Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Liebesaffären zwischen Problem und Lösung

„Wer einigermaßen der Gleiche bleiben will, muss sich ständig verändern.“
Gunther Schmidt 2007

Leider gibt es immer mal wieder Medianten, die zwar einen Konflikt „gelöst haben möchten“, aber nicht bereit sind, sich zu verändern. Dann passiert es natürlich allzu oft, dass die Mediation „misslingt“.

Aus systemischer Sicht ist jedes Phänomen, jedes menschliche Erleben (und damit auch jeder Konflikt) nur dann sinnvoll verstehbar und konstruktiv be(ver-)handelbar, wenn es in seinem Kontext (seinem Situationszusammenhang) beschrieben wird, in den es eingebettet ist.

Mediation ist also per se systemisch. Individuelle Erlebens- und Verhaltensprozesse müssen als Phänomene aufgefasst werden, die sich in Interaktionsnetzwerken zwischen Menschen ereignen. Alle an einer Interaktion Beteiligten üben wechselseitig (oft synchron) Einfluss aufeinander aus, und sie bestimmen auch immer wechselseitig die jeweiligen Bedingungen der anderen im Interaktionsfeld. Permanent wirken sie mit all ihren Beiträgen als intensives Feedback füreinander. Man spricht diesbezüglich von zirkulären Prozessen, denn jedes Verhalten jedes Beteiligten ist gleichzeitig Ursache und Wirkung des Verhaltens der anderen Beteiligten. Das „Sosein“ eines Verhaltens wird als Teil eines Wechselwirkungsprozesses verstanden.

Gunther Schmidt, von dem obiges Anfangszitat stammt, plädiert dafür, dass Prozesse, die bisher ein „Problem“ oder „Symptom“ beschrieben und bezeichnet haben, auf eine andere Ebene zu holen sind und in einer kompetenzfokussierenden Perspektive beleuchtet werden sollten. Ähnlich ist in der Mediation der Gedankengang, die Konflikte nicht als etwas Schweres, Beladenes und damit als Defizit zu sehen, sondern sie als (oft unterbewusste) Interventionen im Dienste bestimmter Bedürfnisse zu verstehen.

Schmidt will in seinem Bereich der Beratung und Therapie weg von der Problemtrance. Gerade, wenn man etwas schon länger als Problem erlebt, zeigt die hypnotherapeutische Erfahrung, engt sich der Wahrnehmungsprozess der Betroffenen besonders ein und ihre Erlebnisprozesse sind intensiv mit den Problemmustern assoziiert. Man kreist um das Problem und es fallen einem meist nur Lösungsstrategien ein, die das Problem geradezu stabilisieren.

Wir Menschen existieren jedoch nicht als statische Wesen, sondern wir er-finden und er-zeugen uns permanent Sekunde für Sekunde wieder neu, unsere Aufmerksamkeitsfokussierung bestimmt dafür den Weg. Darum ist es nach Schmidt auch ganz wichtig, als Therapeut (in unserem Zusammenhang als Mediatorin oder Mediator) die Klienten (Medianten) als komptenzfokussierendes, zieldienlich wirksames Kooperationssystem aufzubauen. Dies fordert eine unbedingte Orientierung auf Kompetenzen, Ressourcen und Lösungen und es können so „neue Realitäten“ geschaffen werden.

Die Aufgabe lautet (im Sprachgebrauch Gunther Schmidts) den gesamten Prozess der Arbeit so zu gestalten, dass er zu einem Kontext der Wertschätzung, Sicherheit, von Wohlgefühl und von optimalem Flow-Erleben wird. Auch das ist ein Satz, den die meisten MediatorInnen sicherlich bedenkenlos unterschreiben würden.

Wer hätte also gedacht, dass die hypnosystemische Arbeite von Gunther Schmidt so viele Ähnlichkeiten zur systemischen Medition aufweist?!

Hypnosystemisches Arbeiten meint dabei eine von Schmidt entwickelte spezifische Form der Integration systemisch-konstruktivistischer Konzepte mit dem ericksonschen Hypnosetherapiekonzept. Die Anwendungsfelder liegen zwischen dem Feld der Psychotherapie und der Beratung von Individuen, Teams und Organisationen – und ähneln dem mediativen Verfahrensprozess. Es ist hoch spannend, das von Schmidt geschriebene Buch Liebesaffären zwischen Problem und Lösung aus dem Carl-Auer Verlag mit den Augen einer Mediatorin, eines Mediators oder unter dem Blickwinkel des mediativen Arbeitens zu lesen und dabei Parallelen sowie Unterschiede auszumachen.

