Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Wenn Kinder den Kontakt abbrechen …

Gibt es das?

Angelika Kindt hat ein Buch darüber geschrieben. Sie wurde von ihrer Tochter ohne Vorwarnung verlassen – warum, weiß sie bis heute nicht. Auf der Suche nach Antworten und Hilfe stellte sie fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist. Das Phänomen „verlassene Eltern“ zieht sich durch alle sozialen Schichten, wird von der Gesellschaft jedoch tabuisiert. – so heißt es auf der Rückseite dieses spannenden Buches.

Das Phänomen „Verlassene Eltern“ ist in zweierlei Hinsicht interessant für mich und diesen blog.

Zum einen ist natürlich die Systemische Sicht auf dieses Phänomen höchst faszinierend. Was passiert oder auch was muss bereits passiert sein, wenn eine 30jährige Tochter ihrer Mutter den Kontakt aufkündigt, sich nicht mehr meldet und keine Verbindung mehr existiert?! Obwohl – eine Verbindung existiert ja schon, von beiden Seiten aus, und zumindest für die Mutter ist diese Situation sehr schmerzhaft. Ob sie das auch für die Tochter ist, kann man in dem Buch nur erahnen, denn zur Tochter gibt es ja keinen Kontakt mehr. Wahrscheinlich aber litt die Tochter schon viel früher und hat deshalb diesen radikalen Schritt zum Kontaktabbruch gewählt? Vermutungen über Vermutungen.

Die Autorin Angelika Kindt begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche. Sie hatte stets versucht eine gute Mutter zu sein und natürlich immer so gehandelt, wie sie es am besten in den jeweiligen Situationen zu den jeweiligen Zeiten konnte und wusste. Nach der „Trennung“ plagten sie Selbstvorwürfe und Zweifel. Andere Menschen belegten sie mit Vorurteilen und Stigmatisierung.

„Kinder distanzieren sich nicht von den Eltern, weil diese ihnen fremd geworden sind, sondern eher, weil sie ihnen zu nahe sind. … Auch ich schämte mich, wie viele andere verlassene Eltern, dass mir so etwas als Mutter ‚passieren‘ konnte. Inzwischen habe ich begriffen, dass immer zwei Seiten an so einem Bruch beteiligt sind. Ich wünsche mir sehr, dass die Kinder, die von ihren Eltern nichts mehr hören wollen, das auch verstehen und sich bewusst machen.“ (Buch, S. 85)

Wenn Kinder erwachsen werden, dann lassen sich beide Seiten – Eltern und Kinder – los. Dies sollte ein positives Loslassen sein, das schließlich wieder zu einer Verbindung führt. Eltern und Kinder (oder Mutter und Tochter) führen beide „ihr Leben“, lassen Raum zwischen sich und sollten spüren und wissen, dass sie jederzeit wieder eine angemessene Nähe suchen können. In gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Fairness gibt es ein gesundes Einpendeln zwischen Loslassen und Wiederfinden.

Dieser gegenseitige Respekt und die darin wohnende Fairness scheinen in manchen Eltern-Kind-Beziehungen schwierig bis unmöglich zu sein. Kontaktabbruch ist Flucht, ist Wegrennen vor der Aufgabe einen fast nicht aushaltbaren Konflikt lösen zu müssen. Jeder der beiden Konfliktpartner (Mutter und Tochter) haben gewisse Vorstellungen von ihren Rollen bzw. der Rolle der jeweiligen anderen. Was geschieht, wenn diese Rollenbilder nicht deckungsgleich sind, sondern differieren? Dann tut es emotional weh und ist hart.

Die Verweigerung des Kontaktes ist in diesem Fall natürlich auch eine Form der Kommunikation, denn wenn wir an Paul Watzlawick denken, so heißt es in dessen erstem Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Im Falle des Kontaktabbruchs ist es so, dass man lediglich Vermutungen über die Ursache anstellen kann, aber keine Rückmeldung zu dieser Sichtweise bekommt. Damit fühlt man sich ohnmächstig und empfindet den Kontaktabbruch als solches als aggressive Verhaltensweise.

Je nach Konflikttyp könnten Mutter und Tochter auch an dieser Thematik der verschiedenen Rollenerwartungen arbeiten, die Kommunikation miteinander suchen oder auch eine Mediatorin, einen Mediator als „Vermittler zwischen den beiden Welten“ einsetzen. – Und hier ist natürlich der zweite Anknüpfungspunkt zu diesem blog. Bisher habe ich einen solchen Fall noch nicht bearbeitet, aber ich bin sicher, dass Mediation unterstützen kann – wenn beide Parteien dazu bereit sind und sich darauf einlassen. Dann wäre Mediation wahrscheinlich sogar die bessere Wahl als eine Familientherapie – denn diese ist dichter und intensiver und wird oft gar nicht gewünscht.

In dem Buch “Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ von Angelika Kindt gibt es viele weitere fachlich interessante Passagen wie beispielsweise diejenige zu den Stichworten „Trauerarbeit“ und den „vier Phasen eines Verlusts“. Mit anderen Worten: Sowohl aus Systemischer Sicht als auch aus MediatorInnensicht ist dies ein super interessantes Buch, das sich lohnt zu lesen!

Christa D. Schäfer

Übrigens: Kommunikation ist …

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  1. Liebe Luisa,

    besten Dank für Ihre Gedanken.
    Sie haben einen ganz neuen Aspekt mit in die Diskussion gebracht, denn Sie schrieben: Wenn Ihre Eltern Sie nicht verlassen hätten, so hätten wahrscheinlich Sie Ihre Eltern verlassen. Da spricht der beidseitige Abbruch heraus, der mich stark zum Nachdenken anregt. Was mag dem voraus gegangen sein? Wie ist es, wenn in einer Familie keine Kommunikation stattfindet. In was für einer Wahnwelt mögen die Eltern gelebt haben? Meinen Sie, es gab keine gefühlsmäßige Bindung?

    Ich hätte so viele Fragen, die mich interessieren …
    Für die oder den Einen ist es gut, die Antworten zu verschließen,
    mancher oder manchem hilft es, die Antworten zuzulassen.

    Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Wohnung Ihnen Schutz geben möge
    und Sie Menschen finden, mit denen Sie sich in Ihrer Wohnung und anderswo wohl fühlen,
    damit Sie Ihre innere Verlassenheit ein Stück weit „heilen“ können …

    Christa Schäfer

  2. Luisa

    Liebe Frau Schäfer, liebe Leserinnen und Leser.

    Danke für die Antworten.
    Auch Ihre Fragen sind in mir noch nachgegangen und wollen gerne beantwortet werden.
    Wenns denn geht…

    Was ist dem vorausgegangen?
    Nun, das würde ich hier eher nicht schreiben wollen.
    Vielleicht nur so viel, dass ich in einem religiösen missbräuchlichen Kontext (den ich als Wahnwelt meiner Eltern bezeichne) groß geworden bin.

    Das andere ist eher das Zerstören von dem Gefühl, dass ich mich als Kind kurzfristig geborgen fühlte. Mich Sekunden sicher gefühlt habe in den Armen „dieser Eltern“, die es doch gut zu meinen schienen.
    Alles war gelogen, alles!
    Sich sicher fühlen, geborgen, jemanden zu vertrauen, wurde mir abtrainiert.
    Wie sollte da noch Vertrauen und Kommunikation gelingen?
    Und ja, ich würde soweit gehen, dass eine Bindung nie stattgefunden hat, sie gar nicht stattfinden konnte.
    Kinder sehnen sich nach Verständnis, nach Trost. Sie wünschen sich, streiten zu dürfen, damit sie sich sicher sein können, wirklich und bedingungslos geliebt zu werden.
    Sie wünsche sich Vorbilder, gute und verlässliche.

    Ja, in eine gut funktionierende Eltern-Kind-Beziehung müssen am Anfang Eltern viel investieren, aber sie bekommen ja im günstigsten Falle auch wieder etwas zurück. Sozusagen ein Geben und Nehmen.
    Meine „Geschichte“ (so wie hier aller Geschichten) wird mich ein Leben lang begleiten, aber sie macht mich auch sensibel und auch stark und gleichzeitig so durchlässig für all das, was zwischen Menschen ist.

    Huch, das ist aber lang geworden.

    Danke fürs Lesen.

    Liebe Grüße
    Luisa

  3. Susanne1958

    Guten Tag zusammen,

    seit einigen Monaten beteilige ich mich an diesem Blog, sei es aktiv durch einige Beiträge, sei es manchesmal nur durchs Mitlesen.
    Die Thematik in ihrer Gesammtheit (Kinder-/Elternsichten) begleitet mich durch meinen Alltag.

    Heute möchte ich lediglich deutlich zum Ausdruck bringen, dass es in erster Linie Frau Kindt zu verdanken ist, das dieses Thema seit geraumer Zeit eine zunehmend breitere Öffentlichkeit erreichen und an Transparenz gewinnen konnte.

    Das scheinen Personen zu „übersehen“, die sich in diesem Blog stark gegen Fr. Kindt aussprechen, obwohl Fr. Kindt ja auch „nur“ aus ihrer eigenen Wahrnehmung berichtet – und somit allen Leuten quasi den Weg in diesen Blog möglich gemacht hat.

    Beste Grüße 🙂

  4. Clara

    Liebe Luisa,

    du schreibst

    „Kinder sehnen sich nach Verständnis, nach Trost. Sie wünschen sich, streiten zu dürfen, damit sie sich sicher sein können, wirklich und bedingungslos geliebt zu werden.
    Sie wünsche sich Vorbilder, gute und verlässliche.“

    WIE Recht du hast!!

    Dir auch alles Gute und viel Kraft!

    Clara

  5. Luisa

    Guten Morgen, Susanne 1958.

    Sie haben Recht.
    Die Seite von Frau Kindt ist aus der Perspektive der Betroffenen geschrieben worden.
    Ich wollte in keinem Falle Frau Kindt „etwas Böses“ – sollte es so angekommen sein, dann tut es mir Leid.
    Und ja, natürlich ist auch meine Seite subjektiv und ich hatte das Bedürfnis, zu erklären, wie so etwas zustande kommen kann, dass sich Kinder gegen einen Kontakt mit den Eltern entscheiden.
    Und vielleicht ist da (bei mir) auch bei aller Verletztheit viel „Unversöhnlichkeit“ dabei.

    Und auch: Das Verständnis ist bei mir auch da
    ….sie kann (Eltern können) ja nichts dafür, sie war(en) vielleicht auch nur Opfer ihrer Zeit.

    Aber wen – bitte – wen darf ich „anklagen“, wo darf ich sagen: „du hast mich nicht geschützt, nicht geliebt, nicht gewollt“.

    Da ist auch sehr viel Ambivalenz in mir.

    Danke, dass Sie aber auch Ihre Sicht geschrieben haben. Es hilft mir, die eigene Familiengeschichte noch einmal neu zu betrachten.

    Viele Grüße
    Luisa

  6. Susanne1958

    Guten Abend, Luisa.

    In einigen wenigen anderen Beiträgen vernahm ich die ablehnende Haltung bzgl. Fr.Kindts Buch.

    Ich bezog mich nicht auf Sie, Luisa.
    Das möchte ich Ihnen nur „eben schnell“ mitteilen.

    Ihre Gedanken zu der (gesammten und auch sehr individuellen) Thematik eröffnen auch mir neue Gedanken.

    Die muss ich noch ein wenig sortieren und überdenken, teile sie aber zeitnah hier im Blog mit.

    Beste Grüße
    Susanne1958

  7. Fiona

    Hallo,

    Danke für die Informationen hier, durch den Link oben bin ich auf eine hilfreiche Seite gestossen, wo wirklich viel über den Kontaktabbruch von Seiten der Kinder offensichtlich wird.

    Auch für betroffene Eltern informativ…

    http://www.narzissmus.org/kontakt-oder-kein-kontakt.php

    Herzliche Grüße,

    Fiona

  8. Susanne1958

    Guten Abend, Luisa.

    Meiner Meinung nach darf und soll man genau die Menschen „anklagen“, die einem diese Schwere aufbürden.
    Man soll und darf sich sozusagen an die richtige Adresse wenden.

    Optimal wäre der Dialog mit den „Verursachern/Auslösern“.

