… schreibt die Geschichte des ersten Band einer Schulgründung weiter und führt den Leser in die Ausgestaltungs- und Konsolidierungsphase der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (EGG). Und wieder versteht es Rainer Winkel sowohl die Arbeit der Schulgründung als auch das Miteinander in der neuen Schule spannend in diesem Buch darzustellen.

Der Umgang mit Unterrichtsstörungen und mit schwierigen Kindern hat in der Zwischenzeit eine feste Form gefunden: „Wer etwas Schlimmes oder gar Böses getan hat, dem muten wir eine dreifache Erziehungsmaßnahme zu: Durch Aufschreiben des Sachverhaltes Distanz gewinnen; durch Zugeben Verantwortung übernehmen; und durch eine gute Tat Wiedergutmachung leisten.“ Notfalls werden die Störenden konsequent vom Unterricht suspendiert, in die Parallelklasse versetzt oder der Schule verwiesen.

Drei Wege zum Verstehen und zur Bearbeitung der Probleme, die viele Schüler mitbringen, haben sich für Winkel bereits im zweiten Jahr der Schulgründung herauskristallisiert: Erstens der Weg der Selbst-Besinnung, der mit dem oben genannten Dreischritt einhergeht. Zweitens der Weg der Selbst-Regulierung. Er setzt Einsichten voraus, wendet sich an diejenige, die schon wissen, was notwendig ist, hat feste Verabredungen vor Augen und bevorzugt das Abschließen eines Vertrages, der präzise festhält, was der jeweilige Schüler verspricht, was die Lehrer sich vornehmen und was die Eltern unterstützen werden. Und schließlich der dritte Weg zur Selbst-Heilung. Dieser bekennt sich zur Therapie und mobilisiert im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe die Selbsthilfepotentiale des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen.

Auch Patenschaften im Sinne eines Buddy-Systems werden an der neuen Schule eingeführt und dienen dem sozialen Lernen: „Alle Klassen und alle Schüler sind durch Patenschaften verbunden – ähnlich wie die einzelnen Schulgebäude mit dem Stadtteil.“ Der Apothekerverein wird Pate für den Biologietrakt, Schalke wird Pate für die Sporthalle. Sogar die Jugendlichen, die Silvester auf dem Schulgelände „herumlungern“, werden eingebunden und drei von Ihnen bekommen die Verantwortung für die Unversehrtheit des Geländes übertragen.

In Gelsenkirchen-Bismarck gibt es genauso viele schwierige Schülerinnen und Schüler wie in Berlin. Dennoch hatte die EGG in der Phase, in der Winkel Gründungsdirektor war, den Berliner Schulen einiges voraus: Sie hatte einen Schulleiter, der reformpädagogisch orientiert konsequent mit dem Kollegium, den Eltern, dem Umfeld sowie natürlich den Schülerinnen und Schülern kommuniziert hat.

Konfliktlösungen sollten in der Schule nicht im Sinne von „Entweder-oder-Entscheidungen“ vorgeschrieben, sondern stets im Sinne des antinomischen „Sowohl-als-auch“ betrachtet werden. Wer sich für Menschen, für Schulgründungen, menschliche Verwicklungen in einem frischen Schulunternehmen oder für Unterrichtsstörungen interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Nochmals nachlesen, welche Schwerpunkte der ersten Band der Buchtriologie gelegt hat?

Christa D. Schäfer