Eigentlich müsste sich die Mediation auf den Weg begeben und sich mit den Vertretern des systemischen Ansatzes stärker vertraut machen, austauschen und verbinden. Der Gewinn läge sicherlich auf beiden Seiten. Aber wer übernimmt die Aufgabe? Sie wäre hervorragend für eine Master- oder sogar eine Doktorarbeit geschaffen!

Christa D. Schäfer

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  1. Sehr geehrte Frau Dr. Schäfer

    Bitte erlauben Sie mir, dass ich (beispielhaft) gegen den nachfolgenden Satz (Zitat) Bedenken anmelde.

    „Darum ist es nach Schmidt auch ganz wichtig, als Therapeut (in unserem Zusammenhang als Mediatorin oder Mediator) die Klienten (Medianten) als komptenzfokussierendes, zieldienlich wirksames Kooperationssystem aufzubauen.“

    Das klingt sehr einleuchtend, ist aber ein therapeutischer Prozess. Therapie bedarf aus meiner Sicht aber einer Diagnose einer Krankheit. Probleme zu haben, ist keine Krankheit.

    Für mich ist die Mediation eine Alternative zum Prozess und keine Therapie.

    Wie gesagt, es handelt sich um Bedenken(!) meinerseits. Ich fürchte, dass, wenn keine sauberen Trennungen gemacht werden (wie das ja heute schon im therapeutischen Bereich geschieht), das Bild von der Mediation in der Öffentlichkeit von der Alternative zum Prozess in Richtung Therapie, verschoben wird. Weil aber gerade in der Praxis eine Therapie von den Medianten strikt abgelehnt wird, sind fast alle Techniken aus dem therapeutischen Bereich problematisch.

    Für mich geht es in der Mediation u.a. um Vermittlung von Verständnis, und nicht um die Herbeiführung von Kompetenzen.

    Oder mit einfachen Worten gesagt: Mir geht das zu weit.

    Bernd Bohnet

  2. Sehr geehrter Herr Bohnet,
    besten Dank für Ihre Bedenken.

    Sie geben mir die Möglichkeit ganz deutlich zu betonen, dass auch meiner Meinung nach unter keinen Umständen Mediation und Therapie vermischt werden dürfen!

    Dennoch gibt es aus meiner Sicht Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen systemischen Wissenschaften …

    Das von uns hier diskutierte Feld befindet sich meiner Meinung nach in dem Spannungskreis der verschiedenen Ansätzen in der Mediation. Zwischen dem Problemlösungsansatz (problem-solving approach) und dem transformativen Ansatz (transformative approach) gibt es ja auch in Mediationskreisen die ganze Bandbreite von Ansichten. Ich bin (oft, nicht immer) eine Anhängerin des transformativen Ansatzes und das bringt mich natürlich leicht in die Nähe einer „psychologischen Ecke“.

    Meine Idee ist es, dass die verschiedenen systemischen Techniken voneinander lernen können und die Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen deutlich sein sollten. Vielleicht bedarf es dazu dann demnächst mal eines Artikel zu den Grenzen von Mediation hier im Blog.

    Ich freue mich auf Antwort bzw. weitere Anmerkungen zum Thema …

    Christa D. Schäfer

  3. Berthild Lorenz

    Vielleicht, und das sage ich seit vielen Jahren schon, müssen wir uns Menschen einfach mal deutlich sagen, dass das griechische Wort therapeia „Dienst“ bedeutet …

    Dass hinter therapeia Krankheiten stecken, haben erst später Menschen daraus gemacht.

    Ich hab zu den Kommentaren noch eine Frage: Wer legt eigentlich fest, ab wann Konflikte Krankheiten sind?
    Was ist eigentlich eine Krankheit?

    Ich frage das, weil ich schlappe 30 Jahre Psychiatrieerfahrung, auf sehr unterschiedlichen Positionen durchlebt habe …
    Musik- und Gestaltungstherapeutin, Vizemutter für übrige Kinder in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts war ich und bin darüber seeehr nachdenklich geworden.

    Seit 2007 bin ich ausgebildete Mediatorin, hab inmitten von JuristInnen die Ausbildung absolviert und bin wiederum seeeehr nachdenklich zurück geblieben …

    Krankheit ist eine Definitionsfrage – das haben irgendwann mal Menschen genormt …

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