    Gelingt es nicht, „egal“ aus welchem Grunde, besteht das berechtigte Bedürfnis nach Anklage weiterhin, eventuell sogar noch stärker.
    Was auch „ok“ ist, da es eine gesunde Reaktion ist, auch wenn es einen emotional zeitweise noch mehr belasten kann.

    Umso wichtiger ist es, FÜR SICH SELBST eine alternative Möglichkeit zu finden.

    Ich habe „irgendwann“ zu einem inneren „Dialog“ gefunden.
    Es ist nicht „das“, was ich eigentlich „bräuchte“ und sogar wünsch(t)e und aus meinem Verständnis richtiger finde.
    Auch stellte es mich eine Weile nicht zufrieden.

    Ich fand das sogar albern oder nervig oder lästig und überhaupt: ungeheuerlich, dass ich „Selbstgespräche“ führe, wo es doch „einfacher“ wäre, sich zusammen zusetzen und gemeinsam zu sprechen…..wenn doch der/die Verursacher nur „Einsicht“ und „Bereitschaft“ hätte…..

    Nach up’s and down’s dieser Gedanken/Gefühle stellte ich bald folgendes fest:
    Mein innerer Dialog IST mehr, als das mir aufgezwungene Schweigen der „Verursacher“.
    Wesentlich mehr sogar!

    Ich kann FÜR meine Seele aktiv handeln – innerhalb meiner Gedanken und allen damit verbundenen Gefühlen.

    Ich kann im „Zwiegespräch“ meinen Verursachern ALLES sagen, so oft und so lange, bis ich mich „ausgesprochen“ habe.
    Ich kann formulieren, wie ich will, so oft ich will – bis ich „angenehm leer“ bin, weil ich eeeendlich ein Ventil gefunden habe.

    Das löst „die Probleme“ nicht, aber es erleichtert mich sehr und schafft peu à peu Distanz zur Situation (des Schweigens der Beklagten).

    Ich fühle mich nicht mehr so hilflos und ohnmächtig ausgeliefert.
    Es gelingt, Stück für Stück den negativen Einfluss der Verursacher leichter zu machen.

    Und was mich sehr erstaunt: die Gegebenheiten, die ich MIT den Verursachern NICHT gemeinsam zum Guten auflösen/ändern KANN…..sie integrieren sich in mein Leben OHNE noch länger solch eine übermächtige Stellung einnehmen zu können.

    Was ich Ihnen so gerne mitteilen möchte ist: KLAGEN Sie an, verschaffen Sie sich auch ein Ventil, vielleicht hilft Ihnen meine geschilderte Möglichkeit. Ich wünsche es Ihnen sehr.
    Die von Ihnen erwähnte Ambivalenz ist auch ein wichtiges Thema.
    Dass Sie Verständnis für die (Ihre??) Eltern mit deren Vergangenheit haben, beeindruckt mich sehr.

    Heute möchte ich „nur“ auf das Thema „anklagen“ eingehen, damit nicht alles auf einmal zuviel ist und dadurch eventuell unübersichtlich wird.

    Ich habe den Eindruck, dass Sie, Luisa, mit sehr vielen guten und richtigen Gedanken/Gefühlen und einer sehr feinfühligen Wahrnehmung ausgestattet sind, die Ihnen bei der Bewältigung Ihrer Konflikte weiterhin sehr helfen werden.
    Sie sind schon auf dem Weg, sich IHR Leben „zurückzuholen“ und es neu und so zu gestalten, wie es Ihnen gut tut.

    Ich werde mich sehr freuen, von Ihnen eventuell erneut lesen zu dürfen.

    Beste Grüße
    Susanne1958

  9. Susanne1958

    Guten Tag Frau Schäfer,

    ich habe unlängst auf Luisa’s Beitrag (wie ich am 7.Sept.2012 mitteilte)) geantwortet.
    Ist meine Mail eventuell nicht angekommen?

    Beste Grüße
    Susanne1958

  10. Hallo Susanne 1958,

    entschuldigen Sie bitte,
    ich war sicher das richtige „Häkchen“ zum Veröffentlichen gesetzt zu haben,
    aber wie ich jetzt gesehen habe, hat es nicht geklappt.
    Habe es sofort frei geschaltet und danke Ihnen recht herzlich, dass Sie nachgefragt haben !!

    Ich finde die Diskussionen hier unglaublich spannend
    und bin immer wieder schockiert bzw. frustriert was so alles passiert …

    Danke Ihnen für Ihre Beteiligung und Ihre mitfühlenden und konstruktiven Worte.
    Ich habe im Moment etwas „Pause“ mit meiner Moderation genommen,
    fühle und denke aber stets mit …

    Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende
    von Christa Schäfer

  11. Luisa

    Guten Abend, Susanne1958.

    Vielen herzlichen Dank für Ihr Schreiben.

    Ja, ich bin dabei, mir mein Leben zurückzuholen.
    „Sie“ (meine Eltern…) haben nicht mein Leben gestohlen, nur ein Stück davon.
    Aber mich schon gar nicht mal. Ich bin noch da, ganz und gar, ich kann mich sehen.
    Meist.

    Mit Narben, das schon, aber ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass solche „Narben“ wahrscheinlich eine Art Schicksalsgravur sind. Vielleicht sind sie eine verdichtete Erinnerung an Schmerzen, Verzweiflung und Wut, an Resignation und Rückzug, aber sicher auch an Hoffnung, Mut und Entschlossenheit zum Überleben.
    Und ich glaube, nein, ich weiß (auch, wenn ich noch jung bin), dass es ein langer, schwieriger Weg ist(wird), diese Narben anzuerkennen, mit ihnen zu leben und sie zu zeigen.
    Diese Erkenntnis, dass mein Leben anders verlaufen ist als erwartet, das schnelle und einfache Lösungen nicht zu finden sind, führt mich vielleicht auf eine Suche jenseits jeglicher menschlichen Erklärungen und vielleicht tiefer in neue Einsichten.

    Den Weg, den Sie für sich gefunden haben, finde ich beeindruckend und auch Ihre Ehrlichkeit um die Mühe, die solch ein Weg bereitet.
    Aber es scheint die Anstrengung zu lohnen, und ich danke Ihnen dafür, dass Sie es so offen geschrieben haben und sich ein Stück haben in die Seele schauen lassen.
    Mich beeindruckt es, dass wir – biografisch gesehen – ja eher keine Berührungen haben, aber das es trotzdem möglich ist, Lebensgeschichte zu teilen..

    Für heute genug – und ja, danke für diesen Austausch hier.

    Viele Grüße
    Luisa

  12. Verlassene Mutter

    Unglaublich, wie erträgt ein Herz,
    Was schon zu denken unerträglich!
    Hinhalten Hoffnungen den Schmerz,
    Ihn brechend, den sie steigern täglich.

    Man hofft und hofft, bis hoffnungslos
    Geworden das geliebte Leben,
    Dann gibt man auf die Hoffnung blos,
    Das Leben war schon aufgegeben.

    Friedrich Rückert

  13. Susanne1958

    Guten Morgen, Verlassene Mutter,

    dieses (schöne, emotionale, sehr in die Tiefe gehende) Gedicht reißt bei mir jetzt in diesem Moment alles auf.
    Alles kommt hoch, kocht hoch, bedrängt, bedrückt.
    Alles, von dem ich dachte „erträglicher bewältigt“ zu haben, scheint vorhandener, denn je zuvor!!!

    Gibt es doch keinen „Umgang“ mit dieser Misere?
    Sind alle verzweifelten Versuche der Selbsthilfe „umsonst“ gewesen?

    Ist alles nur (m)ein Akt der Verdrängung, weil ein solch messerscharfer Schnitt innerhalb der Familie EIGENTLICH gar nicht/ niemals „umgänglich/erträglich“ zu machen ist?

    Muss man eventuell von Schicksal sprechen, welches „einfach“ nur hinzunehmen ist, da man darauf keinerlei Einfluss hat?

    Selbst dann ist es alle Male extrem wichtig zu lernen, etwas tiefgreifendes, unabänderliches hinzunehmen.
    Unser aller Leben ist wichtig und lebenswert – auch ohne „Familie“.
    Es ist nur anders, als jede/r beigebracht bekam.
    Es ist UNSER eigenes Leben, unabhängig von egal wem! Dieses Leben haben wir nur ein Mal!!!!

    Ich bitte Sie dringend, ihre Situation in eigene Worte zu fassen – das Gedicht sagt etwas darüber aus, wie Sie fühlen ….aber eigene Worte sind noch wichtiger.

    Ich hoffe sehr, bald von Ihnen hier zu lesen.

    Beste Grüße
    Susanne 1958

  14. Mir wird schwummrig vor Augen …

    Passen Sie bitte gut auf sich auf,
    liebe „verlassene Mutter“ und liebe „Susanne 1958“ !!

    Christa Schäfer

  15. Luisa

    Liebe Susanne 1958,

    ich richte das Wort an Sie.
    Ich habe Sie mit viel Kraft und Stärke wahrgenommen in Ihren Texten.

    Ich stimme Ihnen zu: Wir haben nur dies eine Leben und es ist an uns, es zu füllen und zu gestalten. Ja, unsere Leben ist anders verlaufen als wir es uns dachten, als es die Gesellschaft vorgibt – aber es ist deswegen nicht weniger wert.

    Nein, Ihre Selbsthilfe ist nicht umsonst – sie ermöglicht Ihnen, sich den schlimmen Ereignissen Ihres Lebens anzunähern. Und es wird immer und immer wieder Höhen und Tiefen geben….
    Es tut mir so Leid, Sie so aufgewühlt zu sehen.

    Ich hoffe, Sie konnten heute ein wenig ausruhen, ein- und ausatmen, langsam gehen und – wichtig, Ihr Tempo gehen und sich selbst nicht überholen.

    Ich lesen Sie immer total gerne.

    Viele Grüße
    Luisa

  16. Susanne 1958

    Guten Tag Frau Schäfer,

    Ihren Worten entnehme ich etwas „mahnendes“, aber positiv und fürsorglich 🙂
    Lieben Danke dafür.

    Weil dieses Gedicht ohne weitere Worte „hinterlassen“ wurde, machte es mich sogar einen Moment auch wütend.

    einerseits trifft es den Kern und andererseits hinterlässt es so eine abgründige Trostlosigkeit“, die ich gefährlich finde.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man aus tiefster Verletztheit und „anfangs“ in diesem „Wahnsinn“ orientierungslos umherirrend, dass man unbewußt/unbeabsichtigt anderen mal „die ganze Sch*****“ vor die Füsse knallt – weil irgendwann die Drähte durchglühen…..

    Das zu erkennen fand/finde ich enorm wichtig,denn mir wurde klar: ich gab das, was mit zugemutet wird, einfach an andere weiter.
    Und das ist nicht ok.

    So könnte ich mir die Situation von „Verlassene Mutter“ mit dem Posting des Gedichtes vorstellen,möchte aber das Terrain der Vermutung nicht weiter beschreiten.

    Ich finde es wichtig, das auch in einem Blog – so wie im realen Leben – darauf geachtet werden muss, was man (mit den eigenen Worten) transportiert.

    Beste Grüße
    Susanne 1958

  17. Susanne 1958

    Liebe Luisa,

    Ihre freundlichen Worte haben mich bestens erreicht, dankeschön :-)) …….und ja, ich war sehr aufgewühlt, so sehr dass ich kaum der Benachrichtigung über die neuen Beiträge hier nachgehen wollte.

    Nicht, weil ich nicht lesen möchte, sondern aus einer „phantasierten Angst“, dass noch mehr(oder wieder)in mir durcheinandergerät.

    Ich habe mich dann bewußt abgelenkt, mit lustigen!! Dingen,um der gefürchteten Schwere gleich mal „eins zu verpassen“ 😉
    Das ist z.Zt. eine neue Variante, die ich mit zunehmendem Erfolg teste 🙂
    (Gehört mit in die Kategorie „Anklage u. Selbsthilfe“)

    Immer wieder und immer mehr komme ich auf Worte wie Abgrenzung,Bewußtheit, Differenziertheit.
    Ich bastel mir ein neues ABD 😉

    Immer mehr möchte ich innerlich (möglichst dauerhaft/stabil) sortiert sein und in meiner Seele eine Ecke für „meine familiären Probleme“ einrichten.
    Da sollen „sie wohnen“, mir aber nicht mehr die Luft nehmen – so wie es wohl beim Lesen des obigen Gedichtes geschah.

