„Eine junge Lehramtsanwärterin saß neben mir in der Lehrerkantine. Sie sollte im September ihre reguläre Lehrtätigkeit aufnehmen und fragte mich, ob ich ihr einen Rat geben könne.

Finden Sie heraus, was Sie lieben, und tun Sie es. Darauf läuft es hinaus. Zugegeben, ich habe das Lehrersein nicht immer geliebt. Ich war in unbekannten Gewässern unterwegs. Man ist auf sich gestellt im Klassenzimmer, ein Mann oder eine Frau vor fünf Klassen täglich, fünf Klassen von Teenagern. Eine Energieeinheit gegen hundertfünfundziebzig Energieeinheiten, hundertfünfundsiebzig tickende Zeitbomben, und man muss Wege finden, seine Haut zu retten. Vielleicht mögen sie einen, vielleicht lieben sie einen sogar, aber sie sind jung, und es ist Sache der Jungen, die Alten vom Planeten zu schubsen. Ich weiß, ich übertreibe, aber es hat wirklich was von einem Boxer, der in den Ring steigt, oder einem Stierkämpfer, der in die Arena hinaustritt. Man kann k.o. geschlagen oder aufgespießt werden, und das ist dann das Ende einer Lehrerlaufbahn. Aber wenn man durchhält, lernt man mit der Zeit die Tricks. Es ist alles andere als leicht, aber Sie müssen sich im Klassenzimmer wohl fühlen können. Sie müssen egoistisch sein. Im Flugzeug sagt man Ihnen, falls die Sauerstoffzufuhr ausfällt, sollen Sie Ihre eigene Maske zuerst aufsetzen, obwohl Sie instinktiv zuerst an Ihr eigenes Kind denken würden.

Das Klassenzimmer ist ein Ort höchster Dramatik. Sie werden nie erfahren, was Sie den Hunderten, die da kommen und gehen, angetan oder was Sie für sie getan haben. Sie sehen sie hinausgehen: träumerisch, abwesend, spöttisch, bewundernd, lächelnd, ratlos. Nach ein paar Jahren wachsen Ihnen Antennen. Sie merken es, ob Sie sie erreichen oder abgeschreckt haben. Das ist Chemie. Psychologie. Instinkt. Sie sind mit den Kindern zusammen, und solange Sie Lehrerin bleiben wollen, gibt es kein Entrinnen. Hoffen Sie nicht auf Hilfe von Menschen, die dem Klassenzimmer entflohen sind, von den Höhergestellten. Die sind immer gerade beim Mittagessen oder denken an Höheres. Sie sind mit den Kindern allein. Ah, es klingelt. Tschüs. Finden Sie heraus, was Sie lieben, und tun Sie es.“

Das ist der Rat, den Frank McCourt einer jungen Lehramtsanwärterin gibt. McCourt hat 30 Jahre an New Yorker High Schools unterrichtet und seine Erfahrungen in dem wunderbares Buch „Tag und Nacht und auch im Sommer“ aufgeschrieben. In dem Buch erzählt er, was er von seinen insgesamt zwölftausend Schülern gelernt hat – als Lehrer, als Geschichtenerzähler, als Schriftsteller. Das Buch ist in der Zwischenzeit zu einem meiner Lieblingsbücher geworden …

Heutzutage ist Unterrichten auch in Berlin kein „gefährliches unbekanntes Gewässer“, vielmehr macht das Unterrichten, das Lehrer sein und Lehrer werden sogar viel Spaß. Übrigens unterrichte ich in diesem Semester an der UdK Berlin im Modul „Grundfragen von Erziehung, Bildung und Schule“ und an der FU Berlin im Hauptseminar zum Modul „Lernmotivation und Beratung“. Natürlich werden die Themen „Umgang mit schwierigen Klassen“, „Schulmediation“ und Unterrichtsstörungen einen wichtigen Platz einnehmen. Ich freue mich auf meine Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer …

Christa D. Schäfer

Übrigens finden Sie hier im Blog eine weitere Passage aus Frank McCourts Buch “Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot“.