Die beiden Phänomene Angst und Aggression haben einen engen Zusammenhang. Wird ein Menschen bedroht, so ruft das spontan bei ihm entweder Angst oder Aggression hervor. Und wird zunächst Angst hervorgerufen, so führt ihn dies entweder zur Flucht (flight) oder in die Aggression (fight).

Mit Aggression ist hier die mit Wut verbundene destruktive Aggression gemeint. Allgemein gesagt, dient die Aggression im ursprünglichen biologischen Sinn der Bewahrung der Unversehrtheit des eigenen Körpers und der Abwehr von Schmerz. Aus neurobiologischer Sicht lässt sich nicht nachweisen, dass die destruktive Aggression ein „Trieb“ ist. Sowohl Angst als auch Aggression sind vielmehr psychische und neurobiologische Zustände, die unter bestimmten Bedingungen abgerufen werden. Sie sind aber auch beide biologische Signale, die einem Menschen Bedrohung anzeigen und zugleich sein Verhaltensprogramm aktivieren, das ihn vor Gefahren schützen soll.

Absichtlich herbeigeführter physischer Schmerz ist immer direkter Auslöser für Aggression. Und wie die amerikanische Neuropsychologin Naomi Eisenberger herausgefunden hat, bewertet das menschliche Gehirn zugefügten körperlichen Schmerz auf die gleiche Weise wie soziale Ausgrenzung oder Demütigung. Das hat auch zur Folge, dass beides – physischer wie psychischer Schmerz – mit Aggression beantwortet wird.

Körperliche Unversehrtheit heißt also, auch sozial akzeptiert zu werden. Ausschluss und Erniedrigung sind aus psychologischer und neurobiologischer Sicht ein potentieller Aggressionsauslöser.

Kinder, die keine oder keine hinreichenden Erfahrungen sozialer Akzeptanz machen konnten bzw. machen, beantworten diesen Mangel aus einem unbewusst ablaufenden Mechanismus heraus mit erhöhter Aggressionsbereitschaft. Untersuchung haben ergeben, dass die stärksten Prädikatoren (Vorhersagefaktoren) für Gewalttätigkeit bei Heranwachsenden die selbst erlebte Gewalt und fehlende persönliche Bindungen sind.

Alles, was Menschen in Beziehungen erleben, wird vom Gehirn in biologische Signale verwandelt, wirkt sich auf Biologie und Leistungsfähigkeit unseres Körpers aus und beeinflusst unser Verhalten, was dann wiederum Rückwirkungen auf unsere Beziehungen hat. Da kommt das Stichwort der Spiegelneuronen ins Spiel …

Quelle dieser eben dargelegten Gedanken ist das Buch „Lob der SCHULE“ von Joachim Bauer, Medizinprofessor und Psychotherapeut. Er hat sieben Perspektiven für alle an Schule Beteiligten formuliert und sieht sein Buch als Grundlage für eine Neurobiologie der Schule an. Bauer formuliert 10 Regeln für einen Schulvertrag, beruhigt Eltern, indem er ihnen sagt, dass Erziehung nie „perfekt“ und stets „fehlerbehaftet“ sein wird, und ruft Lehrern zu:

„Wenige Berufe erfordern eine derart vielseitige Kompetenz wie die des Lehrers. Zu ihr gehören fachliches Können, starke persönliche Präsenz und Ausstrahlung und flexible Reagieren auf sich ständig verändernde Situationen genauso wie intuitives Gespür, Verständnis für völlig unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten, Widerstandskraft, Geschick bei atmosphärischem Gegenwind und – vor allem – Führung.“ (Bauer, S. 51)

Den Lehrerberuf sieht Joachim Bauer in einer Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung. Dabei bedeutet verstehende Zuwendung, den einzelnen Schüler sowohl unter dem Aspekt seines schulischen Könnens, als auch ihn vor allem als Person zu sehen. Führung bedeutet für ihn die Notwendigkeit, Werthaltungen zu vertreten, Ziele zu formulieren, Schüler zu fordern, Kritik zu üben, SchülerInnen Mut zu machen und sie zu unterstützen. Das “Lob der SCHULE“ ist wunderbar geschrieben und bietet viele Argumentationsketten, die das Feld der Schule mit den Bereichen der emotionalen und sozialen Kompetenz verbindet. Es ist hoch wissenschaftlich, bietet andererseits aber auch vollkommen praktische Anregungen für die Erziehung. Mit anderen Worten, dieses Buch ist derzeit fast so etwas wie ein „Muss“ unter Pädagogen …

Übrigens wirkt sich die soziale Akzeptanz von Kindern auch auf die spätere Gesundheit aus. Forscher einer Studie des Centre for Health Equity Studies in Stockholm verfolgten die Entwicklung von 14000 Kindern des Jahrgangs 1953 ab dem sechsten Schuljahr über 30 Jahre. Sie fanden heraus, dass Erwachsene, die in ihrer Kindheit ausgegrenzt waren, neunmal häufiger an Herzkrankheiten litten und viermal häufiger an Diabetes als ehemalige gut integrierte und gemochte Kinder. Verhaltensstörungen und psychische Erkrankungen traten bei ihnen doppelt so häufig auf. Kurz gesagt kann man also sagen, dass je beliebter ein Kind unter Gleichaltrigen ist, desto gesünder ist es in seinem späteren Leben. Die Apotheken Umschau 1/2010B berichtete kürzlich darüber.

Was nützt also die heutzutage fast mantrahafte Wiederholung des Begriffes Disziplin? Wir müssen vielmehr statt dem Disziplinbegriff der zunehmenden Beziehungs- und Bindungslosigkeit, in der Kinder und Jugendliche heute heranwachsen, massiv und wirksam entgegen treten, um das Gewaltproblem in der heutigen Gesellschaft und in den heutigen Schulen in den Griff zu bekommen!

Ja, und die Eingangsfrage, was soziale Akzeptanz mit Angst und Aggression zu tun hat, kann also eindeutig beantwortet werden:

Kinder ohne soziale Akzeptanz gehen in die Aggression.
Und umgekehrt: Aggression wird ebenso wie die Angst durch Bedrohung hervorgerufen.

Christa D. Schäfer