    Und ich möchte insgesamt meinem eigentlichen Naturell, der Lustigkeit, viiiiel mehr Raum zurückgeben, deshalb schreibe ich heute auch hier mal „salopper“ – ohne die Ernsthaftigkeit der Thematik runterzuspielen.

    Und Luisa, Sie haben so Recht…fast war ich versucht mich selbst zu überholen, dabei ist das ja nur in Comics möglich *hihihi*.

    Nun bin ich wieder bei meinem Tempo angelangt und freue mich, dass Sie und Frau Schäfer so prompt reagierten.

    Zum heutigen Abschluss noch eins:Ihr Begriff „Schicksalsgravur“ aus einem früheren Beitrag hat was ganz sympathisches!

    Wenn es gelingt, einige negative Dinge doch iiirgendwie „freundlicher“ = annehmbarer zu formulieren, ist schon viel gewonnen.

    Ich verabschiede mich heute mit einem Zitat,welches ich vor wenigen Tagen las und mich quasi aufforderte, mein (auch negatives) Denken weiter und weiter in Richtung POSITIV zu lenken.
    Inhaltlich hat es mit der hiesigen Thematik allerdings nichts zu tun, es ist einfach nur SCHÖN 🙂

    „Es gibt keine alten Frauen, sondern höchstens solche, die schon etwas länger jünger sind.“

    Fröhliche Grüße
    Susanne 1958

  18. Luisa

    Liebe Susanne,
    ich danke Ihnen auch für die freundlichen Worte. Sie haben mich ermuntert und zum Schmunzeln gebracht.
    Gefällt mir echt gut, was da aus meinem Computer an Fröhlichkeit herausgeschwappt kommt.

    Und wissen Sie, ich finde es toll, dass Sie die Zusammenhänge so klar sehen können.
    Ich denke, das ist einfach unheimlich wichtig und erlaubt es einem, auf Dauer dann die Sache in den Griff zu bekommen.
    Jaja, seufz, natürlich, Rückschläge gibt es immer wieder. Die muss man sich einfach zugestehen. Ich glaube, niemand übersteht solche Dinge ohne Narben, und die tun bei Wetterwechsel oder anderen ungünstigen Bedingungen halt auch dolle weh.
    Das „muss“ man (und Frau auch 😉 ) wohl einfach akzeptieren – und wissen, dass sie auch wieder damit aufhören irgendwann.
    Und es ist wohl auch wichtig, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, wenn es ein paar schlechte Tage oder Wochen gibt.
    Das ist okay.
    einfach versuchen,, den Kopf knapp über der Wasserlinie zu halten, mehr ist nicht nötig. Es kommt wieder ruhigere See, und dann wird alles wieder einfacher.

    So, nun sollte ich mich besser mal meinen Klausuren widmen….
    Ebenso nette (vielleicht nicht ganz so fröhliche) Grüße
    Luisa

  19. Liebe und Dankbarkeit

    Hallo Susanne und liebe Eltern

    Nun hat sich bei mir das Blatt wieder gewendet. Nach einem ganzen Jahr Funkstille hat sich endlich meine eigene Mutter durchgerungen und ihre Enkelin auf dieses Thema angesprochen. Meine Mutter war es leid, „Postbote“ zu spielen, verständlich.

    Es kam zu einem Gespräch bei einem gemeinsamen Nachtessen und es stellte sich heraus, dass es einfach Punkte in der Vergangenheit gab, die ich als Mutter anders erlebte und fühlte als es meine Tochter tat. Es war nichts schlimmes passiert, aber einfach Gegebenheiten, wo sie sich unsere Wahrnehmung der Realität einfach nicht getroffen hatte.

    Meine Tochter hatte Momente, wo sie sich nicht verstanden gefühlt hatte und sich an einem ganz anderen Punkt sah als ich oder andere Personen in ihrem Umfeld. Das war ihre persönliche subjektive Wahrnehmung, ob es tatsächlich auch so war oder nicht spielt keine Rolle. Für jeden ist es so, wie es ihm erscheint. Das musste ich wieder mal erkennen, die Wahrnehmung einer Person kann niemals identisch von einer anderen Person angenommen werden, weil jeder ein Individuum ist.

    So hat sich das Verhältnis nun weitgehend normalisiert, allerdings besteht jetzt ein sehr gesunder Abstand, den ich auch als den richtigen für mich wahrnehme. Es gab keine grosse Diskussion, die Zuneigung ist wieder da aber ohne Abhängigkeiten oder Rührseligkeit. Wunderbar sage ich da. So möchte ich auch meine übrigen Beziehungen gestalten. Das nenne ich Liebe in Freiheit.

    Rückblickend bin ich froh, bei mir selber geblieben zu sein und die Abgrenzung (1 Jahr) meiner Tochter als Chance genutzt zu haben. Ich habe mich nicht irritieren lassen von diesem Rückzug und einfach die Türe offen gehalten. Durch die ist sie zurückgekommen und heute sind wir gleichberechtigte Individuen, zwar biologisch Mutter und Tochter – aber ohne Einschränkung und die Verbundenheit ist nicht die Art von Verbundenheit, wo man sich verpflichtet fühlt (gegenseitig) sondern erwachsen und frei gelebt aus Zuneigung und Verständnis.

    Loslassen und sich selber sein (nicht unkritisch mit sich selber aber auch liebevoll-annehmend) und den Dingen ihren Lauf lassen. Mein Credo lautet (und ist immer noch wahr): am Ende wird alles gut und wenn nicht, ist es auch nicht das Ende.

    Wünsche euch wunderbare, lehrreiche Erfahrungen und seht es so: das Glas kann immer halbleer oder auch halbvoll sein. Wir können selber entscheiden, wie wir es betrachten wollen.

    Alles Gute!

  20. Hallo,

    besten Dank dafür, dass Sie Ihre Erfahrung mit uns teilen.

    Da hat also die Großmutter als „Vermittlerin“ die Sache in die Hand genommen, und durch die Klärung der beiden Sichtweisen von Mutter und Tochter konnte wieder eine Annäherung stattfinden …
    Ich freue mich mit Ihnen !!

    Dennoch bin ich erstaunt, dass Sie beide gleich wieder „anknüpfen“ konnten. Wenn ich Sie richtig verstehe, scheint auch die Beziehung trotz (oder gerade wegen) der Trennung gewachsen zu sein.

    Herzliche Grüße
    Christa Schäfer

  21. Susanne 1958

    Hallo „Liebe und Dankbarkeit“,

    es freut mich sehr, dass sich die Situation zwischen Ihnen und Ihrer Tochter positiv zu verändern scheint. Sehr hilfreich, dass Ihre Mutter als Vermittlerin agierte.

    Ja, die Wahrnehmung allgemein ist immer eine (vermeintlich) individuelle, und doch (nach meinem Denken) auch gemeinsam zu erfassen/teilbar.

    Nicht immer u. jederzeit, aber relativ häufig bis oft, sogar in vielen „Punkten“, sogar auch zeitgleich und manchmal komplett identisch – das sind die Situationen, in denen man sich „sprachlos“ versteht 😉

    Aus meiner Sicht ist „gesunde Distanz“ ein erfundener Begriff und bedeutet leider „mehr mit sich zu tun zu haben“, den anderen „außen vor“ lassen.
    Also eine „künstlich“ gezogene Grenze (die oft nötig=*Not abwendend* erscheint), wo natürliches Miteinander aus welchen Gründen auch immer, nicht stattfindet.

    Dieses nicht-mit-einander wird durch „gesunde“ Distanz positiv verklärt.Das ist dass, was mir daran missfällt.

    Verzeihen Sie meine kritischen Worte,ich möchte Sie keinesfalls verletzen, aber mir erscheint die nicht wirklich bereinigte Situation wie ein Arrangement, welches nicht übel sein muss.

    Ein bischen Nähe und eine Tür, die gelegentlich durchschritten wird,denn darin liegt tatsächlich die Möglichkeit einer Erweiterung/Entwicklung – wenn die Distanz nicht hochgezüchtet und kultiviert wird, ist wahrscheinlich – aber nicht immer – erträglicher, als totales Schweigen/sich aus dem Wege gehen.

    Am Ende wird alles gut – das halte ich als Credo für zu pauschal, möchte Ihnen aber keinesfalls die Freude an Ihrer derzeit entspannteren Situation verderben.

    Ich persönlich möchte ein volles Glas, oder gar keins ;-))

    Beste Grüße und alles Gute!

    Und ein fröhliches PS.:an Luisa,

    ich werde in Kürze weitere Gedanken an Sie formulieren und wünsche erst mal richtig gutes Gelingen bei den Klausuren. Meinen Kopf habe ich schön hochgehalten, danke für Ihre Gedanken!
    „Seh ich die See, brauch ich kein Meer mehr“ 😉
    In diesem Sinne auf bald,
    Susanne

    Susanne 1958

  22. Luisa

    Liebe Susanne.
    Liebe Leserinnen und Leser.

    Immer wieder spannend hier zu lesen und ja – ich schwächel, wenn es darum geht, mich auf Klausuren vorzubereiten und dann eine Mail bekomme, dass hier neue Kommentare stehen.
    Aber da sehe ich es dann einfach als kleine Auszeit vom Lernen an.
    Das passt schon.

    Ich bin wirklich schon sehr gespannt, von Ihnen zu lesen.

    Viele Grüße auch an all die, die ihre Beziehungen gerade wieder neu überdenken und für sich neu übersetzen wollen/müssen.

    Viele Grüße
    Luisa

  23. Liebe und Dankbarkeit

    Hallo Susanne

    Danke für Ihren Gedankenaustausch. Es ist jedoch so, dass ich und meine Tochter sich durchaus mit der Situation auseinander gesetzt haben. Wir sind auch nicht unvorbereitet in die Gespräche gegangen, beide haben sich vorher mit psychologischer Unterstützung mit den eigenen Standpunkten und den Reaktionen der anderen Person auseinander gesetzt.

    Der Punkt ist nicht, wie heftig, ausdauernd oder intensiv diskutiert wird, sondern wie sich die Problematik auf beiden Seiten als bewusste Erfahrung durchsetzen kann und als „geschehen“ akzeptiert wird. Letztlich geht es nicht darum, jedes Quentchen Nichtharmonie durchzukauen, sondern dass die Bande der Liebe (und damit des Verstehens) wieder erschaffen werden. So funktioniert jede Beziehung, denn so ist das Leben. Alles wandelt sich von Moment zu Moment und letztlich können wir immer nur eines: lernen. Und wie ich sagte: am Ende wird alles gut – und – der zweite Teil – wenn nicht (das sieht ja dann nur der Betroffene so!), dann ist es auch nicht das Ende… warum? Weil das Leben fliesst und Erfahrungen, Gefühle, Einsichten ebenso..Und noch was muss ich doch noch loswerden: warum muss für uns immer alles kompliziert sein? Über dem Verstand steht das Gefühl und wenn das sich positiv anfühlt, dann ist es völlig egal, wie lange oder wie intensiv vorher die Probleme diskutiert worden sind. Gefühle sind letztlich entscheidend – der Logos hilft letztlich dabei, die Gefühle wieder ordnen und positiv aufbauen zu können. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich nicht seinen eigenen „Brocken“ stellen soll – aber es bedeutet auch, einfach mal loslassen zu können und nicht schwere, belastende Gefühle das Leben lang rumschleppen zu müssen. Deshalb darf man auch mal die Dinge so stehen lassen, wie sie sich entwickelt haben und letztlich wie sie sind.

