Alice im Wunderland ist das Kinderbuch des britischen Schriftstellers Lewis Carroll, das 1865 erschienen ist. „Alice im Netz“ ist ein Jugendbuch der Kinder- und Jugendbuchautorin Antje Szillat, das 2010 erschienen ist. Die Alice von 1865 lebt in einer fiktionalen Welt, Alice im Netz bewegt sich in virtuellen Welten.

Die heutige Alice aus dem Roman von Antje Szillat schreibt einen privaten Schulblog, der sich im Laufe von zwei Jahren zu einem viel besuchten, öffentlichen Schultagebuch entwickelt hat. Über so ziemlich alles berichtet Alice darin, über Lehrerinnen und Lehrer, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Natürlich kommen alle Figuren in ihrem Blog nur unter einem Tarnnamen vor. Dennoch erkennt man natürlich in ihren spöttischen, lustigen und mitunter vernichtenden Artikeln die Personen hinter den anonymisierten Namen.

Obwohl Alice unter dem Namen „Rasende Rita“ in Erscheinung tritt, wissen doch einige ihrer Mitschüler, wer hinter dem Blog steht. Und da sie allzu sorglos mit Informationen über sich und andere umgeht, lässt das Unheil nicht lange auf sich warten. Irgendwann meldet sich Jared bei ihr mit den Worten „Alice! Alles, was ich über dich weiß, hast du mir selbst verraten. Alles, was du über mich wissen musst, ist, dass ich dich liebe – und dass du mir nicht entkommen kannst …“ Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf und Alice gerät in eine heftige Geschichte hinein. Erst wird sie in ihrem Zimmer nachts gefilmt und der Film landet im Netz, dann wird die Geschichte immer verworrener und Alice landet in einem lebensbedrohlichen Alptraum.

Ausgelöst durch die freizügige Art des Schreibens gerät Alice in eine Situation, die zwischen Cyber-Mobbing und Cyber-Stalking angesiedelt ist.

Mobbing bedeutet umgangssprachlich, dass jemand über einen längeren Zeitraum geärgert, schikaniert, in passiver Form als Kontaktverweigerung mehrheitlich gemieden oder in sonstiger Weise in seiner Würde verletzt wird. In der Form des Cyber-Mobbings passiert dieses Ärgern, Schikanieren usw. mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet, in Chatrooms oder per handy und Telefon.

Stalking meint nach M. Pathe und P.E. Mullen (1997) eine „Verhaltenskonstellation, in der eine Person der anderen wiederholt unerwünschte Kommunikation oder Annäherung erzwingt“. Den Begriff des Cyber-Stalkings gibt es meines Wissens nach als solchen bisher noch nicht. Meiner Ansicht nach müsste man darunter folgerichtig ein Stalking verstehen, das beispielsweise angeregt durch das Internet startet und sich dann auf reale Situation ausweitet. Genau damit haben wir es in dem Buch „Alice im Netz“ zu tun.

Die australischen Wissenschaftler P.E. Mullen, M. Pathe und Purcell haben in ihrem Buch „Stalkers and their victims“ (Cambridge University Press, Cambridge) eine psychologische Einteilung der Stalker in sechs Gruppen vorgenommen. Sie berichten von zurückgewiesenen Stalkern, intellektuell retardierten Stalkern, rachsüchtigen Stalkern, erotomanen morbiden krankhaften Stalker, sadistischen Stalkern und beziehungssuchenden Stalkern. Diese Klassifizierung zugrunde legend findet man in dem Buch „Alice im Netz“ den beziehungssuchenden Stalker. Eine Fehlwahrnehmungen des Stalkers in Bezug auf die Beziehungsbereitschaft des Opfers führt das Opfer in eine angstauslösende krisenhafte traumatische Situation.

Psychische Störungen sind meist die Folge für das Opfer von Stalkingsituationen, mitunter gehen sie sogar mit einer PTBS, einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus derartigen Situationen heraus. Schülerinnen und Schülern aus den Schuljahren 7. bis 9., die dieses Buch gelesen haben, werden sich sicherlich nicht mehr unvoreingenommen und naiv in den sozialen Netzwerken im Internet bewegen. „Heilsam, aber knallhart“, so meine Empfehlung für dieses Buch. Damit reiht es sich wunderbar in die Liste meiner Empfehlungen für die Mobbingprävention in Schulklassen ein. Zu diesem Buch gibt es übrigens auch ausführliche Unterrichtsempfehlungen.

Christa D. Schäfer

 

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