Die Mediation bekommt Unterstützung durch die Verhaltensökonomie.

Dan Ariely, Professor für Verhaltensökonomie, untersucht in seinem fantastischen Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen“ die verborgenen Kräfte, die unsere Entscheidungen im Großen wie im Kleinen lenken.

Im neunten Kapitel dieses Buches berichtet Ariely darüber, dass ein und dieselbe Situation zwei verschiedene Sichtweisen herausfordern kann. Diesen Gedankengang kennen wir ja aus unseren Mediationssitzungen zur Genüge.

Ariely geht mit Kollegen der Antwort auf dieses Phänomen nach und verbindet es mit der Fragestellung, wie eine einmal gewonnene Einstellungen unsere Sicht im folgenden trüben kann. Dazu führte er am MIT in Boston verschiedene Untersuchungen durch. Es ging zunächst um verschiedene Biersorten, die dort im Pub ausgeschenkt wurden. Das Bier A war ein Budweiser, das Bier B ein mit wenigen Balsamico-Essigtropfen versetztes Budweiser. Die Studenten bekamen zunächst je ein kleines Glas dieser Biere und konnten sich entscheiden, von welchem sie eines kostenlos nachordern wollten. Diejenigen Studenten, die nicht wussten, dass Bier B mit Balsamico-Essig versetzt war, wählten überwiegend dieses Bier als das für sie besser schmeckende. Die Studenten, die vorher Informationen über die Art der Biere erhielten, wählten durchgehend Bier A als dasjenigen, von dem sie weiter trinken möchten. Ariely zieht den Schluss, dass, wenn man jemandem sagt, dass etwas ekelhaft schmecken könnte, er aller Wahrscheinlichkeit nach das bestätigen wird – nicht weil er so empfindet, sondern weil er es so erwartet.

Wenn wir also im voraus annehmen, dass etwas gut ist, wird es im Allgemeinen auch gut sein, und wenn wir denken, es ist schlecht, wird es auch schlecht sein. Doch wirken sich diese Einflüsse lediglich auf unser Urteil aus oder verändern sie auch die physiologische Erfahrung selbst?

Hierzu gab es eine dritte Untersuchungsreihe: Ariely schenkte verschiedenen Studenten Bier aus, das mit Balsamico versetzt war, und teilte ihnen dies mit, nachdem sie das erste Mal probiert und sich ein Urteil gebildet hatten. Interessanterweise schmeckte diesen Studenten das Bier besser als den Studenten, die schon vor dem Probieren von dem Essig wussten und es schmeckte ihnen genauso gut, wie es den Studenten geschmeckt hatte, die nichts von dem Essig wussten. Das Wissen um den Essig hat also tatsächlich den Geschmack beeinflusst. Wer durch den Essig einen schlechteren Geschmack erwartete, der bekam diesen auch.

Erwartungen prägen nicht nur den Biergeschmack, sondern unser ganzes Leben. Erwartungen führen auch zur Entstehung von Stereotypen. Stereotypen sind Kategorisierungen von Informationen mit dem Ziel, Erfahrungen vorherzusehen. Die Erforschung von Stereotypen zeigt, dass wir besondere Erwartungen an eine Gruppe haben, die wir mit einem Stereotyp belegt haben. Und die Forschung zeigt auch, dass die auf eine spezielle Weise kategorisierten Menschen selbst ihr Verhalten ändern, wenn sie sich des Etiketts bewusst werden, das ihnen aufgedrückt wurde.

Prozesse der Vorurteilsbildung geschehen in allen Lebensbereichen und sind Hauptursache für die Eskalation in nahezu allen Konflikten. Ariely schreibt zur Möglichkeit einer gelungenen Konfliktlösung: „Wenn es nicht möglich ist, unsere Vorurteile abzulegen und unsere bisherigen Erfahrungen zurückzustellen, sollten wir wenigstens einräumen, dass wir voreingenommen sind. Dann sind wir vielleicht in der Lage, den Gedanken zu akzeptieren, dass zur Lösung eines Konflikts im Allgemeinen eine neutrale dritte Partei notwendig ist, die die Regeln und Vorschriften für die Auseinandersetzung festlegt. Wir sind in unserer Sicht gefangen, was uns zum Teil blind macht für die Wahrheit; eine dritte Partei ist nicht mit unseren Erwartungen behaftet.“ (Ariely, S. 211).

Natürlich lohnt sich dieses Buch nicht nur wegen der unterstützenden Gedanken zur Methode der Mediation. Vielmehr sind die darin beschriebenen Experimente stets spannend aufbereitet, dargestellt und zeigen oft erstaunliche Ergebnisse. Leserinnen und Leser können sich an vielen Stellen wiedererkennen, über sich und ihre rationalen / irrationalen Entscheidungen nachdenken sowie sich und ihre Umwelt dadurch ein wenig mehr verstehen.

Wer über die Arbeiten von Dan Ariely auf dem Laufenden bleiben möchte, der sollte öfters mal schauen unter: http://www.predictablyirrational.com.

Auf allen Gebiet der Mediation ist die Sache mit den verschiedenen Sichtweisen gut zu erkennen, in der Gemeinwesenmediation meinem Gefühl nach oft besonders deutlich.

Christa D. Schäfer