„Ich merkte, wie sich alles in mir zusammenzog und wie eine Wut in mir wuchs, von der ich genau wusste, dass ich sie jetzt nicht herauslassen würde. Schließlich sollte heute gefeiert werden.
Auf einmal fand ich, dass es Mama ganz recht geschah, wenn ich kein Geschenk für sie hatte. Da saß sie und hatte noch keine Ahnung, dass ich es vergessen hatte, und trotzdem kam sie mir mit keinem Blick entgegen. Die ganze Mühe, unsere Familienstimmung wieder in Ordnung zu bringen, lastete auf mir. Mama dachte überhaupt nicht daran, mitzuhelfen.
Dann nicht, liebe Dame, bitte schön, dachte ich. Kannst du haben.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich unfreundlich und setzte mich auf meinen Stuhl.
Papa sah mit flehendem Blick zu mir rüber, aber Mama stand nur geräuschvoll auf und fing an, den Frühstückstisch um meinen Platz herum abzuräumen.
„Kann man heute Nachmittag mit dir rechnen?“, fragte sie über die Schulter. „Ich frage nur, weil ich wissen will, wie viele Gedecke ich auftun soll.“
„Jaja“, sagte ich. „Nur keine Sorge.“
Da drehte Mama sich um und starrte mir nun doch direkt ins Gesicht.
„Oh, ich sorge mich schon lange nicht mehr!“, sagte sie laut. Die ganze Zeit zerknüllte sie ein Küchenhandtuch. In dieser Familie habe ich schon längst damit aufgehört.“
„Nun denkt doch mal daran, dass Geburtstag ist“, sagte Papa bittend.
Aber Mama hatte sich schon wieder zur Spüle gedreht. „Außer dir denkt da in dieser Familie sowieso keiner dran“, und sie fing an zu spülen, obwohl längst jemand vom technischen Dienst dagewesen war und unsere Spülmaschine repariert hatte.“

Das ist einer der Familienstreitigkeiten, über die Kirsten Boie in ihrem Buch “Das Ausgleichskind“ (S. 168 f.) geschrieben hat. Ein anderer ist der Streit zwischen der großen Tochter Marthe und der Mutter, der so weit geführt wurde, bis Marthe auszog. Auch da fühlte sich die jüngere Margaret schuldig; wie überhaupt an so Vielem in dieser Familie.

Ist aber auch klar, dass sie sich schuldig fühlt, denn sie ist – wie ihr Freund Akki das immer so schön sagt – das Ausgleichskind:

„Du bist ihr Trost in schweren Tagen, ihre Sonne bei Kummer und Regen, und dass du so genial bist, hilft ihnen über einiges hinweg. … Die Familie … ist ein System. Jedes Mitglied hat seine Rolle zu spielen. Verändert sich die Situation des einen, muss sich notwendigerweise auch die aller anderen verändern …“ (Das Ausgleichskind, S. 8 f.)

Und so haben wir in diesem Buch für Kinder ab 12 Jahren das Thema Familienstreit direkt neben den Gedankengängen zur Thematik „Die Familie als System“.

„Die Familie ist ein Schauplatz, wo die in den verschiedenen Generationen aktualisierten emotionalen Strömungen von Depression, Angst, defensivem Beharrungswillen und Protest aufeinanderstoßen.“ – so Horst-Eberhard Richter in seinem Buch: Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie, S. 29.

Margaret muss das perfekte Kind spielen und die Familienatmosphäre ausgleichen. Da die ältere Tochter gegangen ist, muss Margaret nun die gesamte Wucht des Familiengleichgewichts halten und den Ausgleich herstellen. Der Vater ist eher zurückhaltend, fast hilflos. Die Mutter konzentriert sich auf ihre jüngste Tochter und den Haushalt. In tradierten Rollenbildern verhaftet macht sie Margaret mit ihrer fast krankhaften Ehrgeizigkeit das Leben schwer. Glücklicherweise ergibt sich am Buchende ein Hoffnungsschimmer, der Ideen mitgibt, wie dieser Teufelskreis innerhalb von Familien durchbrochen werden kann. Und natürlich wäre in diesem Fall auch eine Familienmediation sehr hilfreich gewesen … !!

Christa D. Schäfer