Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Disziplin und Soziales Lernen

Disziplin, das ist ein traditionsbelasteter Begriff, der dem Kasernenhof entstammt und die Vorstellung des „unbedingten“, möglicherweise auch blinden Gehorsams impliziert. Immer wieder kommt dieser Begriff auch mit der Pädagogik in Verbindung.

So auch in letzter Zeit wieder verstärkt. Immer noch steht das Buch „Lob der Disziplin“ von Bernhard Bueb in den Bestsellerlisten. Das Buch, das sich grundsätzlich und engagiert gegen das Bild von Erziehung wendet, das Bueb verbreitet, hat es leider bisher noch nicht in die Top 10 geschafft, ist in Fachkreisen allerdings hoch angesehen.

Ich spreche hier von Rolf Arnolds Buch “Aberglaube Disziplin“ aus dem Carl-Auer Verlag. Rolf Arnold spricht vom Begriff der Disziplin als „Erleichterungsbegriff“ für gestresste ErzieherInnen, Eltern und LehrerInnen; als Begriff, der das heimliche Versprechen gibt, endlich Handlungsgewissheit, Wirksamkeit und Ruhe zu verschaffen. Aber aufgepasst: Nach diesem Modell funktionieren autoritäre Gesellschaften, während demokratische Gesellschaften der Auseinandersetzungen und des Ausgleichs bedürfen.

Für Situationen mit schwierigen Schülern oder schwierigen Situationen in der Schule wird auch immer wieder der Begriff der „Disziplinstörung“ verwendet. Während dieses Wort eher dem Lehrer die Schuld an der Situation gibt, da er nicht „durchgreifen“ kann – weist das Wort der „Verhaltensauffälligkeit“ eher dem Schüler oder der Schülerin die Schuld zu, da sie sich „nicht richtig“ verhalten. Der eher neutrale Begriff der Unterrichtsstörung meint dagegen die Betrachtung des Unterrichts und des Systemgefüges einer schwierigen Situation und ist daher der Begriff, der am ehesten der Situation gerecht wird.

„Wer diszipliniert wird, ist mundtot. Wer einer Disziplin unterworfen wird, handelt nicht aus Überzeugung. Disziplin ohne Selbst führt zu einer Entfremdung vom Selbst.“ (Arnold S. 15)

„Ein Kind, das sich in seinen eigenen Handlungen nicht zu spüren vermag, weil es kein liebevoll akzeptierendes Gegenüber hat, kann kein Bild von sich selbst entwickeln. Doch ohne ein solches Bild von sich selbst kann auch Selbstdisziplin nicht wirklich entstehen …“ (Arnold S. 23)

Erziehung, oder soll ich besser sagen: Die Ermöglichung eines Sozialen Lernens ist also nicht Drill oder Disziplin. Erziehung, oder soll ich sagen: Die Ermöglichung eines Sozialen Lernens erfordert Nachdenken, Reflexion und Aufklärung.

Sind Kinder und Jugendliche wirklich „schwierig“ oder befinden sie sich nicht auch in „schwierigen Situationen“, die sie sich selber nicht aussuchen konnten?

All denjenigen, die Erziehung als Dialog mit der absoluten Notwendigkeit einer gegenseitigen Wertschätzung auffassen, denen sei dieses Buch von Rolf Arnold als „Stärkung“ empfohlen – allen anderen als ein Instrument zum Nachdenken und eventuell sogar Überdenken ihrer Position!

Was für ein fantastisches Konzept bietet die Systemische Pädagogik, auf deren Grundlage das Buch geschrieben ist: Eine Pädagogik, die die Vielfalt und Wechselbezüglichkeit des Erzieherischen kennt. Sie sieht in der Selbstreflexion von Eltern, Lehrern und Erziehern sowie der Erweiterung ihrer pädagogischen Vielfalt eine große Chance und will die Professionalität der Erziehung in Deutschland stärken. Komplexe Probleme benötigen komplexe und differenziert begründete Antworten!

Pure Disziplin als Lösung für Unterrichtsstörungen? Nein danke. Wo bleibt da das Verständnis für unser Gegenüber, das Verständnis für uns selber, die Reflexion der Situation und damit die Chance zur Veränderung und Verbesserung von Schule?

Ohne Begegnung findet keine Erziehung und kein soziales Lernen statt. Also: Geben wir Kindern und Jugendlichen, Freunden und unser Familie Zeit, Gespräche und Begegnungen! Lassen Sie uns mehr Wert auf Erziehung und soziales Lernen durch Beziehungen legen!

Christa D. Schäfer

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Opfer – eine Ausstellung mit Mut zum Hinsehen

  1. 03.02.2010. Interview im Berliner Tagesspiegel mit Pater Klaus Mertes vom Canisius-Kolleg, in Reaktion auf die vorgefallenen Missbrauchs-Fälle.

    Claudia Keller (Interviewerin): „Was können Schulen tun, um das Thema (Missbrauch) ernst zu nehmen?“

    Klaus Mertes: „Es bräuchte an jeder Schule eine unabhängige Beschwerdestelle. Aber auch ein Schulklima, das nicht nur auf Leistung setzt. Dass sich das Buch ‚Lob der Disziplin‘ millionenfach verkauft, macht mir Sorge. Da wird ein autoritärer Führungsstil gepriesen, Schüler werden aufgefordert, andere zu verpetzen. Durch so etwas wird wieder ein Klima geschaffen, das die Schweiger befördert. …“

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/Canisius-Kolleg-Pater-Mertes;art270,3019458

  2. Berthild Lorenz

    Oh, ja, ich war fast 10 Schuljahre lang die verhaltensauffällige Schülerin. Ich hab nicht geschwiegen! Jetzt werd ich nur nicht mehr Schülerin genannt; bleibe es aber trotzdem …
    Als ich mich in der Schule meldete, weil ich diese oder jene Aufgabe gern übernehmen oder lösen wollte, wurde mir immer und immer wieder gesagt, dich nehm ich nicht dran, du kannst und weißt ja alles!
    Was das in einem Menschen kaputt macht, das ist unvorstellbar für jeden Menschen, der es nicht selber überlebt hat!
    Das ging so weit, dass ich nach dem Mauerfall zu Amtsärzten geschickt wurde, zum Intelligenztest, weil die Jobcenter-Amtsstuhlinsitzenden und die Sozialamtsstuhlinsitzenden nicht wussten, was sie mit mir machen sollten! Die Amtsmedizyniker schickten mich zum Psychiater, zum Intelligenztest!
    Nach der Auswertung des Test sagte dann der Amtsarzt, dass er nicht weiß, was er mit mir und meiner hohen Intelligenz machen soll. Ich gab ihm den Tipp, sich um die Bedürftigen zu kümmern, ich weiß alleine, was mir wichtig ist, im Wohnort zu tun …

    Das System wurde an keiner Stelle von einem anderen Menschen, als von mir hinterfragt …
    Traurige Realität – ich werde noch immer arbeitslos genannt, ohne es zu sein …

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