Ja, das gibt es tatsächlich. “Mitschuldig?“, so heißt der Jugendroman, den ich am Wochenende gelesen habe und der mich seines realistischen Plots und seiner realistischen Beschreibungen wegen sofort nach den ersten Seiten gefesselt hat. Der Roman ist von Harald Tondern, der bereits eine große Bandbreite von Jugendromane zu brandaktuellen Themen geschrieben hat. Für den vorliegenden Roman hat er u.a. in Erfurt recherchiert.

Jonas und Tim sind die Hauptfiguren des Buches. Tim hat reiche Eltern, die viel arbeiten. Er besitzt selber drei Laptops, mehrere Waffen, wurde kurz vor dem Abi von der Schule verwiesen und hat keine Freunde. Der 13jährige Jonas lebt bisher in einer fast heilen Welt mit seinen Eltern zusammen. Aber irgendwann nimmt Tim, der im Nachbarhaus wohnt, Kontakt zu ihm auf – zugegeben, eine ungewöhnliche Kontaktaufnahme, denn Tim beschießt Jonas mit Munition aus seiner Soft Air Waffe. Dabei war Jonas gerade dabei, sein Protokoll zum Vogelprojekt in seinen alten Computer zu tippen.

Irgendwann dann spielen beide Gotcha-Games im Wald mit den Soft Air Waffen von Tim, und irgendwann hat Tim eine echte Beretta in der Hand, mit der er zunächst auf ein Bild von Frau Steiner schießt und dann später „in Echt“ auf seine Schulleiterin. Jonas fühlt sich „mitschuldig“ und verändert sich in seiner Persönlichkeit. Zum Glück hat er eine Klasse, die ihn unterstützt und schließlich auch eine Therapeutin, die ihn aus seinem Trauma hervorholt.

„Wir haben über dich geredet“, sagt Jonas‘ Klassenkameradin. „Die ganze Klasse. Wir glauben, dass das mit Tim einfach zu viel für dich war. Irgendwas in dir ist abgestürzt. Deshalb kannst du nicht mehr reden. Und auch nicht mehr schreiben.“ (Buch, S. 73)

Das Buch ist für den Einsatz in der Klasse super geeignet. Neben einem günstigen Preis gibt es sogar ein kostenfreies Lehrerheft zum Buch. Für die Klassen 6 bis 11 gedacht, gibt dieses vielfältige Anregungen für alle diese Klassenstufen, für ältere Schüler findet sich beispielsweise folgendes Zitat zur Thematik „… dann müssten die Alarmglocken läuten“:

„Unser Verhalten zeigt im Prinzip etwas von einer Traumastruktur. Dazu gehört auch, keine gute Wahrnehmung für sich und den anderen zu haben. Und wenn ich keine gute Wahrnehmung für mich und den anderen habe und mich vielleicht auch selber nicht besonders mag, also die depressive Verarbeitungsstruktur wirksam ist, dann habe ich kein tolles Selbstbild. Und wenn ich mich dann aufwerten will, passiert es ganz schnell, dass ich andere Menschen runtermache und demütige. Ich behaupte: Unsere Lehrer haben dafür in der Regel nie ein Gefühl entwickelt, weil über viele, viele Generationen Beschämung und Demütigung für Lehrer nicht als unprofessionell galten wie in anderen Ländern, sondern durchaus üblich waren. Lehrer werden nicht trainiert, sensibel für ihre Schüler zu sein und andere Wege als Demütigung und Beschämung zu finden. Die meisten werden es vielleicht nicht mal so wahrnehmen. Dennoch tragen sie Verantwortung für entsprechende Entwicklungen in unseren Schulen. Unter anderem für die Entstehung von Hass und Gewalt. Wenn ich einen Schüler habe, der mir entweder besonders auffällt oder der mir überhaupt nicht auffällt, dann müssten die Alarmglocken läuten!“ Quelle: Gabriele Kluwe-Schleberger, Traumatherapeutin, in Jens Becker: Kurzschluss, Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach. Schwartzkopff Buchwerke, Hamburg Berlin 2005, S. 174-175.

Die Schüler lassen sich schnell von der Spannung und der Sprache des Romans einfangen. Die von Dr. Ingrid Röbbelen und Jutta Kosjek geschriebene Lehrerbroschüre zum Buch ist äußerst hilfreich zur Unterrichtsvorbereitung. Nun fehlt, dass mehr LehrerInnen den Mut aufbringen, um dieses schwere Thema „Amok“ im Unterricht (Deutsch) zu behandeln. Eine Sensibilisierung für das Thema, ein Einblick in die Persönlichkeitsstruktur des Täters, Empathie für einen „Helfer“ des Geschehens sowie ein allgemeiner Einblick in die Entwicklung eines solchen Vorfalls sind der Gewinn aus der Lektüre. Täter sind letztlich auch Opfer – auch wenn dies nichts entschuldigt.

In Winnenden hat die Lautsprecherdurchsage des Schulrektors: „Frau Koma kommt!“ dazu geführt, dass LehrerInnen ihre Klassentüren abgeschlossen haben, denn Koma heißt rückwärts Amok und war das entscheidende Stichwort zur Warnung bei einem derartigen Vorfall. In Berlin ist die Zahl der Amokdrohungen seit dem Amoklauf in Winnenden drastisch gestiegen. Während es im Jahre 2006 acht Amokdrohungen in Schulen gab, waren es in den Monaten Januar bis Mai 2009 insgesamt 60 solcher Drohungen im Schulbereich (neun davon an Grundschulen, die anderen an weiterführenden und Berufsschulen). Bei allen schulischen Neu- und Umbauten sollen in Berlin demnächst Lautsprecheranlagen eingebaut werden, beim Fehlen einer solchen Anlage soll auf einen Dauerton zurückgegriffen werden können, der auf die spezielle Gefahrenlage hinweist. Ebenfalls wird die Polizei demnächst auf ein Erhebungsregister mit Bau- und Fluchtpläne von allen Berliner Schulen zugreifen können, und alle Schulleiter werden auf den Gefahrenfall vorbereitet (Information aus dem Tagesspiegel vom 21.08.09, S. 7).

Hoffen wir, dass nichts passiert!
Christa D. Schäfer