    Viele Grüsse in Liebe und Dankbarkeit

  24. Berthild Lorenz

    Liebe Frau Dr. Schäfer,
    Sie schreiben in einem Kommentar: „Nicht-Sprechen ist auch “Gewalt”.“
    Ich hab auch eine Kindheit, Jugend und einen Staatswechsel – ich durfte mit eben 5 Jahre alt gewordenem Sohn an der Hand am 2.8.1989 aus Ostberlin ausreisen – voller Gewalt überlebt. Dieser Sohn hat mir 2005 die Ausbildung zur Mediatorin im Kreise von Juristen geschenkt, weil er inzwischen beim „König der Löwen“ Geld für sein Tanzen und Singen bekam… Ich hab nun vor Kurzem erlebt, dass eine Mediatorin zu mir sagte: „DEINE Mails lese ich längst nicht mehr!“ Ich hatte sie Aug in Aug nebeneinanderstehend angesprochen: „Auf meine Mail von gestern krieg ich ja noch ne Antwort von dir?“
    Ja, ich leide noch immer daran, dass ausgerechnet eine Mediatorin nicht in der Lage ist, mit einer anderen Mediatorin gewaltfrei zu kommunizieren und ich keinen Ausweg aus dem für mich massiven Konflikt sehe…
    Ja, einfach mal loslassen können…
    Wie entstehen Kriege? Über „Gewaltfreie Kommunikation“ Arikel veröffentlichen und dafür bezahlt werden und Mediatorinnen ausbilden und eine andere Mediatorin wegstoßen – das passt nicht in meinen Schädel…
    Für mich wäre es hilfreich, wenn wir zur Konfliktklärung zusammenkommen würden, wenn aber die andere am Konflikt Beteiligte meint, nur ich bin das Problem – tja, dann hab ich das gefälligst hinzunehmen und schweigend zu gehen. Das ist die mich zutiefst traurig hintelassende Realität…

  25. Hallo Frau Lorenz,
    ich habe mich gefreut, wieder von Ihnen zu hören !!
    Ja, auch MediatorInnen gehen nicht immer gut mit ihren eigenen Konflikten um / können nicht immer gut mit ihren eigenen Konflikten umgehen. Manch eine(r) wird sogar MediatorIn, um dies zu lernen – was natürlich nicht der Fall sein muss für die Situation, von der Sie sprechen. So bleibt also nur der Weg über eine Mediation (falls die andere Streitpartei das möchte und es ihr wichtig ist) – oder das Arbeiten mit den eigenen inneren Anteilen um zu sehen, wie kann ich selber damit umgehen. Andere Menschen können wir nicht ändern, wir können lediglich Denkanregungen geben, die vielleicht aufgenommen werden, vielleicht aber auch nicht.
    Momentan sind Sie ja noch sehr traurig ob dieser Realität. Ich hoffe, dass sich die Situation für Sie klärt und Sie dadurch wieder ein Stück weiter kommen auf Ihrem Weg. Herzliche Grüße von Christa Schäfer

  26. Berthild Lorenz

    Herzlichen Dank für Ihr Reagiern, liebe Frau Dr. Schäfer. Es tut gut, gehört zu werden. Ja, ich weiß das auch alles und ich hab die andere Mediatorin gebeten, mit mir zusammenzukommen – vor Wochen – eine Reaktion kam noch nicht. Ja, hinterlässt mich traurig, denn wir waren uns in sehr vielen Dingen einig und dadurch sehr nahe, fand ich…
    Klären könnten nur wir beide miteinander und ich werde dafür offen bleiben und ich werde auch weiterhin für die gemeinsam verlebten Augenblicke dankbar bleiben!
    Herzliche Grüeß allen Mitlesenden,
    Berthild Lorenz

  27. Luisa

    Hallo Frau Lorenz,

    ich glaube, dass das offenere Umgehen mit Schmerz auch neue Dankbarkeit entstehen lassen kann.
    „Man“ kann dankbar auf das schauen, was erlebt wurde und „das Gute“ behalten.
    Und vielleicht ergibt sich ja noch eine Chance, das zu klären.
    Das wünsche ich Ihnen.

    Viele Grüße
    Luisa

  28. Berthild Lorenz

    Danke, Luisa, genau das meine ich ja auch, wenn ich im Kommentar davor schreibe „…ich werde auch weiterhin für die gemeinsam verlebten Augenblicke dankbar bleiben!“
    Ja, ich wünsche mir auch, das die Klärung nicht nur von mir gewünscht wird…
    Herzliche Grüße allen,
    Berthild Lorenz

  29. Auf meinem Blog (http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2013/kinder-in-deutschland-teil-27-verlassene-eltern/) gibt es zum Thema einen ausführlichen Artikel. Ich bin männlich, 38 Jahre und spreche aus eigener Erfahrung, ohne einseitig Eltern oder Kindern die Schuld/Verantwortung zu geben.

    Wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, hat das meist ernste Gründe. Ein vermeintlich kleiner Streit kann das Fass zum Überlaufen bringen. Jahrelange zwischenmenschliche Differenzen, emotionale Kälte und eine Beziehung, die nicht auf Augenhöhe basiert, kann vor allem erwachsene Kinder, dazu bewegen, den Kontakt komplett abzubrechen. Die Dunkelziffer verlassener Eltern wird in Deutschland auf über 100.000 geschätzt. Natürlich sind Eltern nicht für alles allein verantwortlich, ihre Kinder werden auch von Freunden, Erziehern, Lehrern, Liebespartnern und den Medien geprägt. Dennoch sperren sich die meisten Eltern dagegen, die Kindheit der eigenen Kinder ernsthaft zu reflektieren.

    Eltern stehen über den Kindern, sind »Erziehungsberechtigte«. Sie haben sie in die Welt gesetzt, sich jahrelang um sie gekümmert, das Essen auf den Tisch gebracht, viel Geld ausgegeben, sie angekleidet, mit ihnen Hausaufgaben gemacht, sie vor den Gefahren des Lebens beschützt, ihnen Liebe gegeben und vieles mehr. Demzufolge müssen die Kinder den Eltern ein Leben lang dankbar sein. Die erwachsenen Kinder haben sich zu melden und sollen auch ihre Hilfe für die älter werdenden Eltern anbieten. Diese Einstellung ist weit verbreitet und gleicht mehr einem materialistisch-egoistischen Habitus, als einer ehrlichen Eltern-Kind-Liebe. Denn die Eltern sehen ihre Kinder hier als eine Art Investition an, die sich irgendwann, also besonders im Alter auszahlen soll. Die Qualität der Familienbeziehung hängt jedoch von vielen Faktoren ab und kann nicht einseitig eingefordert werden, weil man doch soviel »geleistet« und »investiert« habe.

    Sehr viele Probleme zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern entstehen vor allem auch deshalb, weil die Eltern den Sprung von der Erziehung zur Beziehung nicht geschafft haben oder ihn bewusst nicht wollten. Erwachsene Kinder bleiben zwar rein genetisch immer die Kinder ihrer Eltern, wollen aber gleichberechtigt behandelt, also ernst genommen werden. Genau das machen Millionen von Eltern eben nicht. Sie entschuldigen sich nicht bei ihren Kindern für offensichtlich begangene Fehler (erwarten aber, dass die Kinder das tun), sie mischen sich in die Erziehung der Enkel ein, schreiben ihren erwachsenen Kindern vor, wie sie ihr Leben gestalten sollen, kommentieren jede Entscheidung, interessieren sich wenig für die Leidenschaften der Kinder und/oder üben einen permanenten beruflichen Druck aus. Das Erwachsen werden der Kinder, bedeutet auch ein Reifeprozess der Eltern. Wer als Eltern seine Kinder immer nur von oben herab behandelt, ihnen nicht zuhören, ihre Meinung, Lebensweise und Entscheidungen nicht akzeptieren (oder zumindest tolerieren) will, darf sich nicht wundern, wenn die Kinder sich irgendwann von ihnen abwenden.

    Oft äußern sich tiefe seelische Wunden, die in der Kindheit zugefügt wurden, Jahre oder jahrzehntelang nicht. Kommen sie irgendwann an die Oberfläche, entweder weil die Kinder älter geworden oder weil die Kinder sogar selbst Eltern geworden sind und sich nun über das Thema mehr Gedanken machen, dann wollen die eigenen Eltern davon häufig nichts mehr wissen: »Schnee von gestern«. Sicher, jeder ist irgendwann erwachsen und sollte nicht für jede Fehlentscheidung oder alle eigenen Probleme einseitig die Eltern dafür verantwortlich machen. Sich selbst stets als Opfer zu sehen, ist bequem und entlässt einen aus der persönlichen Verantwortung. Jeder hat die Chance, seine kindheitliche Prägung zu überwinden und das eigene Leben aktiv zu gestalten. Dennoch ist die eigene Kindheit entscheidend mit dafür verantwortlich, wie das spätere Eltern-Kind-Verhältnis sich entwickelt.

    Um so älter die Kinder werden, umso ernster wollen sie genommen werden. Sie entwickeln womöglich eine andere Auffassung vom Leben und ihrer beruflichen Zukunft als die Eltern. Haben andere Ziele und andere Vorstellungen was die Partnerwahl betrifft. Vielen Müttern und Vätern fällt es unheimlich schwer, ihre Kinder in ihrem So-Sein zu akzeptieren. Ständig wird versucht, sie zu beeinflussen, zu manipulieren, ihnen den eigenen Lebensstil und die eigene Meinung aufzudrücken. Die eigenen Kinder zu lieben, bedeutet eben nicht nur, sie zu umarmen und ihnen ständig zu sagen, wie lieb man sie hat oder ständig Konsumgeschenke zu machen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie sich entwickeln und wie sie sein wollen.

    http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2013/kinder-in-deutschland-teil-27-verlassene-eltern/

  30. Hallo Epikur,

    allerbesten Dank für diese ausführlichen und tiefgehenden Einblicke in das Thema.
    Ich habe mich gleich auf Ihrem Blog umgeschaut und bin begeistert.

    Wie schätzen Sie die Erfolgschancen einer rechtzeitigen Mediation in verschiedenen dieser Fälle ein?
    Ich habe (bei frühzeitigem Zeitpunkt) damit ganz gute Erfahrungen gemacht.

    Beste Grüße von Christa Schäfer

  31. 45-jährige Tochter

    Mittlerweile nach meinen letzten Einträgen bin ich nicht mehr 45 sondern 49 Jahre alt.

    Lieber Epikur,
    mein ganz ganz herzliches DANKE für diesen umfassenden, alles sehr gut auf den Punkt bringenden Beitrag!
    Ich hatte mich damals auch sehr ausführlich zu diesem Thema als betroffenes erwachsen gewordenes Kind geäußert und finde mich in Ihrem Text zu 100% wieder. Hätte alles genau so von mir kommen können.

    Falls bei Mitlesenden Interesse besteht, möchte ich auf ein Buch aufmerksam machen, an dem ich auch selbst mit einem Beitrag mitgewirkt habe. Mitmeiner Empfehlung möchte ich weder den Verlag sponsern, noch würde ich eine Provision erhalten. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen als Zusammenstellung von Stimmer Betroffener mit der Besonderheit, dass außer den „Kindern“ auch Elternstimmen darin enthalten sind:
    „Vorübergehend nicht erreichbar“, Herausgeberin Franziska Röchter / chiliverlag

    Mit herzlichem Gruß
    jetzt 49-jährige Tochter

  32. 45-jährige Tochter

    Liebe Frau Schäfer,

    ich denke, dass sich das im Zusammenhang so nicht erschließen lässt. Voraussetzung für eine Aufarbeitung durch Mediation oder Familientherapie ist die Bereitschaft der Beteiligten. Und meiner Erfahrung nach sind dies die meisten Eltern eben nicht, was in Epikus Beitrag sehr gut veranschaulicht wurde.

    Beste Grüße
    45-jährige Tochter

  33. Liebe 45-jährige Tochter,
    da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Das geht nur bei Bereitschaft Aller, und das ist wahrlich selten. Meiner Erfahrung nach gibt es ein günstiges Zeitfenster recht früh in der Thematik, und dann nochmals ein ganz kleines Zeitfenster irgendwann später … Herzliche Grüße und Ihnen alles Gute wünscht Christa Schäfer

  34. Wie schon von „45-jährige Tochter“ angesprochen hat, denke ich auch, dass die Bereitschaft aller zwingende Vorraussetzung ist. Wären alle Beteiligten vor dem Kontaktabbruch auch in der Lage gewesen, sich manchmal selbst ehrlich zu reflektieren, wäre es vermutlich auch nicht zu einem Kontaktabbruch gekommen. Denn Fehler machen wir alle einmal. Ich denke nur, hier beißt sich die Katze gewissermaßen in den Schwanz. Diejenigen, die auch früher nie in der Lage waren, Fehler einzugestehen, selbstkrtiisch zu sein und sich gelegentlich zu reflektieren, werden es nach dem Kontaktabbruch in der Regel auch nicht sein. Ganz im Gegenteil. Viele fühlen sich (gerade Eltern) dann sicher unter Druck gesetzt und werden „bockig“, wenn ich den Ausdruck mal verwenden darf.

