Kleinkinder stecken sich mitunter merkwürdige Dinge und sogar Regenwürmer in den Mund, ohne Ekel zu empfinden. Daran erkennt man schon, dass die menschliche Fähigkeit, sich zu ekeln, nicht angeboren ist. Sie wird vielmehr durch Sozialisation in den ersten Lebensjahren gelernt. Deshalb ist Ekel auch kein Instinkt, sondern zählt zu den Emotionen. Vor was man sich ekelt, ist kulturell bedingt, da gibt es zwischen verschiedenen Kulturen große Unterschiede.

Es gibt zwei verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung der Entstehung bzw. Entwicklung von Emotionen. Der erste Erklärungsversuch nimmt an, dass sich die einzelnen Emotionen aus einem undifferenzierten, unspezifischen Erregungszustand des Säuglings allmählich entwickeln. Die andere Erklärung postuliert, dass die „grundlegenden“ Emotionen als angeborene neurale Mechanismen von Geburt an als qualitativ unterschiedliche Erlebnisweisen vorhanden sind.

Bleiben wir zunächst beim ersten Erklärungsansatz, der eher lerntheoretisch orientiert ist. Wie wir wissen, reagiert ein Säugling auf jede Art des Unwohlseins mit Weinen. Das acht Monate alte Kind reagiert zwar immer noch häufig mit Weinen, die Mutter ist aber schon in der Lage zu unterscheiden, aus welchem Grund das Kind wohl weint (wenn sie gut „aktiv zuhören“ kann). Die amerikanische Psychologin Katherine M. Bridges fand zusammen mit Rene Spitz in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts heraus, dass zunächst bei Neugeborenen eine allgemeine diffuse und ungerichtete Störbarkeit bzw. Erregbarkeit zu beobachten ist. Aus diesem anfänglichen Erregungszustand entwickeln sich in den ersten Wochen zwei Grundtendenzen emotionalen Verhaltens heraus: Lust und Unlust. Die unlustbetonte Tendenz tritt etwas früher hervor und lässt auch zuerst eine Differenzierung in spezifischere Gefühlsreaktionen wie Angst, Ekel, Wut und Zorn erkennen. (Quelle)

Alle Emotionen gehen mit typischen Mustern von Gesichtsausdrücken einher. Paul Ekman, ebenfalls amerikanischer Psychologe, stellte eine Klassifikation der emotionalen Gesichtsausdrücke auf. Er fand in umfangreichen empirischen Statistiken Beweise für die erbliche Bedingtheit zahlreicher emotionaler Ausdrücke, darunter die von ihm unterschiedenen 7 Basisemotionen: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung, die kulturübergreifend bei allen Menschen in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt werden. Diese, so sagt er, sind mit ihren zugehörigen Gesichtsausdrücke nicht kulturell erlernt, sondern genetisch bedingt. (Quelle)

Man sieht jemandem ja auch wirklich deutlich an, wenn er sich ekelt, dann ist die Nase gerümpft, die Oberlippe hochgezogen, die Mundwinkel hängen herab und die Zunge hängt leicht aus dem Mund heraus. Dazu kommt dann noch der Würgereflex, verstärkter Speichelfluss und Übelkeit mit Brechreiz. Ekel kann verdrängt oder überwunden werden und das Ekelempfinden ist individuell unterschiedlich.

Interessant, was britische Forscher zum Thema Ekel gerade jetzt herausgefunden haben: In ihrer Versuchsanordnung musste sich eine Gruppe von Probanden eine ekelige Filmszene anschauen. Die eine Hälfte der Gruppe durfte sich danach die Hände waschen, die andere Hälfte nicht. Beide Untergruppen sollten anschließend beurteilen, ob es moralisch verwerflich sei, ein gefundenes Portemonnaie zu behalten und falsche Angaben in einem Bewerbungsgespräch zu machen.

Die Untergruppe, die sich die Hände waschen durfte, fand das Verhalten in beiden Fällen moralisch weniger verwerflich. Die Untergruppe, die sich nicht die Hände waschen durften, urteilten moralisch viel strenger. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass diejenigen Personen, die sich „unrein“ fühlen, in moralischen Fragen strenger urteilen! (Quelle für diese Untersuchung: Bild der Wissenschaft, Heft 8/2009, S. 33)

Wenn Sie mögen, lesen Sie bitte auch über den Zusammenhang zwischen Bier und Ekel nach bzw. die Sache mit den verschiedenen Sichtweise oder dem Effekt von Erwartungen …

Christa D. Schäfer