklungen. Er machte einige Schritte auf sie zu und wagte kaum sie anzusehen, hob aber schließlich doch den Blick und sah ein verstörtes, kleines Tier, das ihn aus leeren Augen ansah. Ihre Hand war auf das zerrissene Hemd gepresst, die Knöchel ganz weiß. Er zog sich den verwaschenen Pullover über den Kopf und gab ihn ihr.“ so heißt es im Text „Die Demütigung“ von Nora Katharina Schmid.

Besonders bedrückend sind die Texte im Buch, die die Grenzen der Zivilcourage aufzeigen, die aufzeigen was passiert, wenn Zivilcourage gefehlt hat.

„Das Begräbnis fand Tsunami schrecklich. Sie hat nicht verstanden, was der Mann in der schwarzen Robe sagte, als der Sarg hinabgelassen wurde und Hatisu in der Erde verschwand. Sie weiß nur, dass nichts mehr ist oder sein wird, wie es war. Tsunami lacht nicht mehr.“ so heißt es unter der Überschrift „Hatisu kommt nicht mehr nach Hause“ von Verena Brauner.

Leider lässt sich das Buch nur noch antiquarisch kaufen, aber wenn Sie es finden, sollten Sie sofort zugreifen!

Für diejenigen Leserinnen und Leser, die neben dem Thema Zivilcourage mehr Informationen zu den zugehörigen Emotionen suchen, der schaue hier im Block nach den Stichworten „Empathie“ und „Angst“.

Christa Schäfer