… der Stoff, aus dem soziale Systeme bestehen. Indem wir uns in die etablierten Kommunikationsweisen einfädeln, werden wir zu Mitgliedern eines Systems und nehmen an dessen kontinuierlichem Bemühen um Sinnklärung und Sinnfortschreibung teil.

Für Systemiker bedeutet dies, dass für sie die Kommunikation das ist, was es zu fördern und zu erhalten gilt, nicht das Rechthaben und Bescheidwissen in der Kommunikation selbst. Sie wissen um die Begrenztheit ihrer eigenen Deutungen und sind deshalb weniger darum bemüht, Ratschläge zu geben als vielmehr Selbstklärungsprozesse (‚Suchbewegungen‘) zu initiieren.“

Autoren dieser Zeilen sind der Pädagoge und systemische Berater Prof. Dr. Rolf Arnold sowie die systemische Beraterin Beatrice Arnold-Haecky. Beide haben das hervorragende Buch „Der Eid des Sisyphos. Eine Einführung in die Systemische Pädagogik“ (obiges Zitat von S. 93) geschrieben. Neben anderen Kapiteln widmet dieses Buch auch ein Kapitel dem Thema „Kommunikation und Unterricht“ sowie dem „Konflikttraining in der Schule“.

Zu Störungen der Kommunikation in der Schule berichten Arnold und Arnold-Haecky u.a., dass wir uns bei einer Kommunikation immer ein Bild vom Empfänger einer Nachricht machen und unseren Kommunikationsstil diesem anpassen. Das Bild, das wir uns gestalten, ist dabei immer ein Produkt von dem, was „ist“, kombiniert mit dem, was wir darüber denken. Dabei treten drei Verfälschungs-Mechanismen auf:

Projektion:
Es wird am anderen vehement das bekämpft, was man an sich selber nicht mag. Bsp.: Ich falle gerne anderen ins Wort, um meine Meinung schnell kund zu tun. Bei meinen LehrerkollegInnen kann ich diese Verhaltensweise jedoch schon mal gar nicht leiden.

Übertragung:
Ein Gegenüber erinnert uns (meist unbewusst) an einen anderen Menschen und wir reagieren in einer „alten Weise“ darauf. Bsp.: Schon bei meinem Bruder konnte ich nicht leiden, dass er …, und jetzt macht dieser Schüler ganz genau dasselbe.

Unrepräsentativer Kontakt:
Es entsteht ein einseitiges Bild meines Gegenübers in der Kommunikation, da ich diesen ja nur in einer Situation kenne und wahrnehme. Bsp.: Ich kenne Max nur aus meinem Deutschunterricht, nicht aber in seinem Engagement für beispielsweise die evangelische Kirche oder für ältere Mitmenschen.

Bedenken sollte man bezüglich der Kommunikation im Schulkontext auch:

„Nichts existiert für uns, bis wir in Beziehungen eintreten!“
(Der Eid des Sisyphos, S. 102)

„Optimale Kommunikation ist nur dann möglich, wenn wir dem anderen vermitteln, dass wir ihn als Person annehmen.“
(ebenda)

Ja, und falls Sie noch kurz vor der Vergabe der Halbjahreszeugnisse mit einer oder einem Beteiligten am System Schule einen „Zwischenfall“ hatten, über den Sie sich arg geärgert haben, so bietet die folgende Übung aus dem hier besprochenen Buch einen guten Weg zur Reflexion der Situation und zu einer möglichen Veränderung der Kommunikationsmethodik in einer ähnlich gelagerten neuen Situation.

„Denken Sie an einen ‚Zwischenfall‘ in Ihrem schulischen Kontext, bei dem Sie sich über Ihr Gegenüber geärgert haben, und beantworten Sie für sich folgende Fragen:
Was hat der andere gesagt oder getan?
Wie haben Sie dies interpretiert?
Welches Bild haben Sie von diesem Menschen?
Wie hat dieses Bild Ihre Interpretation des Geschehens beeinflusst?
War in Ihren Reaktionen eine negative Bewertung Ihres Gegenübers spürbar?
Haben Sie sich selbst durch Ihr Gegenüber negativ bewertet gefühlt?
Haben Sie ihm gezeigt, wie Sie seine Worte oder sein Handeln interpretieren und was diese Interpretation bei Ihnen auslöst, oder haben Sie sich hinter allgemeinen Aussagen, Vorwürfen oder Unnahbarkeit versteckt?“

„Der Eid des Sisyphos“ von Arnold und Arnold-Haecky bietet vielfältige Gedankenanregungen und Übungen und es ließe sich noch etliches über dieses kluge Buch zur Einführung in die Systemische Pädagogik schreiben. Für Frühjahr habe ich einen Blog-Artikel geplant über die fünf Leitsätze des systemischen Denkens und Handelns, die im Buch interessant, schul-nah und für alle gut verständlich formuliert sind …

Rolf Arnold hat übrigens auch darüber geschrieben, wie die Systemische Pädagogik zur DISZIPLIN steht …
Viel Spaß beim Weiterlesen
wünscht Christa D. Schäfer