Halbmondwahrheiten, das ist ein Begriff, den Kemal geprägt hat. Kemal ist einer der 12 Männer, mit denen die Journalistin Isabella Kroth Interviews geführt und deren Geschichten sie aufgeschrieben hat. Halbmondwahrheiten, so heißt auch das Buch, über das ich hier berichten möchte.

„Türkische Männer in Deutschland. Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft“, so lautet der Untertitel dieses Buches und es ist ein bewegender Bericht über türkische Männer, über Probleme und Konflikte im Spannungsfeld eines türkisch-deutschen Lebensbildes. Das Buch schildert auch die Geschichte Kazim Erdogans, der vor vier Jahren eine Männergruppe in Berlin Neukölln gegründet hat. Dort können türkische Männer von 25 – 70 Jahren über ihre Probleme sprechen, über Schwierigkeiten in ihrer Familie, mit ihren Kindern und ihren Frauen, über Arbeitslosigkeit und das Leben in einem fremden Land. Viele der Männer schaffen es kaum, den Widerspruch zwischen ihrer traditionellen Männerrolle und der sie umgebenden Gesellschaft auszuhalten.

Ehrenmord, Zwangsheirat, Gewalt, das sind Begriffe, die oft mit muslimischen Männern in Verbindung gebracht werden. Dass Männer auch ganz schnell Opfer ihrer Situation werden und sein können, das zeigt uns Isabella Kroth in ihrem Buch „Halbmondwahrheiten“. Die Geschichten sind eindrucksvoll, spannend, erschütternd. Sowohl für PädagogInnen als auch für MediatorInnen ist dieses Buch ein absolutes Muss.

Kemal beispielsweise verbrachte seine Kindheit bei seinen Großeltern in der Türkei, in Ayvalik an der türkischen Ägäisküste. Im Alter von sieben Jahren wird er von seinen damals in Deutschland lebenden Eltern quasi nach Deutschland entführt. Sein Leben bleibt von Entwurzelung und Neuanfängen geprägt, mal in Deutschland, mal in der Türkei. Seit der Trennung von seiner Frau sind auch seine beiden Kinder getrennt, der eine Sohn wohnt bei ihm in Berlin, der andere bei seiner Frau in der Türkei.

Was dieses Leben für Probleme und Konflikte hervorruft, kann man ansatzweise ahnen; in Isabella Kroths Buch Halbmondwahrheiten kann man es nachlesen. Interkulturelle Kompetenz setzt auch Wissen voraus, und ein Stück davon kann man sich in diesem Buch erlesen. Hoffentlich habe ich Ihnen dieses Buch ans Herz legen können, denn ich wünsche ihm viele viele Leser. Viele Leser auch gerade aus Berlin, denn es schildert Geschichten, die uns in Berlin nahe sind, die uns aber verschlossen sind und von denen wir aber nichts wissen.

Passend dazu gibt es übrigens derzeit im Kreuzberg Museum in der Adalbertstr. 95A in Berlin noch bis zum 6. Februar eine Ausstellung, in der Lebensgeschichten von Migrantinnen aufgezeigt werden. Migrantinnen, das sind hier türkische Gastarbeiterinnen, die nach Deutschland gekommen sind, und es sind auch deutsche Frauen, die in der Türkei, in Istanbul leben.

„Die Geschichte einer Migration beginnt mit dem Abschied vom Leben in der alten Heimat, zurück bleiben Freunde und Familie. Wer diesen Schritt wagt, steht vor der Mammutaufgabe, sich in einem anderen Land zurechtzufinden, eine fremde Sprache zu lernen und den Alltag in einer Welt zu meistern, die auf völlig anderen Bräuchen und Sitten fußt.“ so der Tagesspiegel zu dieser Ausstellung.

„Die Männer wagen einen Tabubruch, indem sie offen über Schwächen, Fehler und manchen religiös oder traditionell begründeten Irrglauben sprechen. Polygamie, die Gedanken an einen Ehrenmord, Drogenhandel, Scheinehe – sie erklären, wie es dazu kommen kann. Ich will in den Geschichten nicht be- oder verurteilen, sie sollen ein Versuch sein, zu erklären; deshalb sind sie so wertneutral wie möglich aufgeschrieben. Wer nicht zuhört, wer zu schnell urteilt, dem bleibt jede Gesellschaft verschlossen. Die Männer geben Einblick in eine Gesellschaft, die wie von unsichtbaren Mauern umgeben zu sein scheint. Diese Männer haben sie durchbrochen.“ so Isabella Kroth in dem Vorwort zu ihrem Buch „Halbwahrheiten“. (S. 15)

Die hier angesprochene Form der Interkulturellen Kompetenz sollte für viele Menschen Vorbild sein: Im Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen deren spezifische Konzepte der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Handelns erfassen und begreifen; frühere Erfahrungen frei von Vorurteilen mit einbeziehen und erweiteren. Das ist der Weg, den wir in einer interkulturell geprägten Gesellschaft gehen sollten.

Nicht nur MediatorInnen, die Interkulturelle Mediationen durchführen, dürfen dafür Experten sein.

Christa D. Schäfer