Wenn man über Unterrichtsstörungen bloggt, muss man natürlich das Buch „Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer“ gelesen haben. Stephan Serin beschreibt in diesem Buch intelligent und witzig seine Zeit als Referendar in einem Berliner Gymnasium. Hier eine der beschriebenen Begebenheiten zum Thema Unterrichtsstörungen:

Lehrkraft und Disziplinator = Persönlichkeit

Die Referendare aus meiner Seminargruppe wollten von unserem Hauptseminarleiter vor allem eins wissen: Was können wir gegen die permanenten Störungen und Disziplinprobleme im Unterricht tun? Leider bot Herr Schubert dazu nur eine Veranstaltung an, bei der vielen von uns schnell klar wurde, dass seine unterrichtspraktischen Erfahrungen einige Jahre zurücklagen. Ich gehörte nicht zu diesen Referendaren.

Da ich nach kompetenten Autoritäten suchte, von deren Kenntnis ich profitieren konnte, glaubte ich damals an Herrn Schubert und war gewillt, seine Handlungsempfehlung in meinen eigenen Klassen umzusetzen. Sie lautete: „Stellen Sie sich vor, Sie halten einen Lehrervortrag und ein Schüler provoziert Sie wiederholt durch provokante Zwischenrufe wie ‚Sie Trottel! Sie Troll! Herr Pfeiffer ist ein Troll! …’“ Dieses Beleidigungsbeispiel hätte mir eigentlich augenblicklich verdeutlichen müssen, dass Herr Schubert seinen Erfahrungsschatz aus einer Zeit bezog, als die Film Die Feuerzangenbowle noch ein wirklichkeitsgetreues Soziogramm des Kosmos Schule zeichnete.

Herr Schubert fuhr fort: ‚Wichtig ist hier die Diagnose. Durch den verbalen Einwand will der Schüler die Aufmerksamkeit der Mitschüler und des Lehrers auf sich ziehen. Ferner versucht er, den Lehrer persönlich anzugreifen, um möglicherweise einen Machtkampf zu provozieren. Geben Sie in solch einer Situation Acht. Wenn Sie verbal auf den Störer reagieren und ihm somit Aufmerksamkeit schenken, erheben Sie ihn automatisch zum Anführer der Klasse. Sie geben freiwillig und willenlos die Aufmerksamkeit der Klasse an einen Störer ab. Öffentliches Disziplinieren brüskiert und diffamiert den Schüler, wirkt sich auf die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sehr negativ aus und führt oft zur Verstärkung des Fehlverhaltens. Es besteht die Gefahr, dass Sie die Klasse mit in den Konflikt reinziehen. Teilen Sie darum Ihre Persönlichkeit in Lehrkraft und Disziplinator. Setzen Sie beide zur gleichen Zeit ein. Führen Sie als Lehrer den Unterricht ungeachtet der Provokation fort, reagieren Sie weder verbal noch mit Ihren Augen auf die Störung, sondern bleiben Sie mit Ihren Blicken und der Stimme bei der Klasse. So halten Sie die Aufmerksamkeit bei Ihnen. Als Disziplinator bewegen Sie sich parallel dazu mit Ihrem Körper in Richtung Störung. Dort angekommen, heben Sie Ihre Hand in Richtung Plakat mit den Verhaltensregeln für den Klassenraum, schauen dem Störer kurz, höchstens zwei Sekunden, in die Augen, weisen dann auf das Verhaltensschild und schauen ihm noch mal zwei Sekunden in die Augen. So geben Sie dem Störer ein nonverbales Signal, dass er gegen eine Regel verstößt. Dies hat den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit der Klasse weiterhin auf den Unterricht gerichtet ist, weiterhin an Ihre Person gebunden ist, dass dem Störer die gewünschte Reaktion, im Mittelpunkt zu stehen, verwehrt wird und andere Schüler, die sich möglicherweise verbal eingeklinkt hätten, ruhig bleiben.“

Als mich am darauffolgenden Tag in der neunten Klasse Rami während meines Lehrervortrags über die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 zum zweiten Mal als Bastard bezeichnete, ließ ich mich nicht wie üblich auf eine verbale Auseinandersetzung ein, sondern fuhr in meiner Persönlichkeit als Lehrkraft unbeirrt mit meinen Ausführungen fort: (…) Gleichzeitig bewegte sich meine Persönlichkeit als Disziplinator langsam, aber unaufhörlich in Richtung Störer. (…) Bei Rami angekommen, hob ich meine Hand in Richtung der Stelle, wo in der Vorwoche noch das Plakat mit den Verhaltensregeln für den Klassenraum gehangen, das man aber in der Zwischenzeit mangels Erfolg wieder entfernt hatte. (…) Für zwei Sekunden schaute ich Rami tief in die Augen – was mir ein Der ist wohl schwul, oder was? sowie lautes Gelächter seiner Mitschüler einbrachte …“

Ja, ob dieser Trick des Disziplinators gewirkt hat und wie bzw. warum, das können Sie natürlich in Stephan Serins Buch auf S. 55 f. nachlesen. Und natürlich gibt es in dem Buch auch noch weitere interessante Geschichten aus der Berliner Schule von heute, es lohnt sich …

Interessieren Sie sich für eine 2005 veröffentlichte Geschichte, in der eine Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot hervorgerufen wurde?

Oder für Fachliteratur zum Thema Unterrichtsstörungen?

Christa D. Schäfer