„Die Sache mit dem Pausenbrot begann, als ein Junge namens Petey rief, will jemand ein Mortadella-Sandwich?!
Soll das ein Witz sein? Deine Mutter muss einen schönen Hass auf dich haben, dass sie dir solche Sandwiches mitgibt.
Petey warf die braune Tüte mit dem Sandwich nach dem Kritiker, Andy, und die Klasse johlte. Haut euch, haut euch, riefen sie. Haut euch, haut euch. Die Tüte landete auf dem Boden, zwischen der Tafel und der ersten Reihe, in der Andy saß.
Ich kam hinter meinem Pult hervor und tat die erste Äußerung meiner Lehrerlaufbahn: he. Vier Jahre Studium an einer New Yorker University, und mir fiel nichts Besseres ein als He.
Ich sagte es noch einmal. He.
Sie beachteten mich nicht. Sie waren damit beschäftigt, die beiden Kampfhähne anzuspornen. Mit einer Keilerei konnten sie Zeit schinden und mich vor etwaigen Unterrichtsplänen ablenken. Ich ging zu Petey und sagte meinen ersten Satz als Lehrer. Hör auf, mit Sandwiches um dich zu schmeißen. Petey und der ganzen Klasse verschlug es die Sprache. Dieser Lehrer, ein Neuer, hatte sie gerade um eine zünftige Keilerei gebracht. Neue Lehrer machen so was nicht, sie halten sich raus oder lassen den Rektor oder einen Konrektor holen, und jeder weiß, dass es Jahre dauert, bis einer von denen kommt. Bis dahin kann man die schönste Keilerei veranstalten. Außerdem, was soll man von einem Lehrer halten, der einem sagt, man soll aufhören, mit Sandwiches zu schmeißen, wenn man das Sandwich schon geschmissen hat?
Benny rief aus der letzten Reihe: He, Mister, der hat doch das Sangwitches schon geschmissen. Wieso sagen Sie ihm jetz, er soll nich mit dem Sangwits schmeißen? Das Sangwits liegt da am Boden.
Alle lachten. Es gibt nichts Dümmeres auf der Welt als einen Lehrer, der einem etwas verbietet, was man schon getan hat. Ein Junge hielt sich die Hand vor den Mund und sagte Blödmann, und es war klar, dass er mich damit meinte. Ich hätte ihn am liebsten aus seiner Bank gezerrt, aber das wäre das Ende meiner Lehrerlaufbahn gewesen. Außerdem war die Hand, die er sich vor den Mund hielt, riesig, und seine Bank war zu klein für seinen Körper.
Irgendjemand sagte: Mann, Benny, bist du’n Anwalt oder so was?, und die Klasse lachte wieder. Ja, ja, sagen sie und warteten auf meine Reaktion. Was wird der neue Lehrer machen?
Die Pädagogikprofessoren an der New Yorker Universität hatten uns nie gesagt, wie man fliegende Pausenbrote in den Griff kriegt. Sie hatten über Erziehungstheorie und -philosophie doziert, über Moral und Ethik, über die Notwendigkeit, das Kind als Ganzes zu sehen, als Gestalt, bitte schön, über die subjektiven Bedürfnisse des Kindes, aber nie über kritische Situationen im Schulalltag.
Sollte ich sagen, he, Petey, komm her und heb das Sandwich auf, sonst kannst du was erleben? Sollte ich es selbst aufheben und in den Papierkorb werfen, um meine Verachtung für Menschen auszudrücken, die mit Sandwiches um sich schmeißen, während anderswo auf der Welt Millionen verhungern?
Sie mussten begreifen, dass ich der Boss war, dass ich streng war, dass ich mir ihren Scheiß nicht gefallen ließ.
Das Sandwich, in Pergamentpapier, schaute halb aus der Tüte heraus, und meine Nase sagte mir, dass noch mehr darauf war als nur Mortadella. Ich hob es auf und wickelte es aus. Es war kein gewöhnliches Sandwich, nicht nur lieblos zwischen zwei Scheiben fades amerikanisches Weißbrot geklemmte Wurst. Das Brot war dick und dunkel, von einer italienischen Mamma in Brooklyn gebacken, so kräftig, dass man es mit mehreren Scheiben fetter Mortadella, Tomaten- und Gurkenscheiben, Zwiebeln und Paprika belegen konnte, das Ganze verfeinert mit ein paar Tropfen Olivenöl und einer himmlischen Remoulade.
Ich aß das Sandwich.
Das war meine erste Amtshandlung im Klassenzimmer. Mein vollgestopfter Mund faszinierte sie. Fassungslos glotzen sie zu mir hoch, vierunddreißig Jungen und Mädchen, Durchschnittsalter sechzehn. Ich sah die Bewunderung in ihren Augen, der erste Lehrer in ihrem Leben, der ein Sandwich vom Boden aufhob und es vor versammelter Mannschaft verdrückte. Sandwichman. In meiner Kindheit in Irland hatten wir einen Lehrer bewundert, der jeden Tag einen Apfel schälte und aß und Musterknaben mit dem langen Schalenstreifen belohnte. Meine Schüler hier schauten zu, wie mir das Öl vom Kinn auf meinen Zweidollar-Schlips von Klein-on-the-Square tropfte.
Petey sagte, he, Mister, das ist mein Sandwich, was Sie da essen.
Die anderen wiesen ihn zurecht. Halt die Klappe, sieht du nicht, dass der Lehrer isst?
Ich lecke mir die Finger ab. Ich machte Mmm, knüllte das Papier zu einer Kugel zusammen und warf es in den Abfallkorb. Die Klasse applaudierte. Wow, sagten sie und Große Klasse und Maaaann, seht euch das an. Er mampft das Sandwich. Er trifft in den Korb. Wow.
Das also ist Unterrichten? Ja, wow, ich kam mir vor wie ein Held. Ich hatte das Sandwich gegessen. Ich hatte in den Korb getroffen. Ich hatte das Gefühl, mit dieser Klasse alles machen zu können. Von jetzt an würden sie mir aus der Hand fressen. Schön und gut, nur wusste ich nicht, wie ich weitermachen sollte. Ich war hier, um zu unterrichten, und ich fragte mich, wie ich den Übergang vom Sandwich zu Rechtschreibung, Grammatik, dem Aufbau eines Absatzes oder irgend etwas anderem schaffen sollte, was zu meinem Unterrichtsfach Englisch gehörte …“

Dieses Zitat entstammt dem wunderbaren Buch von Frank McCourt mit dem Titel „Tag und Nacht und auch im Sommer“. Es bleibt an dieser Stelle unkommentiert …

Ich wünsche allen Berliner Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen und Schülern, Schulleiterinnen und Schulleitern einen guten Start in das neue Schuljahr!
Christa D. Schäfer

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