    Insofern ist der Kontaktabbruch manchmal auch eine heilsame Methode. Und einigen wenigen sei es sogar vergönnt, nach einiger Zeit, wieder „neu“ anzufangen. Dann womöglich mit mehr Respekt und Achtung. Denn der Mangel daran sind oft der Kern des Problems.

  35. Böse Schwiegertochter

    Liebe Frau Schäfer,
    ich bin die Schwiegertochter einer verlassenen Mutter. Oft lese ich, dass verlassene Eltern nicht wissen, warum sie verlassen wurden und dabei Schwiegersohn/Schwiegertochter für die treibende Kraft halten. Vielleicht ist es aufschlussreich, wenn ich unsere Geschichte wiedergebe. Ich habe das als fiktiven Brief an meine Schwiegermutter mit veränderten Namen geschrieben. Mein Mann heisst David, sein jüngerer Bruder Markus, dessen Frau Ira. Meine Schwiegereltern heissen Maria und Hans und sind geschieden.

    Liebe Maria,

    Ich möchte dir einmal schreiben, was in der Regel ungesagt im Raum steht. Du weisst nicht zuletzt durch Markus und Ira, dass David dich nicht zu sich einladen will und auch nicht interessiert ist, den Kontakt zu pflegen. Von Ira weiss ich, dass Du das nicht verstehst und mich im Verdacht hast, bei David Stimmung gegen dich gemacht zu haben.

    Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass ich seinerzeit den Kontakt zu dir unterbrochen habe und du davon ausgehen musstest, dass dies auf meinen ausschliesslichen Wunsch geschah und David keine Wahl hatte, um keinen Krach mit seiner Frau zu bekommen. Seither meldet sich David nicht bei dir und spricht nur mit dir, wenn du anrufst. Soweit die Situation bis heute.

    Eines stimmt sicher – ich bin bis heute sehr wütend auf dich und Hans. Die Ursachen für Davids Depression liegen in seiner Kindheit und insbesondere darin, wie du (und auch Hans) ihn behandelt habt. Ich beziehe mich der Einfachheit aber jetzt mal ausschliesslich auf dich.

    Aus den medizinischen Unterlagen der Psychologen lässt sich herauslesen was vorgefallen ist und auch ich habe erlebt, dass David von euch lieblos behandelt wurde. Die wenigen Male, wo David versucht hat, mit dir darüber zu sprechen, hast du die Sachverhalte einfach geleugnet. Davids Wünsche und Bedürfnisse spielten für dich keine Rolle und wurden mit fadenscheinigen Ausreden umgangen. Fadenscheinig deshalb, weil die Erklärungen aufgrund ihrer Häufigkeit schließlich nur noch als solche gesehen werden konnten.

    David hat sich oft genug gar nicht mehr getraut, um etwas zu bitten, weil er die Antwort im Voraus kannte.

    Mir tat David so leid und es tat mir unendlich weh, zu sehen, wie er darunter litt. Das ist es, was mich auf dich so wütend macht. Zumal es bei Markus keinerlei Probleme gab, wenn er etwas brauchte. Sei es, dass er mehrfach zwischen Köln und Düsseldorf hin und her gefahren wurde, um nach einem Flug nach Berlin zu sehen, da er seinen Flug verpasst hatte, am nächsten Morgen aber Dienst in der Klinik in Berlin hatte.

    Tief gekränkt war David auch, dass du zwar bei Markus‘ Kindern bei der Geburt zu Besuch warst, nicht aber bei Tobias oder Michael. Hier gab es reichlich Ausreden wie „kein Geld“ und nachdem David bereitwillig die Kosten übernehmen wollte, hieß es „zu weit“. Auf den Vorschlag auf dem Weg nach Amerika in Island zwischenzulanden, war die Ausrede, dass du Sorgen hättest, dich im Flughafen nicht zurechtzufinden. Frankfurt (für viele der komplizierteste, unübersichtlichste Flughafen überhaupt) war aber kein Problem für dich, um fünf Mal nach Marokko zu fliegen (und die Kosten?). Ein Flug, der ebenfalls mehrere Stunden dauert…

    Davids Versuche, diverse Vorfälle einmal anzusprechen, scheiterten, da die Vorfälle entweder geleugnet oder „entschärft“ wurden.

    Bis David aufgegeben hat…

    Ich könnte sicher noch einiges anführen – dass du David und mir nicht helfen wolltest, als wir aus Amerika zurückkamen, obwohl du wusstest, dass ich bereits sehr krank war…Nach 4 Wochen hast du das erste Mal von dir hören lassen! Das Bedürfnis, David nach langer Zeit (nach 10 Auslandsaufenthalt!) zu sehen, war wohl nicht sehr groß, wenn man den Sohn erst Wochen nach der Rückkehr kontaktiert – ohne Erklärung!

    Den einen Tag, wo du nach einigem hin und her dann doch mal geholfen hast, hast du dich hinterher bitterlich bei Markus beklagt – nicht ohne mir zuvor aber weitere Hilfe angeboten zu haben! Auf die wir verzichtet haben, nachdem wir von Markus erfuhren, dass du dir ausgenutzt vorkamst. Bei einem Tag Hilfe…Soweit ich mich erinnere, hast du Markus regelmäßig die Wohnung geputzt und seine Wäsche gewaschen, als er noch studiert hat. Da hattest du kein Problem. Wie kommt es zu solchen Diskrepanzen?

    Und Du findest es ehrlich verwunderlich, warum David kein Interesse mehr an nettem Kontakt hat?

    Ich habe den Abbruch damals nicht gern gemacht – weil das nicht meine Aufgabe war und das eigentlich eine Sache zwischen ihm und dir war…Da du aber nur angerufen hast, um Hans‘ Schandtaten zu schildern oder den Aktienkurs von XXX zu erfragen, den du genausogut über die Bank, die Zeitung oder andere Medien hättest in Erfahrung bringen können, nicht aber, weil du wissen wolltest, wie es uns geht, waren die Anrufe für David eine ziemliche Belastung, die sich dann in der Familie entlud. Statt dir die Meinung zu sagen, staute sich der Ärger bei David an und entlud sich bei den Kindern und mir. Das ging nicht mehr! David war mir dafür sehr dankbar, auch wenn – oder vielleicht auch weil – er wusste, dass ich das nicht gern getan hatte. Er sagte, dass er die Kraft dazu einfach nicht mehr gehabt habe…

    David hat noch vieles, dass er dir übel nimmt und/oder als Hinweis deutet, dass du nicht wirklich Interesse an ihm oder seiner Familie hast. Er erwartet nichts mehr von einer Beziehung mit dir. Dazu hat es viel gebraucht, denn David ist durch und durch Familienmensch. Ihn soweit zu bringen eine so wichtige Beziehung aufzugeben, hätte kein Aussenstehender bewirken können, so bequem eine solche Vermutung auch sein mag.

    Ob es eine Chance geben würde – vielleicht noch…Die Frage ist eher, ob du dazu in der Lage wärst. David verabscheut Lügen und Ausflüchte. Ehrlichkeit und Offenheit wären dazu nötig. Und ehrliches Interesse an ihm und seinem Leben. Zuspruch, den du ihm früher nicht gegeben hast…Vielleicht auch nur der Versuch, zu verstehen, wie manches, was du gesagt/getan hast, auf David gewirkt hat, auch wenn das, was ich schwer hoffen möchte, nicht die beabsichtigte Wirkung war.

    War euer Verhältnis vielleicht durch die ungewollte Schwangerschaft belastet? Eine Belastung, die bei Markus ja nicht bestanden haben würde, weil er nach der Eheschließung geboren und damit legitim war?! Nur mal so ein Gedanke…Denn gestört ist das Verhältnis – ein Vertrauensverhältnis hat nach Davids eigener Aussage nie bestanden. Er hatte – und hat bis heute – kein Vertrauen zu dir.

    Vielleicht wird dir durch meine Schilderung klar, wie tief die Problematik zwischen dir und David eigentlich ist. Ich weiss das schon sehr lange durch viele Gespräche mit David. Er sagte mir, ich sei der erste Mensch, dem er vertraut…Ist das nicht traurig? Auf wieviel Einsamkeit und Verlassenheit weisst allein eine solche Aussage hin? Welche unbewussten Botschaften zwischen euch muss es gegeben haben, dass David glaubte, seiner Mutter nicht vertrauen zu können?

    Maria, ich will dir nicht böswillig wehtun, auch wenn ich sehr wütend bin und dir sicher schon durch im Zorn gesagte Äusserungen weh getan habe! Das was ich hier von David schildere, ist wahr und traurig und es tat mir weh, zu sehen, wie David darunter gelitten hat. Und alles zu leugnen verbaut die eventuelle Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen.

    David weiß, dass Du eine schlimme Ehe hinter Dir hast, die wegen ihm geschlossen wurde. Aber daran ist er nicht schuld. Es wäre sinnvoll, ehrlich zu überlegen, ob Du unbewusst David die Schuld für diese Ehe gegeben hast und David nicht mit der Liebe begegnen konntest, die zwischen Mutter und Kind existieren sollte. Das ist bei ungewollten Schwangerschaften nicht ungewöhnlich auch wenn die Kinder natürlich nichts dafür können.

    David ist ein sehr empfindsamer Mensch, was im Leben nicht unbedingt immer vorteilhaft ist. Aber er ist auch in der Lage, so viel Liebe zu geben. Er öffnet sich nicht jedem Menschen, aber wenn er es tut, ist das ein Geschenk! Er hört genau zu, ist voller Wohlwollen und so hilfsbereit…Lügen sind ihm zuwider. Er hasst das Reden um den heissen Brei ebenso wie leeres Palaver (wie gehaltvoll sind Eure seltenen Gespräche?). Und er hasst es, wenn jemand seine Gutheit ausnutzt.

    Das war wohl auch ein Grund, warum er Dir beim Umzug nach Berlin nicht geholfen hat. Für ihn war das Maß einfach voll. Wenn die Liebe zur Mutter immer wieder zu Leid führt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich der Betroffene zurückzieht. So wie David es getan hat, weil er nicht mehr geglaubt hat, dass es jemals anders sein würde.

    So kam es dazu, dass Du von Deinem Sohn verlassen wurdest – die letzte Möglichkeit diesen Leidensweg zu beenden, weil Du ihm durch Dein Leugnen keine andere Wahl gelassen hast.

    Dieses Leugnen belastet auch das Verhältnis zwischen uns und Markus und Ira. Ira kann vieles was sie von uns hört, nicht glauben. Wem soll sie glauben? Dir oder uns? Sie war ja nicht dabei! Auch Markus hat so einiges nicht mitbekommen (z.B. den Liebesbrief, den David für Dich übersetzen sollte, und den Du Deinem Liebhaber in die XXX geschickt hast. Wer kann so etwas auch glauben?).

    Solange es keine Aufrichtigkeit gibt, wird es keine Annäherung geben können, ohne, dass sie erneut zu Leid und Enttäuschung für David führen wird.

    Ich hoffe, dass Dir Davids Situation nun ein wenig klarer wird. Vielleicht kannst Du sogar ein wenig verstehen, weshalb ich so zornig bin. Schließlich liebe ich David und es war nicht leicht für mich, einfach dabei zuzusehen, was sich zwischen Euch abgespielt hat.

  36. Liebe Schwiegertochter,
    mir bleiben die Worte weg …

    Wie man Ihrem Brief entnehmen kann, sind es nicht nur die direkten Beteiligten, die leiden, sondern ein viel viel größerer Kreis. In Ihrem Fall scheint es so zu sein, dass viele Lebensmomente noch immer von der Vergangenheit bestimmt sind, für Sie, für die Kinder, und für David sowieso. Erleichternd, dass Sie David so gut unterstützen können, und leidvoll, dass die „Mutter-Sohn-Geschichte“ immer neu und immer wieder viel Kraft kostet und Leid bringt.

    Ich danke Ihnen für die Offentheit in Ihrem Beitrag. Nur durch solche Gedanken wie die aufgeschriebenen, denke ich, können Menschen wie Maria (und Hans) „erfahren und erkennen“ und vielleicht vielleicht den Anreiz für eine Änderung erhalten, in den Perspektivwechsel gehen, zukünftig anders und vorsichtiger und bewusster reagieren … Und wenn auch nicht Maria, so vielleicht eine andere Mutter, die dann eine solche Verstrickung ein klein wenig lösen kann und damit wenigstens für Luft zum Atmen sorgt …

    Ihnen und David alles Gute
    wünscht Christa Schäfer

  37. Böse Schwiegertochter

    Liebe Frau Schäfer,
    Vielen Dank für Ihre lieben und verständnisvollen Worte!

