Eine Studie zum Thema „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“ hat interessante Ergebnisse hervorgebracht. Für die Untersuchung wurden in den Jahren 2007 und 2008 deutschlandweit 44610 Neuntklässler aus allen Schulformen befragt; das Vorhaben war ein gemeinsames Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Seit März 2009 liegt der Forschungsbericht vor,
neun Thesen fassen die Ergebnisse kurz und prägnant zusammen:

1. In den 12 Monaten vor der Befragung gehörte Gewalt für mehr als ¾ der Jugendlichen nicht zum persönlichen Erfahrungsbereich – oder andersherum gesagt: ¼ der Jugendlichen erlebten Gewalt in den 12 Monaten vor der Befragung.

2. Die Jugendgewalt ist in den vergangenen 10 Jahren leicht gesunden bzw. konstant geblieben. Prügeleien an Schulen, bei denen ärztliche Hilfe benötigt wurde, haben beispielsweise zwischen 1997 uns 2007 um 31 % abgenommen.

3. Der Trend zum geringfügigen Rückgang von Jugendgewalt findet eine direkte Entsprechung im Anstieg präventiv wirkender Faktoren und im Sinken Gewalt fördernder Lebensbedingungen der Jugendlichen.

4. Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle in der Gewaltbelastung von Jugendlichen; in ländlichen und süddeutschen Regionen gibt es eine feststellbar niedrigere Gewaltbelastung.

5. Jugendliche mit Migrationshintergrund begehen häufiger Gewalttaten als deutsche Jugendliche. Die höhere Gewaltquote von jungen Migranten beruht auf mehreren Belastungsfaktoren, beispielsweise erfahren Migrantenkinder häufiger innerfamiliäre Gewalt als deutsche Kinder. Weitere Belastungsfaktoren, die die Gewaltbereitschaft fördern, sind: Alkohol- und Drogenkonsum, die Akzeptanz gewaltorientierter Männlichkeitsnormen („Machokultur“), Schulschwänzen und die Nutzung gewalthaltiger Medieninhalte.

6. Die Anzahl delinquenter Freunde im sozialen Netzwerk hat einen starken Einfluss auf die Jugendgewalt; je mehr delinquente Freunde, desto größer die Wahrscheinlichkeit zum Ergreifen von Gewalt.

7. Bildung wirkt sich präventiv aus: Je höher der Bildungsgrad, desto unwahrscheinlicher eine Eskalation in einer Gewaltspirale. Auch schlechte schulische Integration der Migrantenjugendlichen fördert Gewalt.

8. Alkohol und Drogenkonsum ist einer der Risikofaktoren für gewalttätiges Verhalten. Jungen, Haupt- und Realschüler sowie Jugendliche aus ländlichen Gebieten stellen hierbei eine große Risikogruppe dar.

9. Eine Minderheit von Jugendlichen ist ausländerfeindlich, antisemitisch und rechtsradikal. 14 % (rund jeder siebte der Befragten) gaben an, sie seien „sehr ausländerfeindlich“. 4 % der Befragten äußerten sich antisemitisch. Beides ist bei Jungen häufiger verbreitet als bei Mädchen. Jugendlich im Osten Deutschlands fallen besonders durch derartige Überzeugung auf. Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit sind in ländlichen Regionen und an Förder- und Hauptschulen stärker verbreitet als anderswo.

Für die Konflikt- und Gewaltprävention bedeutet dies in erster Linie, die Risikofaktoren für Gewalt zu minimieren und die Schutzfaktoren zu nutzen bzw. auszubauen.

Der hier besprochene Forschungsbericht (Nr. 107) kann in Landversion und Kurzversion auf der Seite des Kriminologischen Forschungsinstituts heruntergeladen werden.

Ein weiterer Forschungsbericht wird noch in der zweiten Jahreshälfte diesen Jahres vertiefende Analysen zu Einzelfragen des Themas Jugendgewalt liefern (u.a. das Ausmaß und Folgen von Computerspielabhängigkeit sowie die Integration von jungen Migranten je im Zusammenhang mit dem Thema). Ebenfalls werden dort die Forschungsergebnisse zum Bereich Kinderdelinquenz und zu Kinder-Opfererfahrungen dargestellt.

Wer mehr zum Thema Cyber-Mobbing, einer „modernen“ Form von Jugendgewalt wissen möchte, der findet Informationen sowie Hinweise zur Bekämpfung in einem ausführlichen Artikel hier im Mediationsblog.

Christa D. Schäfer