Eine Mediatorin bzw. eine Mediator kann sich auf die Mediation in und mit Gruppen spezialisieren. MediationsausbilderInnen haben es natürlich mit Gruppen in der Ausbildung zur Mediation zu tun.

Es gibt die vielfältigsten Formen von Gruppen: ein Team, ein Verein, eine Familie, eine Schulgruppe, oder auch eine betriebliche oder religiöse Gruppen. Nach der heute gängigen Kleingruppenforschung besitzen Gruppen zwischen 3 bis ca. 20 Mitgliedern (ab 20 Personen spricht man dann von einer Großgruppe), eine gemeinsame Aufgabe bzw. ein gemeinsames Ziel, die Möglichkeit zur direkten face-to-face-Kommunikation sowie eine gewisse Dauer an Gemeinsamkeit, die von 3 Stunden bis zu mehreren Jahren laufen kann. Gruppen entwickeln mit der Zeit ein Wir-Gefühl der Gruppenzugehörigkeit, ein System gemeinsamer Normen und Werte als Grundlage der Kommunikations- und Interaktionsprozesse sowie ein Geflecht aufeinander bezogener Rollen, die auf das Gruppenziel bezogen sind.

Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden in Wissenschaft und Praxis vielfältige Ideen zum sozialen Ort Gruppe. Eine besondere Rolle spielte dabei Kurt Lewin (1890 – 1947), der Demokratisierungsprozesse ins Zentrum seiner Forschungen stellte und die verschiedenen Gruppen des sozialen Lebens als Orte sah, an denen diese alltagspraktisch umgesetzt werden sollten. Lewin und seine Mitarbeiter entwickelten eine Verhaltenstheorie der Führung; sie unterschieden zwischen einem autokratischen Führungsstil (auf Befehlen, Lob und Tadel beruhend), einem demokratischen Führungsstil (auf Aushandeln und Überzeugen basierend) und einem „Laissez-faire“-Stil (der die Geführten weitgehend sich selber überlässt). Die Gruppendynamik wurde in einem der Forschungsprojekte Lewins am MIT (Massachusetts Institute of Technology) als praktisches Verfahren „entdeckt“.

Das vom Carl-Auer Verlag herausgegebene und von Oliver König und Karl Schattenhofer verfasste Buch „Einführung in die Gruppendynamik“ gibt einen aktuellen, knappen und dennoch prägnanten Überblick zur Theorie der Gruppendynamik für MediatorInnen, MediationsausbilderInnen und andere Professionen.

Für MediatorInnen ist beispielsweise der horizontale Schnitt durch einen Gruppenprozess spannend, also das im Buch auf Gruppen angewandte Eisbergbild. Wenn man sich die Arbeit mit einer Gruppe als Eisberg symbolisiert vorstellt, so gibt es innerhalb der Gruppe Themen, die direkt sichtbar sind und einiges, das sich im Verborgenen, also unter Wasser versteckt hält. Sichtbar ist natürlich die Sachebene, also das Thema und das Arbeitsziel der Gruppe, das erkennt auch jeder Außenstehende meist innerhalb kürzester Zeit. Unterhalb der Wasseroberfläche gibt es jedoch verschiedenen Schichten. Da befindet sich zunächst direkt unter der Wasseroberfläche die Beziehungsebene sowie die Sozio- und Gruppendynamik, darunter die Psychodynamische Ebene sowie die Beziehungsbedeutungsebene mit den Psychologischen Prozessen der Übertragung und Gegenübertragung, und darunter der Kernkonflikt der Gruppe. Von oben nach unten nimmt in Gruppenprozessen sowohl die Kommunizierbarkeit als auch die Bewusstheit ab und so wird ein von Außen hereinkommender Gast in einer Gruppe wohl kaum innerhalb der ersten Zeit die gewachsenen Strukturen und Beziehungen untereinander deuten bzw. ablesen können. Dazu bedarf es genauerer Kenntnis der Gruppe oder einer guten Fragetechnik und einem guten „Gespür“, um die Prozesse aufdecken und „ordnen“ zu können.