    Es ist tatsächlich so, dass eine vergiftete Beziehung sich auf viele weitere negativ auswirkt. Das bewirken nicht zuletzt die Versuche der Beteiligten, das Gesicht zu wahren und durch Lügen und das Bezichtigen der anderen zu lügen keinesfalls als Übeltäter dazustehen.

    In Marias Fall glaube ich, dass sie nicht einmal sich selbst eingestehen kann, dass es etwas gab, dass ihr die unbedingte Liebe zu David unmöglich machte. Sie würde behaupten, David (den unehelichen Sohn) genauso geliebt zu haben wie Markus. Ihre Ausreden waren keine und ich bin die hetzende Schwiegertochter…Wahrscheinlich ist es so für sie einfacher zu ertragen, führt aber nicht zu einer möglichen Aussöhnung.

    Gleichzeitig erschwert dies David den Umgang mit anderen Verwandten, die nicht wissen, was sie glauben sollen. Da Verwandte ja auch wissen wollen, warum und wieso, ist David gezungen, zu erklären, was ihn so verletzt hat oder aber er schweigt dazu…Beide Lösungen sind schwierig und können dazu führen, dass der Verlassene sich auch von weiteren Verwandten zurückzieht oder diese sich von ihm. Ein Teufelskreis…

    Ein Aufeinander zu wäre schön. Der Verlassene müsste zuhören, ohne sich gleich verteidigen zu wollen und die seelischen Schmerzen ernst nehmen. Dazu braucht es nicht gleich ein Eingeständnis etwas bestimmtes gesagt/getan zu haben. Nur ein „es tut mir leid, dass dir das so weh tut.“ würde so viel wieder gut machen…letztendlich sehnen sich die Verlassenden sehr nach einem Signal des Wohlwollens. Ein Ernstnehmen ihres Schmerzes, der oft über Jahre ertragen wurde.

    In Davids Familie gab es untereinander keine gute Kommunikation. Probleme wurden als nicht existent unter den Teppich gekehrt bis wohl keiner mehr die Bedürfnisse des anderen erkennen konnte. Die Familie wirkte auf mich wie eine willkürlich zusammengewürfelte WG, aber keine Familie…

    David lernt in der Therapie, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen und Trauer darüber zuzulassen. Wut hatte er jahrelang unterdrückt, die ja „nicht richtig“ war. Er konnte sie nicht einmal mehr spüren! Bis sie dann in einer Sitzung hervorbrach und er einen Tonklumpen (Vorschlag der Therapeutin) mit solcher Wucht gegen die Wand warf, dass er sich nicht lösen ließ.

    Seine eigene Familie liebt er heiss und innig. Wir versuchen unseren Jungs zuzuhören und nehmen sie auch ernst. Über Probleme sprechen wir offen. So ist auch Davids Erkrankung kein Geheimnis. Sie wirkt sich ja nun auch auf das Familienleben aus. Wir haben versucht dies altersgerecht zu vermitteln und die Jungen gehen recht offen auch mit ihren Gefühlen um. Es tut gut, das zu sehen.

    Wir hoffen und glauben, auf einem guten Weg zu sein.

    Allen Betroffenen wünsche ich alles Gute auf ihrem Weg. Für Verlassene und Verlassende ist es nicht leicht. Aber es gibt immer wieder auch Versöhnungen…

  38. Liebe Schwiegertochter,
    nochmals besten Dank für Ihre feinfühlige Antwort.
    Darf ich meine Gedanken zu Ihren Anmerkungen äußern?
    Ich finde Ihre Haltung und Ihre Sprache bemerkenswert, denn sie sind nicht anklagend und vernichtend, sondern verstehen wollend und Verständnis habend, und damit mehr „zueinander bringend“ als „auseinander bringend“. Das tut sicherlich der ganzen Familie (David und den Kindern) gut. Das uneingeschränkte Verständnis für David ist sicherlich äußerst wichtig, das Einbeziehen der Kinder ist mutig und spricht für Größe, und das Verstehenwollen der Situation hält Türen offen. Kompliment.
    Herzliche Grüße und weiterhin viel Kraft wünscht Ihnen Christa Schäfer

  39. L.B.

    Guten Abend, allen Leserinnen und Lesern.

    Vielen Dank für alles Teilhaben lassen.
    Mir scheint immer wieder, es gibt viele Perspektiven, viele Möglichkeiten.

    Mir erscheint jedoch auch wichtig, zu schauen was machbar ist und von welchen Erwartungen ich mich verabschieden will/muss, welche Kompromisse ich eingehen kann oder möchte und von welchen Dingen und vielleicht auch Menschen ich mich verabschieden sollte.

    In diesem Sinne wünsche ich uns immer wieder Lichter der Orientierung und des Friedens.

    Herzliche Grüße
    Luisa

  40. … wie wahr, liebe Luisa.
    Und Ihnen wünsche ich alles Gute zum Neuen Jahr !!!
    Mögen viele Ihrer Wünsche in Erfüllung gehen …
    Christa Schäfer

  41. Böse Schwiegertochter

    Liebe Frau Schäfer,
    Vielen Dank für das Lob. Ich war allerdings nicht von Anfang an so verständnisvoll: es war mir zunächst schleierhaft, wie eine Mutter so mit ihrem Sohn umgehen kann. Über die Jahre fügten sich nach und nach einzelne Puzzleteile zusammen und auch neue Erfahrungen halfen, die Situation nach und nach besser zu verstehen und zumindest eine mögliche Erklärung zu finden.

    Dazu kommt, dass ich mich als Mutter von zwei Asperger Autisten zwangsläufig von Wunschdenken, Schönreden und Nicht-wahr-haben-wollen verabschieden musste. Um meinen Jungen effizient helfen zu können, musste ich einen sehr realen Blick entwickeln. Es war viel einfacher wertfrei Defizite und Stärken der Kinder einzuschätzen und mit Fachleuten nach passender Unterstützung und Therapie zu suchen.

    Diese Art, die Dinge erst mal als Ist-Stand zu akzeptieren und dann nach geeigneten Lösungen mit allen Beteiligten zu suchen, war so hilfreich, dass sie sich schliesslich auch bei uns im täglichen Umgang etablierte.

    Da jeder seine Gedanken und Gefühle – auch negative – frei äussern darf, ohne dafür gekreuzigt zu werden, fühlen wir uns voneinander angenommen und so akzeptiert, wie wir sind. Einschliesslich unserer „dunkleren Seiten“ die auch dazugehören. Das gibt viel Sicherheit im Umgang miteinander.

    Da beide Jungen nicht intuitiv die Stimmungen anderer erfassen konnten, mussten sie dies bewusst lernen. Dadurch wurde die Situation mit meinen Schwiegereltern zum Problem. Ein so komplexes Geflecht an Beziehungsstrukturen hätte die Jungen überfordert. Die stellt ja schon für „normale“ Menschen ein Problem dar.

    Daher beschränkten wir den Umgang mit den Schwiegereltern auf größere Familienfeste. In der Verwandschaft standen wir dafür schwer in der Kritik, weil viele uns für herzlos hielten. Das tat lange Zeit weh. Inzwischen wissen wir, dass wir als verantwortungsvolle Eltern handeln und stehen auch dazu.

    Auch dass David sich nicht entspannen kann, wenn ein Elternteil mit von der Partie ist, kann z.B. Markus überhaupt nicht nachvollziehen. Er glaubt, dass sich David nur anstellt…

    Bei einem Treffen brüllte David seinen Vater an, weil der unserem Sohn unter dem Tisch Geld zusteckte. Da er das schon einmal getan hatte und unseren Sohn dabei eingeimpft hatte, uns nichts zu sagen, weil wir ihm sonst das Geld wegnehmen würden, ist Davids Reaktion verständlicher.

    Markus fand aber, dass David nicht so mit dem Vater umgehen dürfe. Was der Vater zu unserem Sohn gesagt hätte, wäre doch nicht schlimm…

    Da Markus das Verhalten seiner Eltern nicht schlimm findet oder ihnen glaubt, dass David lügt, ist der Umgang nicht unkompliziert.

    Um David Stress zu ersparen, bleibt oft nur der Rückzug…Die Eltern halten dies für einen Racheakt und fördern diese Interpretation in der Verwandschaft. Und die weiss oft nicht, wem sie glauben soll…

    So kann die Situation für einen Verlassenden auch aussehen…

  42. Karin

    Guten Morgen,
    Ich gehöre auch zu den „Verlassern“, ich bin eine der Töchter, die den Kontakt peu a peu abbrechen. Die Gründe hierfür liegen darin, dass durch die Art meiner Eltern (ständige Kritik, kein Respekt vor meinen Wünschen/Grenzen und ich werde nicht ernst genommen – und zwar immer noch mit 34) jeder Kontakt dazu führt, dass ich mich 4 Wochen schlecht fühle und ich in einem ständigen aussichtslosen Kampf mit Ihnen liege. Fremde Personen und einigermaßen gesunde Beziehungen können mir weitaus mehr an Wärme und Wertschätzung geben, als meine eigenen Eltern und sind existentiell für meine Gesundung. Es hat sich über die Jahre eine Neurose entwickelt, an deren Heilung ich schon seit 8 Jahren am arbeiten bin. Die Symptome wie selbstverletzendes Verhalten, Angstschweissausbrüche, Sozialphobie … heilen langsam ab. Die Tatsache, dass ich ein Beziehungsphobiker bin und nach dem jetzigen Stand wohl deswegen keine nahe Beziehung zu einem Mann eingehen kann, werden wohl noch lange bleiben. Es gibt noch immer Erziehungsversuche (mit 34!!!) bzw der Versuch Zwang auszuüben und ich weiß, das sie über mein Nein nicht begeistert sind. Anders als durch einen Kontaktabbruch (um positive Beziehungserfahrungen zu sammeln) geht es meiner Einschätzung nach nicht. Klar ist und bleibt man ein Stück weit die Liebende Tochter, die sich nichts sehnlicher wünscht als geliebt zu werden, aber manchmal muss man einfach realistisch sein und sich eingestehen, dass dies nie so sein wird und der eingeforderte Respekt eine Erziehungsarbeit an den Eltern/dem Familiensystem bedeuten würde dem ein Kampf gegen Windmühlen gleicht (man kann andere Menschen nicht zu einem respektvollem Umgang zwingen). Fazit ist, ich lasse sie in ihrem Familiensystem/Beziehungssystem, minimiere den Kontakt um zu mir zu finden und mit der Ruhe leben zu können und belasse sie dort wo sie sind. Klar ist es ein Tabubruch, aber ggf gesundet das System daran wenn ein Baustein des ganzen fehlt. Ich habe das Buch nicht gelesen, werde es aber auch nicht lesen, da ich die narzisstische Selbstbeweihräucherung und das absolute Mitleid mit sich selbst, die Schuldzuschiebungen an andere nur zu gut kenne. Ich bin erwachsen und für mich selbst verantwortlich, wenn ich den Kontakt zu einer Person als schädlich ansehe, dann habe ich auch das Recht den Kontakt abzubrechen.

