Es gibt Bücher, die gehen „unter die Haut“.
Das Buch, über das ich hier berichten möchte, ist so eines.
Es ist ein Buch über Cyber-Mobbing.
Aber dazu später …

In meinem ersten Blogartikel über Cyber-Mobbing habe ich bereits definiert, was dieser Begriff bedeutet. Er meint das über einen längeren Zeitraum stattfindende absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen anderer mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel. Die Kommunikationsmittel können ein Handy sein (SMS oder Anrufe) oder / und das Internet (Soziale Netzwerke, Video- und Fotoportale) Der Täter, auch Bully genannt, handelt meist anonym, so dass das Opfer nicht weiß, von wem die Angriffe kommen.

Seit 2007 liegt eine interessante Studie zum Thema Gewalt im Web 2.0 vor, dem Umgang Jugendlicher mit gewalthaltigen Inhalten im Internet sowie die rechtliche Einordnung der Problematik. Interviews mit Jugendlichen haben ergeben, dass Jugendliche heutzutage regelmäßig mit der Situation des Fotografiert- und Gefilmtwerdens konfrontiert sind und mit der Möglichkeit, dass diese Bilder veröffentlicht werden. Bei diesem Bildmaterial sind natürlich auch Szenen dabei, in denen die Jugendlichen in unvorteilhaften oder peinlichen Situationen zu sehen sind (schlafend, betrunken …). Werden diese Bilder durch Freunde oder in guter oder witziger Absicht ins Netz gestellt, so finden die Jugendlichen dies akzeptabel. Werden die Bilder als Racheakt ins Netz gestellt, so ist dies schmerzhaft. Mädchen empfinden dabei die Veröffentlichung derartigen Bildmaterials insgesamt sehr viel stärker problematisch als Jungen. Beide greifen in einem solchen Fall zu Relativierungsstrategien: „Das kann jedem passieren, dass mal solche Bilder erscheinen.“

Das jedoch ist kein Cyber-Mobbing im Sinne der obigen Definition. Die Webseite klicksafe.de, die sich mit Cyber-Mobbing beschäftigt, erwähnt acht Stufen des Cyber-Mobbings. Diese von Nancy Willard beschriebenen Ausprägungen des Cyber-Mobbings umfassen zunächst Beleidigungen und Beschimpfungen (Flaming) sowie die Belästigung des Opfers (Harassments), daran schließt sich das Anschwärzen, Gerüchte verbreiten (Denigration), das Auftreten unter falscher Identität (Impersonation), das Bloßstellen (Outing und Trickery) sowie der Ausschluss (Exclution) an. Abschließend finden das Phänomen im Cyberstalking (fortwährende Belästigung und Verfolgung) sowie im Cyberthreat (offene Androhung von Gewalt) seinen Höhepunkt.

So richtig kann man sich eigentlich nicht hineinversetzen in ein Cyber-Mobbing Opfer. Das neu erschienene Buch „Böses Spiel“ von Brigitte Blobel katapultiert den Leser in eine Cyber-Mobbing Welt. Svetlana Olga Aitmatowa, die 14jährige Hauptfigur des Jugendromans, stammt aus der Ukraine. Sie kommt als „Russlanddeutsche“ mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach Deutschland. Dort geht sie zunächst in Wohlstorf in die Schule, bis sie ein Stipendium erhält und auf das Internatsgymasium Erlenhof gehen darf. Nachdem sie sich darüber zunächst riesig freut, fängt der Trouble bald an. Es ist wichtig, Markenkleidung zu tragen – da kommt Svetlana nicht mit. Zudem arbeitet ihre Mutter zuerst in einer Fleischwarentheke im Supermarkt und dann als Putzfrau, auch das kommt bei Svetlanas Klassenkameradinnen und Klassenkameraden im Edelinternat nicht gut an. Als Svetlana dann aber auch noch zur besten Schülerin der Klasse wird, ist nichts mehr aufzuhalten.

Die Beleidigungen von Svetlana sind an der Tagesordnung, und dann kommen die ersten SMSen dazu. „Bei Achselschweiss: Alles über Seife und Deos bei ichstinke.de“ so das Beispiel von einer der ersten SMS‘. Kurz darauf treten auch schon die höheren Eskalationsstufen des Cyber-Mobbing im Internet auf. Space Shuttle, Rosenstolz, Luzifer und Prinz Eisenherz (alles Tarnnamen) verbreiten Fotomontagen von Svetlana mit hässlichem Inhalt, wählen sie zum hässlichsten Mädchen im Gymnasium und kennen absolut keine Grenzen mehr.

Das von Brigitte Blobel für Leser ab 12 geschriebene Buch “Böses Spiel“ verdeutlicht, wie die Gesundheit von Svetlana sich immer weiter verschlechtert, wie sie in eine Depression rutscht, sich immer mehr selber fremd wird, und wie sie schließlich sogar zum Suicid bereit ist. Kein einfaches Buch, fürwahr, aber eben ein „unter die Haut gehendes“. Wenn das Thema Cyber-Mobbing auf dem Stundenplan steht, dann sollte dieses Buch als Begleitlektüre nicht fehlen.

Eine irreale Geschichte? Mitnichten.
Man denke nur an 13jährige Megan aus Missouri, die sich nach einer Cyber-Mobbing-Attacke erhängte.

Unterstützen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler bei Mobbing und Cyber-Mobbing bedingungslos!

Christa D. Schäfer