1. Acht Männer im Anzug sitzen zu einer Besprechung um einen Tisch herum.
  2. Vier Männer links, vier rechts, die Finger zunächst zögerlich auf die jeweilige andere Gruppe gerichtet.
  3. Die vier Männer links stellen sich auf ihre Stühle, so sind sie größer. Die vier Männer rechts strecken energisch ihre Zeigefinger und deuten auf die Gruppe Männer gegenüber. Gleichzeitig wird der Lautstärkepegel lauter und lauter.
  4. Die vier Männer links verschränken ihre Arme, sie wirken stur. Die vier Männer rechts wollen so langsam auch nichts mehr gemeinsam, einer hat die Hände in den Hosentaschen, er wird von einem anderen gestützt, die Nase ist hoch oben.
  5. Zeigefinger aus beiden Gruppen tippen an die Stirn, Arme sind zum Spott ausgestreckt, lächerlich machen ist angesagt.
  6. Jetzt steigen zwei Männer, aus jeder Gruppe einer, auf den Tisch. Die anderen bilden eine Front und stehen direkt dahinter. Die Gesichter sind rot, die Luft knistert.
  7. Der Herr aus der linken Gruppe tritt dem Herrn aus der rechten Gruppe auf den Fuß. Der Herr aus der rechten Gruppe hebt die Hand zum Schlag. Oder war’s genau umgekehrt und der Herr aus der rechten Gruppe hebt die Hand und der Herr aus der linken Gruppe folgt mit seinem Fuß? Das Geschirr, das bis jetzt auf dem Tisch stand, zerbricht, Regenschirme werden zur Drohung im Kampf gezückt.
  8. Jetzt ist ein Gewirr von mehreren Menschen auf dem Tisch, Regenschirme sind erhoben, Stühle sind zum Schlag erhoben, es fliegen die Fetzen.
  9. Die ersten Männer und Frauen haben ein blaues Auge, es wird am eigenen Tisch gesägt, Äxte zerschlagen die Tischbeine, bald werden wohl alle gemeinsam alles zerstört haben.

Das ist Eskalation und ganz deutlich sind die neun Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl zu erkennen. Für Mediatorinnen und Mediatoren gehört das Wissen um die neun Eskalationsstufen eines Konflikts zum Grundhandwerkszeug. Jetzt gibt es genau neun Bildkarten zum Thema „Eskalationsstufen“, die das Thema fantastisch darstellen. Obige Beschreibung habe ich nach diesen Bildkarten erstellt und es ist daran leicht zu erkennen, was für Möglichkeiten in diesem Bildmaterial liegen.

Die Karten entstammen übrigens der Praxisbox „Streitkultur“ von Günther Gugel, herausgegeben vom Institut für Friedenspädagogik in Tübingen, gefördert von der Berghof Foundation for Conflict Studies. Neben den angesprochenen Bildkarten gibt es auch noch zwei Bildersets zu den Themen „Konfliktbearbeitung“ und „Versöhnung“; ein zugehöriges Booklet bietet Material zu den Themen und Anregungen zum Umgang mit dem Material.

Allein mit den Bildkarten zum Thema „Eskalationsstufen“ können vielfältige Übungen gemacht werden. Die obige Bilderfolge kann man beispielsweise psychodramatisch nachstellen, man kann eine Person aus der Bilderfolge suchen und sich empathisch in diese Person hineinversetzen, es kann Sprache zum Bild gesucht werden, die Bilderfolge kann in Reihenfolge gebracht und analysiert werden, Konflikte können in ihrer Ähnlichkeit zur Bildfolge interpretiert werden, die Eskalationsstufen können auf andere Konflikte bei gleicher Bildlichkeit zum Original angewandt werden, usw. usw. Für einen weiteren Höhepunkt in der Arbeit mit dem Thema Konflikteskalation ist im Booklet sogar eine Video-DVD enthalten, das u.a. ein Interview mit Friedrich Glasl enthält.

In der nächsten von mir geleiteten Mediationsausbildung werde ich die Bildkarten zur Konflikteskalation mit Sicherheit einsetzen und auch für die Arbeit mit Schülern bieten sich die Karten wunderbar an. Für alle, die die neun Eskalationsstufen noch nicht kennen, hier ein kurzer Einblick:

1. Verhärtung
Standpunkte verhärten sich, prallen aufeinander.

2. Debatte
Es gibt eine Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen, ein Schwarz-Weiß-Denken kommt auf, die Sichtweise ist von den Begriffen Über- und Unterlegenheit geprägt.

3. Stufe Aktionen
Die Empathie mit dem Streitpartner geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst, und es herrscht die Meinung, dass Reden nun nicht mehr viel hilft.

4. Stufe Images/Koalitionen
Es werden Klischess und Stereotypen aufgebaut, gegenseitig werden sich negative Rollen zugeschoben, und es werden Unterstützer und Anhänger für die eigene Meinung geworben.

5. Gesichtsverlust
Öffentliche und direkte Angriffe sollen zum Gesichtsverlust beim Konfliktgegner führen.

6. Drohstrategien
Es wird gedroht und die Gegendrohungen folgen direkt.

7. Begrenzte Vernichtungsschläge
Drohen reicht nicht mehr, Schädigungen müssen her, beim Gegner möglichst große Schäden, in den eigenen Reihen werden dafür auch kleinere Schäden in Kauf genommen.

8. Zersplitterung
Jetzt soll das feindliche System zerstört werden, koste es was es wolle.

9. Gemeinsam in den Abgrund
Auf keinen Fall darf der andere gewinnen, da nimmt man doch eher die Selbstvernichtung mit in Kauf, es gibt keinen Werg mehr zurück.

Wer meine Artikel zum Thema „Rockerkrieg“ verfolgt hat, kann übrigens auch hieran gut die verschiedenen Stufen einer Konflikteskalation nachvollziehen. Und falls Sie mögen, so können Sie natürlich auch einen ihrer Konflikte in die oben genannten Eskalationsstufen einordnen. Solange die Eskalationsstufe noch eine niedrige ist, können Sie mit geeigneter Kommunikation den Konflikt gut alleine angehen. Irgendwann dann ist jedoch eine Unterstützung durch eine neutrale dritte Person, also einen Mediator oder eine Mediatorin eine gute Wahl …

Christa D. Schäfer