Kann es möglich sein, was die Welt online kürzlich zum Schuljahresbeginn berichtete: „An Berliner Schulen kehrt die DDR-Pädagogik zurück. Von wegen Kuschelpädagogik: In Berlin findet zurzeit in Lehrer- und Klassenzimmern ein Kulturkampf zwischen Ost und West statt.“

LehrerInnen aus dem Ost-Teil der Stadt nutzen weiterhin Methode der DDR-Pädagogik und bringen diese auch in den Westteil der Stadt mit, wenn sie dort hin versetzt werden. Der britisch-deutsche Journalist Alan Posener des Welt-online-Artikels berichtet dazu folgendes Beispiel:

Vielleicht muss der Junge aufs Klo. Jedenfalls meldet sich der Zehnjährige: „Ich will…“ Die Lehrerin unterbricht: „Du WILLST?“ Sie wendet sich an die Klasse: „Was sagen wir da?“ Im Chor antworten die Kinder: „Ich will ist gestorben, hat sich den Magen verdorben!“ Die Lehrerin nickt zufrieden, der Junge verbessert sich: „Ich möchte…“

Professor Thomas Jahnke, der an der Uni Potsdam Mathematikdidaktik lehrt, beschreibt, dass der Einfluss der im Osten praktizierten Paukpädagogik sich auch in der nächsten Generation fortsetze. Er bemerke an seinen heutigen Lehramtsstudenten aus dem Osten die „verkörperte DDR-Pädagogik. Sie sind für Ruhe und Ordnung, für kleinschrittiges Vorgehen und Auswendiglernen und gegen die Reformpädagogik.“

Dennoch hat die Methode der Peer-Mediation glücklicherweise im ehemaligen Ostteil wie im ehemaligen Westteil Berlins viele Anhänger. Es gibt eine Vielzahl von Schulen, in denen Peer-Mediation praktiziert wird. Sie wird entweder von externen Fachleuten in der Schule etabliert oder, was mehr Sinn macht, von mindestens zwei in der Schule arbeitenden PädagogInnen, die eine Schulmediationsausbildung haben, angeleitet. Die Ausbildung im Bereich Schulmediation setzt nach den Richtlinien des Bundesverbandes Mediation (BM) eine mindestens 80stündige Ausbildung voraus.

Diese so ausgebildeten PädagogInnen bilden sodann Schülerinnen und Schüler in einer 40stündigen Unterrichtseinheit aus. Die SchülerInnen heißen dann Konfliktlotsen oder auch Streitschlichter. Diese beiden Begriffe werden heutzutage gleichberechtigt genutzt, dennoch gibt es fachlich gesehen einen Unterschied in der Arbeit der beiden Gruppen. Während Streitschlichter in Konfliktfällen mediieren, können Konfliktlotsen auch deeskalierend tätig werden und haben damit ein größeres Arbeitsspektrum.

Es müssen viele Faktoren im Schulalltag geklärt sein, damit die SchülermediatorInnen gut arbeiten können. Immer wieder höre und erlebe ich Schulen, wo das Projekt nur mit Müh‘ und Not aufrecht erhalten werden kann, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen, die SchülerInnen nicht ernst genommen werden, die Strukturen nicht stimmen usw. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Gelingensfaktoren für die Peer-Mediation an Schulen. Gerade jetzt zu Schuljahresbeginn ist es gut, sich diese erneut vorzunehmen und das Peer-Mediation-Projekt der eigenen Schule wieder auf eine gute Bahn zu bringen.

Leider gibt es derzeit keine aktuelle Statistik, wie viele Konfliktlotsen und Streitschlichter an Berliner Grundschulen, Sekundarschulen und Gymnasien arbeiten, aber die Zahl wird sicherlich beachtlich sein. Übrigens gab es vor Schulbeginn nach Aussagen der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ eine Mediation zwischen zwei Schulleitern, deren beide Schulen, eine Haupt- und eine Realschule, zu einer Sekundarschule zusammengelegt worden sind. Wunderbar, dass die Methode der Mediation jetzt auch für derartige Fälle genutzt wird.

Allen KonfliktlotsInnen, StreitschlichterInnen und SchulmediatorInnen wünsche ich gutes Arbeiten im neuen Schuljahr! Übrigens biete ich ab November wieder einen neuen Kurs für Schulmediation an, falls Sie also Interesse haben …

Christa D. Schäfer