Das ist das Gefühl, mit dem Mobbingopfer in die Schule gehen – und das ist auch das Gefühl, das Thorsten aus dem gleichnamigen Buch von Manfred Theisen verspürt.

„Katinka, Annika und Lisa haben die Klasse fest im Griff und Thorsten in der Zange. Er ist ihr neuestes Opfer, und die Lehrer reden gegen Wände, denn keiner macht den Mund gegen die Gang auf. Wer ist schon so verrückt, sich als nächstes Mobbing-Opfer anzubieten? Doch irgend jemand hat den Terror satt – und mobbt zurück, eiskalt und richtig gefährlich: mit Sachbeschädigung, versuchter Körperverletzung und Entführung, bis Annika die Gewaltspirale durchbricht.“ – so der cbj-Verlag über dieses Buch zum Thema Mobbing.

Ursprünglich bezeichnete man mit Mobbing eine Folge von böswilligen Taten (Gewalt mit Worten oder Bildern, Ausgrenzen, Eigentum zerstören), die über einen längeren Zeitraum hinweg durchgeführt werden und das Ziel haben, einen Mitschüler oder eine Mitschülerin fertig zu machen. Bullying meinte dagegen eher eine wiederkehrende physische Gewalt gegen eine andere Klassenkameradin bzw. einen anderen Klassenkamerad. Heutzutage werden die Worte Mobbing und Bullying im Schulkontext oft parallel gebraucht.

Das oben angesprochene Buch ist für die Klassenstufen 8 und 9 geschrieben. Interessant ist die Erzählperspektive aus der Sicht einer Mit-Täterin. Die 14jährige Annika berichtet hart, kühl und mit wenig Empathie über die Mobbing-Geschehnisse. Die Romansprache ist mitunter recht derb und die Leser können gut die Motive der Mit-Täterschaft sowie ihre Hilflosigkeit gegenüber der Haupt-Täterin samt dem Gruppenzwang herauslesen. Irgendwann will Annika beispielsweise aussteigen, aber dann ist sie bereits so dicht im Geschehen, dass es kaum mehr eine Chance gibt.

Auch Thomas hat als Mobbing-Opfer zunächst keine „Wahl“:

„Wäre Thorsten Russe, Kurde oder Türke, hätte er eine Chance in der Klasse, denn die Clans halten zusammen, und jeder von denen kriegt auch immer ein Mädel: Russe findet Russin, Kurde Kurdin, Türke Türkin. Aber er ist kein Russe, kein Kurde, kein Türke, sondern Deutscher, Eingänger ohne Clan. Ein Computerfreak, Hacker, Genie an der Tastatur. Bringt ihm bloß nichts. Gar nichts. Schlanke Hände, ein Hochleistunghirn, nichts davon zählt, denn er gehört zu den schwachen Tieren in der Herde. Wären wir ein Wolfsrudel, hätten wir ihn totgebissen.“ (Seite acht)

Falls Sie Hilfe für einen Mobbingfall in der Schule benötigen, gibt die 32seitige Berliner Anti-Mobbing-Fibel erste Auskünfte zum Thema. Die von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport herausgegebene und von Walter Taglieber geschriebene Broschüre eignet sich hervorragend für einen ersten Einstieg ins Thema.

Ebenfalls empfehlenswert ist die 24seitige Anti-Mobbing-Broschüre des Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung unter Mitarbeit von Christina Großmann. Beide Broschüren sind kostenfrei herunterladbar.

Fantastisch, und damit schließt sich der Kreis, ist auch das 24seitige, ebenfalls kostenfrei herunterladbare Unterrichtsmaterial zum oben genannten Buch „Täglich die Angst“. Dieses wurde von Birgit Gehring herausgegeben, die als ehemalige Lehrerin die Mobbingthematik im Zusammenhang mit dem Buch gut aufgearbeitet hat. Damit wird das Buch ein wirksames Instrument zur Mobbingprävention. Im heutigen Sprachgebrauch werden ja interessanterweise die Wort „Mobbingopfer“ und „Mobbingtäter“ nicht mehr verwendet – beide werden als „Mobbingbetroffene“ gesehen. Im obigen Jugendroman wird letztendlich aus dem Opfer ein Täter und es werden aus den Tätern die Opfer.

Neben der Mobbingproblematik bietet das Buch auch Erkenntnisse zu Computerspielen sowie zur Medienerziehung, aber das nur am Rande.

Ach ja, und übrigens gibt es derzeit eine interessante Forschung zum Thema Mobbing im Schulbereich. Dr. Melanie Wegel vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen untersucht einerseits individuelle Verhaltensweisen sowie Sozialisationsstile der Opfer und andererseits die Reaktion der Außenstehenden. Sie geht von der Annahme aus, dass Mobbing nur möglich ist, wenn die Gemeinschaft dies toleriert. Dieses vom Weissen Ring unterstützte Projekt hat jetzt erste Ergebnisse vorgelegt: Mobbingtäter haben in ihrem Elternhaus in der Regel selbst Opfererfahrungen gemacht (Handgreiflichkeiten oder Vernachlässigung). Ein Teil der Mobbingopfer hat im Elternhaus Opfererfahrungen erlebt und behält diese Rolle in der Schule bei. Ein anderer Teil der Mobbingopfer wurde überbehütet erzogen und erlernte Verhaltensweisen, die zwar der Deeskalation dienen, aber beim Täter nicht greifen. Letztlich hat Wegel einen transgenerationalen Effekt festgestellt: „Mobbende Eltern haben mobbende Kinder“. (Quelle: Weisser Ring direkt, Ausgabe 19 Nr. 3/2009)

Halten wir also unsere Augen und Ohren offen und greifen so früh wie möglich ein! Mehr zum Thema Mobbingbearbeitung finden Sie in der entsprechenden Kategorie hier im Blog.

Christa D. Schäfer