  43. Guten Morgen an Sie zurück und besten Dank, dass Sie Ihre Gedanken hier mit uns teilen. Auf der einen Seite kann ich Ihrem Kommentar entnehmen, dass Sie durch die Neurose und die auftretenden Symptome seit 8 Jahren ganz heftige Zeiten hinter sich haben und immer noch durchleben. Auf der anderen Seite lese ich, dass Sie Ihren Weg konsequent durchdacht haben und leben. Dafür viel Kraft (und hoffentlich auch ausreichend Unterstützung) wünscht Ihnen Christa Schäfer

  44. Tina

    Hallo zusammen!
    Auch ich gehöre zu den Töchtern (Jahrgang 1960) die eine Mutter hat, die eine narzistische Persönlichkeitsstörung hat und den Kontakt zur Familie abbrach. Irgendwie werde ich „die Dämonen meiner Vergangenheit“ nicht los. Das fängt schon morgen damit an. Als Schülerin mußte ich bereits 7 Uhr 45 in der Schule sein. Jeden Morgen knipste mir meine Mutter – von außen – das Licht im Badezimmer aus und rief vom Korridor aus „du brauchst kein Licht mehr!“. Da stand ich dann im Dunklen… mit einem Waschbecken voll kaltem Wasser. Vor dem Badezimmerfenster befand sich, nur ein paar Meter entfernt, ein anderes Haus, so daß sich ein natürlicher Lichteinfall erst zu wesentlich späterer Stunde einstellen konnte. Meine Mutter war auch der Meinung daß meine langen Haare den Staubsauger kaputt machen würden. Deshalb wurde ich zum Friseur geschleppt. Dort verpaßte man mir eine Frisur wie ein Junge und hänselte mich später wegen meines Aussehens. Ich wollte immer wie eine Prinzessin aussehen und nicht wie ein Junge. Meine Mutter konnte sich nicht meinen Namen merken. Oft nahm sie die erste Vorsilbe meines Vornamens und hängte dann den vollen Vornamen meines Bruders an. Sprüche wie „du kommst in die Erziehungsanstalt“, „werde wie dein Bruder, dann wirst du richtig“, „nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder“, „du bist der erste Nagel zu meinem Sarg“ und „du machst mir das Leben zur Hölle mit deinem Vater und der Schwiegermutter zusammen“… waren Alltäglichkeit. Eine Intimspäre gab es nicht. Das Badezimmer wurde von außen aufgeschlossen, wenn man sich darin zu lange aufhielt. Alles wurde kontrolliert. Schon als Kind hatte ich Probleme mit meinem Magen. Wenn ich mich übergab – und das kam fast täglich vor – rannte meine Mutter über den Korridor und rief durch die geschlossene Badezimmertür „Na! Hast du wieder etwas Unkontrolliertes oder zu hastig gegessen?!“ Nicht einmal da konnte sie mich in Ruhe lassen. Jahrelang warf ich Nervogastrol ein. Heute habe ich eine chronische Gastritis, Enteritis, Colitis… Durch dieses Übergeben und auch nicht essen wollen (ich empfand Essen als einen Fremdkörper in meinem Mund) litt ich an Wadenkrämpfen wegen Magnesiummangels. Wenn ich meiner Mutter sagte daß ich Schmerzen (meistens im rechten Bein) habe meinte sie nur, daß ich wachsen würde und mir am nächsten Tag das andere Bein weh tun würde. Es war ihr egal. Das hätte auch ganauso gut etwas Schlimmeres sein können. Das wurde billigend in Kauf genommen. Bis ich meine Berufsausbildung begann humpelte ich durchs Leben. Als der Arzt einmal irrtümlich bei mir eine Tuberkuloseerkrankung feststellte sagte sie nur „was denken da die Leute?!“. Da war ich ungefähr vier Jahre alt. Haßerfüllt blickte mich meine Mutter an. Der Arzt brüllte sie daraufhin an. Auf dem Nachhauseweg blickte ich verängstigt zu ihr hoch und frug „werde ich wieder ganz gesund?“. Meine Mutter hätte mich am liebsten in die Gosse geschmissen so schaute sie mich an und sagte keinen Ton. Leute, bei uns im Haus, klingelten manchmal bei meiner Mutter um sie auf mich aufmerksam zu machen. Einmal war es eine Frau schräg unter uns, die meinte daß ich vor Schmerzen schreien würde. Da hatte ich eine vereiterte Mittelohrentzündung. Dann war es ein alter Mann, der selber nie Kinder hatte, der sagte, daß mit meinem rechten Arm etwas nicht in Ordnung sei. Da hatte ich die Gelenkkapsel des Ellenbogengelenkes gebrochen. Mein Vater stellte fest, daß der linke Arm länger als der andere war. Ergebnis: linke Schulter ausgekugelt. Das war meiner Mutter alles egal. Hauptsache ihr ging es gut. Zur Schule bekamen wir nie etwas zu Trinken mit. Wenn wir nach Hause kamen klebte die Zunge am Gaumen. Leitungswasser durften wir ja nicht trinkén. Mein sehnlichster Wunsch war es eine Jeans zu besitzen. Mein älterer Bruder war aus seinen weißen Jeans – die man seinerzeit noch Nietenhose nannte – herausgewachsen. Meine Mutter bat ich diese Hose nicht wegzuwerfen, sondern mir zu geben. Ich freute mich ungemein darauf. Wochen später auf die Hose angesprochen reagierte meine Mutter nicht. So als ob ich nicht existieren würde. Sie hat die Hose heimlich entsorgt. Nie werde ich die wahnsinnige Enttäuschung vergessen, das war damals von der Intensität vergleichbar mit meinem ersten Liebeskummer. Man muß dazu wissen, daß ich in der Schule gemobbt wurde. Wir zogen, wegen des Berufes meines Vaters, von Niedersachsen nach Baden-Württemberg. Ich sprach sp und st wie ein typischer Niedersachse aus. Das war die Hölle wie ich in der Schule behandelt wurde. Eine Grundschullehrerin meinte sogar ich würde an Legasthenie leiden. Immer ließ sie mich vorlesen und „verbesserte“ mich bei Stellen mit sp und st… was in der deutschen Sprache ständig der Fall ist. Dann sagte ich nichts mehr. War ohnehin gehemmt ohne Ende. Mein Vater regelte das dann. Zu meinem Vater hatte ich ein sehr gutes Verhältnis bis zum Start meiner Schulzeit. Meine Mutter störte das ungemein. Mit der Zeit hat sie das gute Verhältnis zerstört. Immer drohte sie „das sage ich Vati!“ Der brüllte mich daraufhin an, wenn er abends – von der Arbeit – nach Hause kam. Ergebnis: Wenn gebrüllt wird – egal ob mich das betrifft oder jemand anderen… oder im Film gebrüllt wird… – ich bekomme Atemnot und Panik. Ich konnte und kann nicht „Vati“ oder „Mutti“ sagen, weil ich Monster nicht verniedlichen kann. Ich sage sowieso selten Namen. Auch das fällt mir schwer. Oft sagte ich Mutter. Wollte ich wissen wo mein Vater war frug ich „ist mein Vater da?“ etc. Diese innere Distanz führte dazu, daß mich einmal mein Vater in meiner Wohnung anrief und sich mit „Vati“ meldete… ich überlegte wer das war… wollte schon fragen woher wir uns denn kennen. Damals war ich in einem Chat und dachte ein „Fatih“ hätte sich gemeldet. Allerdings gab ich niemandem meine Telefonnummer… ich habe ein starkes Sicherheitsbedürfnis. Oft warf mir meine Mutter vor, daß sie sehr viele Entbehrungen wegen mir auf sich nahm. Ja… und man hätte mir eine Ausbildung bezahlt. Ich machte eine Berufsausbildung und mein Bruder studierte in einer anderen Stadt. Der bekam eine Ausbildung bezahlt. Bekam jahrelang ein Zimmer in einer 2er WG bezahlt. Kam aller drei Wochen nach Hause zum Geldtanken und gab einen Sack voller dreckiger Klamotten ab. So war das! Heute ist er wissenschaftlich tätig, hält bei GM Vorträge in den USA und meldet Patente an. Der hat auch mitbekommen wie ich behandelt wurde. Der ist profillos und geizig. Kann sich angeblich an nichts erinnern. Verachtet meine Mutter mehr als ich das jemals könnte… macht aber gute Miene zum bösen Spiel… als ob der das Erbe meiner Eltern nötig hätte… bei 10.000 Euro monatlichem Verdienst! Wenn ich ihn anspreche „du warst doch dabei…“ sagt er nur er könne sich nicht erinnern oder er sagt süffisant „so… war das so?“ Na klar. Vor ihm wurde zu mir gesagt daß ich so werden solle wie er… also nichts tauge. Das ist ganz tief drin… diese eingeimpfte Verachtung. So wurde ich nicht nur um Mutterliebe und Nestwärme betrogen… der Bruder ist mir auch im Herzen fremd geblieben. Wie sonst kann ein Bruder von mir sagen „die hat eine Neurose“ … zu mir sagte er mal – ich war bereits in der Berufsausbildung – „du warst schon immer ein Schwein“… wir hatten damals wegen eines Wasserrohrbruches kein Wasser und ich kam nach Hause und mußte dringend auf die Toilette. Ich hatte zwar mit einem Wassereimer nachgespült aber optimal war das eben nicht. Aber ausschwitzen kann man das doch auch nicht. Meine Mutter bat ihn einmal mir Physik etwas näher zu bringen… da meinte er „Andere bekommen Geld für Nachhilfestunden“. Ach ja… seit ich die Berufsausbildung begann weigerte sich meine Mutter meine „Reizwäsche“ zu waschen. Also wusch ich meine Sachen in der Badewanne per Hand. Denn Auslüften… wie sie es gerne tat… reichte auf die Dauer nicht. Als ich als Auszubildende mal ein Kleid kaufte und es ihr zeigte sagte sie irgendetwas Mürrisches vor sich hin. Abends riß mein Vater die Tür zum Kinderzimmer auf und brüllte mich an wie ich dazu käme „jeden Fetzen“ zu kaufen… ich wüßte doch daß wir keinen Platz hätten… ich hätte vergessen einen Schrank dazu zu kaufen. Der Platz war eh knapp bemessen… tagsüber mußte ich mir ca. 11m² mit meinem Bruder teilen. Da stand eine Anrichte, ein Tisch, zwei Stühle, 2 Betten und mein Bruder hatte einen Nachtisch. Der Platz auf dem Tisch war auch zu klein, so daß ich unter dem Tisch saß und meine Schulaufgaben machte. Später erledigte ich meine Schulaufgaben in der Küche wo ständig jemand hereinkam und sei es nur um sich zu schnäuzen und das Taschentuch in den Müll zu werfen. Jedes Mal klappte ich dann das Heft zu. Ich machte eh immer alles falsch und solle lieber in der Schule schlafen statt während des Kartenspieles mit meinen Eltern. Als ich ungefähr 10 Jahre alt wurde schlief statt meines Bruders meine Mutter im Kinderzimmer und mein Bruder schlief mit meinem Vater im Ehebett im Schlafzimmer. Ich mußte mich verhalten wie ein Zinnsoldat, sonst schrie mich meine Mutter des nachts an „ich sags Vati! Ich brauche auch meinen Schlaf!“ Mein Leben verlief bis dahin wie im Knast. Noch heute habe ich Probleme das Leben zu genießen. Habe viel und exzessiv gearbeitet. Wenn Feiertage waren bin ich heimlich in den Betrieb gegangen und habe gearbeitet. Feiertage waren und sind fürchterlich. Mir fehlt oft die Distanz. Wird ein Tier gequält oder ein Kind, Mensch… dann bin ich das Tier oder Kind das gequält wird. Ich bekomme Atemprobleme, muß dann eingreifen… kann da nicht zusehen. Werde ich bedroht drehe ich durch. Derjenige, der mich bedroht… mir droht… hat für alle Zeit nicht nur meine Wertschätzung verloren. Habe oft das Gefühl zum Anarchisten zu werden… eines Tages. Platzangst, Depressionen, Sozialphobie… ein posttraumisches Belastungssyndrom… all das habe ich. Gehe um 3 Uhr nachts raus um den Müll wegzuwerfen. Gehe bei strömendem Regen in den Garten. Fühle mich am wohlsten wenn ich alleine bin. Muß lernen, daß das Leben nichts Unangenehmes ist, daß man nicht schnell und erfolgreich abhandeln sollte.

