„Es gibt eine Vielzahl von Gründen für Gewalt. Experten wie Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Hannover haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es Familienerfahrungen gibt, die zur Gewalt führen: Geprügelte Kinder werden prügelnde Kinder. Das ist ziemlich bekannt und wohl auch eine der wichtigsten Ursachen für eine Gewaltneigung bei Jugendlichen.
Doch es gibt weitere Ursachen und Zusammenhänge. Dazu gehören Desintegration und Verwahrlosung (…)
Ich glaube freilich, dass Gewalt in Schulen nicht zuletzt eine Reaktion auf die Schule selbst ist. Das bedeutet nicht, dass man die Schulen stets ursächlich für den Ausbruch von Gewalt verantwortlich machen kann, meist sind die kontextuellen Bedingungen verantwortlich: weil die Lehrpersonen weg geschaut haben, weil die Schulen keine Verfahren der Aushandlung, der Kommunikation kultivieren, weil sie keine Konfliktschlichter ausgebildet haben, weil Mediation im Schulprogramm keine Rolle spielt, weil die Schüler an der Hauptschule nicht das Gefühl haben, an dieser Schule sinnerfüllt tätig sein zu können, und keine Lebensperspektive entwickeln können. Das macht viele, vor allem solche Jugendlichen, die mit Schwächen von zu Hause in die Schule kommen, kompensatorisch gewalttätig. Dabei gewinnen sie Selbstwirksamkeitserfahrungen, vor allem in der sozial destruktiven Gestalt, der Erfahrung der Herrschaft über andere. So wie sie sonst selber geknechtet werden – so wie geprügelte Kinder zu prügelnden Kindern werden -, so sind geknechtete Kinder rebellisch und gewalttätig.“

„Was können Schulen, was können Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, wirksam gegen Gewalt tun?“

„Es muss darum gehen, dass ein Schulklima, eine Kultur der Schule geschaffen wird, in der Kooperation, Partizipation, Achtung und eine ernst zu nehmende Beachtung der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden, damit sie sich wertgeschätzt fühlen. Solche Ziele müssen im Zentrum der Kooperation von Lehrern und im Zentrum von Überlegungen der Schulleitungen stehen. Wir brauchen einfach andere Konzepte von Schule, andere Konzepte von Bildung und Erziehung.“

Die Fragen in diesem Interview hat Reiner Engelmann gestellt, der seit 1993 Autor und Herausgeber zahlreicher Anthologien zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen ist. Die Antworten kamen von Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Veröffentlicht wurde das Interview in dem von Reiner Engelmann im cbt-Verlag herausgegebenen Buch “Keiner hat was gesehen! Texte über Gewalt an der Schule“. Neben dem bereits erwähnten Interview mit Prof. Edelstein findet sich dort auch ein kurzer Text über „Eine Schule der Civil-Courage“ von Otto Herz und es sind viele viele Kurzgeschichten über das Thema „Gewalt in der Schule“ abgedruckt. Das macht dieses Buch auch so spannend für den Einsatz in der Schule selber. Die Geschichten geben einen guten Einstieg in eine Vertretungsstunde oder in eine thematische Einheit und es kann anschließend wunderbar am Thema weiter gearbeitet werden. Es ist nicht einfach, diese Geschichten „auszuhalten“ beim Vorlesen oder selber lesen, aber sie berichten von einer Gewalt, der viele Kinder täglich in der Schule ausgesetzt sind.

Die ersten beiden Geschichten können auf der Verlagsseite eingesehen und gelesen werden. Darunter (welch Wunder) eine Geschichte zu Kevin, der zunächst im Unterricht schläft und dann durch Gewalt gegen seine Lehrerin auffällt. Wie es dazu kam, lesen sie am besten selber …

Ja, und welche Rückschlüsse sind aus obigen Interviewabschnitten zu ziehen? Na, neben der absolut gewaltfreien Erziehung im Elternhaus ist es für die Schule dringend notwendig, ein auf Kooperation, Partizipation und Achtsamkeit bauendes Schulklima zu schaffen, in der Methoden der Konfliktbearbeitung eine wichtige Rolle spielen. Wie dies funktioniert? Dazu finden Sie Hinweise in diesem Blog. Und falls Sie dazu eine Beratung benötigen, einen Studientag, eine SchiLF oder eine Weiterbildung, so wenden Sie sich bitte persönlich an mich …

Christa D. Schäfer