Nicht umsonst ist also die Mediation in Gruppen (und mit Gruppen) ein wichtiger extra zu behandelnder Punkt in der Mediationsausbildung bzw. eine Spezialisierung in der Mediationsarbeit. Eine Mediatiorin wird über dem Eisberg arbeiten, aber auch in ihrer Arbeit mit einer Gruppe unter den Eisberg gehen müssen, um die Mediation erfolgreich abschließen zu können. Genauso wie beim Konflikt, so liegt auch bei der Arbeit mit einer Gruppe einer der wichtigen Schlüssel zum Erfolg „unter dem Eisberg“.

Für MediationsausbilderInnen ist unter anderem das fünfphasige Modell der Gruppenentwicklung äußerst interessant. Die fünf Phasen werden im Buch betitelt mit: 1. Orientierung, 2. Positions- und Rollenklärung, 3. Vertrautheit und Konsolidierung, 4. Differenzierung und 5. Abschluss. In diesen fünf Phasen hat sowohl die Gruppe als Ganzes, als auch der Einzelne und natürlich die Gruppenleitung verschiedene Situation zu meistern und verschiedene Aufgaben zu bewältigen. In der ersten Phase wird beispielsweise jedes Gruppenmitglied vor die Aufgabe gestellt, den Kontakt zu den anderen Gruppenmitgliedern herzustellen, sich selber vorzustellen, den anderen Gruppenmitgliedern Raum zu lassen und den Anfang mit zu gestalten. In der zweiten Gruppenphase müssen die Gruppenmitglieder Position beziehen (können). Dazu gehört es, seine Meinung vertreten zu können, auch wenn diese nicht auf positive Resonanz stößt. Und dazu gehört es auch seine Interessen, Wünsche und Befürchtungen transparent zu machen und Spannungen in der Gruppe auszuhalten. In der dritten Gruppenphase muss jedes Gruppenmitglied Nähe aushalten können. Es ist wichtig, Prozesse mit zu gestalten ohne Angst, die eigene Individualität zu verlieren. Die vierte Gruppenphase bietet die Anforderung an den Einzelnen durchzuhalten, weiterzumachen, die Experimentierfreudigkeit nicht zu verlieren, neue Aufgaben auszuprobieren und auch die kollegiale Führung übernehmen zu können. Die letzte und fünfte Gruppenphase muss Abschied und Trennung gestalten. Jeder aus der Gruppe hat nun die Aufgabe sich trennen zu können und sich neu zu orientieren, Offenes muss noch angesprochen werden, aber nicht alles Versäumte kann nachgeholt werden.

Für jeden, der mit Gruppen arbeitet, ist dieses Wissen wichtig. Eine Lehrerin hat Klassen, mit denen sie über ein Schuljahr oder länger zusammen lernt. Teamleiter arbeiten mit Teams, die ein Projekt über einen bestimmten Zeitraum hindurch bearbeiten und meist unter Erfolgsdruck stehen. Eine MediationsausbilderIn kann mit diesem Wissen die Gruppendynamik ihrer Ausbildungsgruppe nachvollziehen und bewusst gestalten. Wird transparent mit der Gruppendynamik gearbeitet, so können die Gruppenteilnehmer gleichzeitig einen Grundstock an Wissen über Gruppenprozesse erfahren und mitnehmen.

Mediationen mit Gruppen im Gemeinwesen oder im öffentlichen Raum fallen übrigens unter den Begriff der Gemeinwesenmediation. Derzeit läuft in Berlin eine der größten öffentlich beachteten Gemeinwesenmediationen der letzten Jahre mit verschiedenen Großgruppen. Die Admiralbrücke in Kreuzberg ist zugleich Grund und Standort dieser Mediation, erste Ergebnisse der Mediation sind bereits ablesbar.

Christa D. Schäfer