  45. Tina

    Hallo noch einmal!
    Zu dem vorhin geschriebenen Zeilen möchte ich noch folgendes hinzufügen.
    Auf die Vorfälle angesprochen reagierte meine Mutter mit Relativierung und seit neuestem mit dem Satz „das bildest du dir alles nur ein.“ Ich habe diverse Hörstürze erlitten und komischerweise bin ich schon zweimal mit der Diagnose Neuropathia vestibularis im Krankenhaus gelandet. Das linke Gleichgewichtsorgan hat sich seitdem nicht mehr erholt.
    Kam ich früher mit Sorgen, wie z.B. Mobbing in dem Ausbildungsbetrieb, zu meiner aufopfernden Mutter machte sie meinen Kummer noch größer mit dem Spruch „das liegt an dir. Ändere dich. Ich komme ja auch nicht mit dir klar. Dann passiert dir das nicht mehr.“
    Hat jemand etwas gegen mich gesagt hat sie sich sofort auf die Seite der Person gestellt, die etwas gegen mich äußerte.
    Mein erster Ehemann war ein Verbrecher und ließ mich mit 90.000 DM Schulden sitzen. Aus der Haft heraus hat dieses Subjekt meine Mutter über mich „aufgeklärt“. Bis heute weiß ich nicht was der Verbrecher für Lügen über mich verbreitet hat. Die Bitte auch meines zweiten Mannes die Briefe ungeöffnet zu entsorgen blieben ungehört.
    Ein „Schulkamerad“ riß mich einmal auf dem Nachhauseweg am Schulranzen runter… bis auf den Gehsteig. Meine Mutter ging neben mir her und drehte sich nicht einmal um, als ich auf dem Boden lag. Sie meinte das müßten wir unter und selber abmachen.
    Meine Mutter bezeichnet meinen Vater – hinter dem Rücken – als einen einäugigen Schlesier der „nur“ Gefreiter im zweiten Weltkrieg war und den sie besser nicht hätte heiraten sollen.
    2008 bat mich meine Mutter bereits 10 Tage vor Weihnachten zu Weihnachten nicht anzurufen, da sie für meinen Bruder und dessen Frau kochen müsse. Auch mein Vater fand das in Ordnung, da man das mit dem Zeitungausträger, Postboten, Sprudelmann etc. auch so mache.
    Als ich 2009 umzog gab ich meinen Eltern weder Telefonnummer noch Adresse. Da wurden meine Freundinnen – die eingeweiht waren – von meiner Mutter abtelefoniert und sich nach der Adresse und Tel.nr. erkundigt. Da meine Freundinnen standhaft blieben wurden diese in den Streit verwickelt und terrorisiert. Meine Mutter schreibt denen trotzdem zu Weihnachten. In den Augen Außenstehender bin ich das schwarze Schaf, weil meine Mutter gut schauspielern kann. Steht als soziale und hilfsbereite Person da. Ihr ist es wichtig gemocht zu werden, egal von wem.
    Sie neidet es mir, dass in meiner Kindheit kein Krieg herrschte und ich eine „richtige Mutter“ habe. (Ihre leibliche Mutter nahm sich nach der Geburt meiner Mutter das Leben. Meine Mutter kam zu einer Amme. Später heiratete mein Großvater erneut. Diese Frau hatte aber keine eigenen Kinder und hatte selbst eine Stiefmutter). Jahrzehnte ging meine Mutter von Kindbettfieber als Todesursache ihrer leiblichen Mutter aus. So wurde sie jahrzehntelang angelogen. Erst vor ca. 25 Jahren erfuhr sie zufällig die Wahrheit.
    Ich erfuhr zufällig vor 15 Jahren, daß mein Vater noch einen unehelichen Sohn hat.
    Das einzig Gute was ich über meine Mutter sagen kann ist
    1. ich mußte nie etwas essen was ich nicht mochte
    2. hat meine Mutter recht gut gekocht
    3. ist meine Mutter nicht zu geizig
    Würde sie, mein Vater oder mein Bruder sterben würde ich zwar nicht jubeln, aber vor Kummer zusammenbrechen… wie kürzlich nach dem Ableben meines zweiten Ehemannes auch nicht.
    Ich bin in psych. Therapie aber irgendwie helfen mir meine Monologe nicht. Medikamente lehne ich mit der Begründung ab, dass die Menschen welche einwerfen müßten, die mich soweit gebracht haben. Die haben jedoch keinen Leidesdruck… ich weiß.

  46. Hallo Tina,

    was für eine Geschichte – eigentlich muss ich sagen: Was für ein Leben, denn Sie haben diese Sachen ja alle selber erlebt und erleben die Nachwirkungen noch immer …
    Mit einer unglaublichen Offenheit und Ehrlichkeit haben Sie uns alles geschildert, dafür recht herzlichen Dank. Ich persönlich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich Ihre Geschichten lesen und die Gründe des Verlassens so deutlich sehe. Vielen hilft das Teilen der eigenen Geschichte. Anderen Verlassenden wird Ihr Kommentare eine große Unterstützung sein, denn es ist ihnen sehr wichtig zu schauen, wie es in anderen Familien abgelaufen ist und Töchter oder Söhne (meist Töchter) zum Verlassen gekommen sind.
    Vielleicht lesen dies auch einige Verlassenen und können dadurch nachvollziehen (wenigstens ein Stück weit), wie das Verlassen zustande kommt …
    Lange tragen Sie alles bereits mit sich herum, krank sind Sie geworden. Ich wünsche Ihnen, dass irgendwann (und möglichst bald) die Zeit kommt, in der Sie vieles abwerfen können und zu leben anfangen können …

    Herzliche Grüße und viel Kraft, Energie und Gesundheit
    wünscht Ihnen Christa Schäfer

    Interessanterweise beschreiben Sie am Ende Ihrer langen Beiträge, was für eine Geschichte Ihre Mutter hinter sich hat. Aber das ist nochmals eine andere Geschichte …

  47. L.B.

    Hallo, Tina,

    da haben Sie sich sicher so einiges von der Seele geschrieben, danke für Ihr Vertrauen, denn letztlich weiß man ja nie, wie die Reaktionen ausfallen.

    Ich schließe mich Frau Schäfer an.
    Was für ein Leben. Welche Grausamkeiten Sie erlebt haben, unfassbar, aber leider doch wahr, denn Sie begleiten Sie bis heute.

    Ich schließe mich auch Frau Schäfer an:
    Die Geschichte Ihrer Mutter ist eine andere und es gibt ihr nicht den Grund, sich so den eigenen Kindern bzw. der eigenen Tochter gegenüber zu verhalten.

    Was toll ist, Sie haben nicht aufgegeben. Sie schreiben hier, machen Therapie, sind auch in medizinischer Behandlung.
    Der Körper reagiert einfach generell mit dem Signal: Stopp, Gefahr! Ich kann nicht mehr!

    Die Behandlung Ihrer schlimmen Geschichte gehört in die Hand von Fachleuten, von Psychotherapeuten und Ärzten.
    Deshalb ist es sehr gut, dass Sie fachkundige Begleitung haben.
    Haben Sie es eigentlich mal mit
    Entspannungstraining versucht, z.B. die progressive Muskelentspannung. Dabei kann man den Parasympathikus aktivieren, also den Teil des autonomen Nervensystems, der für Entspannung zuständig ist („Ruhenerv“).

    Das muss allerdings systematisch gelernt werden. Auch hier können Ihnen Fachleute sicher weiterhelfen.

    Letztlich ist es wohl wichtig, sich für die eigene Lebensgeschichte Strategien zu erarbeiten, um mit dem Leben versöhnter weiter leben zu können.

    Das wünsche ich Ihnen sehr.

    Viele Grüße von
    Luisa

  48. Berthild Lorenz

    Hallo Tina,
    von 1960 bis jetzt sind 5 Jahre mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen…
    Ich bin 1951 geboren und kenne das alles sehr ähnlich – ich war meiner Mutter ausgeliefert und hab mich auch irgendwann zurückgezogen und ein paar Jahre lang Abstand gehalten.
    Mir hat schon 1976 von Thomas A. Harris das Buch „Ich bin o.k. – Du bist o.k. Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Einstellung zu anderen verändern können – Eine Einführung in die Transaktionsanalyse“ sehr geholfen und ebenso das Buch von Michael Mary
    „Begegnungen mit dem inneren Kind“. Irgendwann sind wir nicht mehr die ausgelieferten Kinder gewesen und? Was haben wir anders gemacht, in der Kommunikation mit den Mitmenschen und mit uns selber? Nur die Frage zählt noch. Diese Gewalt, die wir in der Kindheit überlebt haben, die hat viel damit zu tun, dass unsere (A)Eltern direkt oder indirekt mit dem 2.Weltkrieg zu tun hatten… Was für ein Wahnsinn!
    Eines meiner geliebten Bücher ist von Marshall Rosenberg „Gewaltfreie Kommunikation“. Bedürfnisse in den Vordergrund rücken. Die Gewalt, die ich mir antue, wenn ich den Krempel von vor Jahrzehnten immer und immer wieder hervorhole, als wäre ich ihm noch immer ausgeliefert – warum tue ich mir das an?
    Bin ich mir nicht mehr wert? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich auf die Schönheiten in meinem Wohnort jetzt achte? Das kann ich nur empfehlen! Ich weiß, wovon ich schreibe, Tina… Du hast die Macht, dir Gutes anzutun! Tu es!Sei es dir wert! Herzliche Grüße, Berthild

  49. Tina

    Liebe Frau Dr. Schäfer, liebe Luisa, liebe Berthild!

    Vielen Dank für Ihre lieben mails. Es ist gut zu wissen, daß man sich das nicht nur einbildet und daß es viele Menschen gibt, denen es ähnlich ergangen ist.
    Ich will mir selber nicht leidtun aber mein Start ins Leben war schon schwieriger als er eigentlich hätte sein dürfen. Die Mutter, die erste Bezugsperson… wenn die einen unverholen ablehnt… das ist ein Alptraum… ein Leben lang. Als Dreijährige wollte ich schon von dort weggehen, weil ich da schon bemerkte, dass andere Mütter viel lieber mit ihren Kindern umgehen. Wenn ich heute Mütter oder Eltern sehe, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen, kommt oft der Verdacht in mir auf, daß das alles nur Show sein könnte und im „stillen Kämmerlein die Luzy abgeht“.
    Meine einzige Hoffnung war damals immer, daß ich durch einen Mann aus dieser Misere herauskomme. Weil man mir in der Familie fast nie sagte, daß man mich liebt glaubte ich den Beteuerungen der Männer und geriet „an den Richtigen“. Mein erster Ehemann – ein Deutscher – war ein Verbrecher… das Ende beschrieb ich bereits. Die Männer waren allesamt ungewöhnlich. Hatten ungewöhnliche Berufe wie Rugbyspieler, Mirageflieger etc. waren fast alle älter als ich und hatten studiert. Manche wohnten auch weiter entfernt. 80% kamen aus dem europäischen Ausland. Immer eröffnete sich für mich eine neue Welt. Ich wollte der Enge, des Spießertums entfliehen. Das bisherige Leben nahm mir die Luft zum Atmen. Viele Männer rauschten durch mein Leben, 17mal zog ich um… bin nach wie vor unbeheimatet. Wo ich wohne befindet sich meine Habe. Aber zu Hause bin ich dort nicht. Am wohlsten fühle ich mich wenn ich im Zug sitze – möglichst im Speiseraum mit einer Tasse Tee – und von A nach B düse. Bin ich in B überkommt mich Unruhe. Das Ziel ist dann schon wieder uninteressant.
    Noch heute habe ich große Angst zu ersticken. Nichts Beengendes kann ich an meinem Hals ertragen. Fensterlose Räume verursachen Schweißausbrüche bei mir. Kaufhäuser kann ich gar nicht betreten.
    Leider wurde ich nicht gefördert. In der Schule stellte man fest, daß ich sehr gut formulieren, Aufsätze schreiben und schnell Sprachen erlernen könne. Auch mein Vater bemerkte das. Eine Förderung gab es nicht.
    Meine Eltern wußten daß ich hochsensibel bin, denn mit Erstaunen oder war es Befremden? stellten sie fest, daß ich Märchen zu brutal empfand und wegen dieser Geschichten weinte. Dann kann man ein Kind doch nicht derart behandeln!!! Niemals bekam ich einen Eintrag ins Schulklassenbuch wegen schlechten Benehmens, nie schwänzte ich die Schule… ich existierte ja fast nicht. Was sollte ich verbrochen haben, daß man mir mit der Erziehungsanstalt drohen mußte??? Schon das Wort Anstalt hat etwas Bedrohliches. Und wie es in den Erziehungsanstalten zur damaligen Zeit zuging ist bekannt.
    Meine Eltern erzählten übrigens überall herum, daß sie uns antiautoritär erzogen hätten. Antiautoritär war für sie der Begriff ihre Kinder nicht zu schlagen. Wobei ich sagen muß daß mich meine Mutter schlug. Sie zog meine Windelhose herunter und schlug. „Ein Klaps“ wie sie es nannte. Ich habe sie schon damals dafür gehaßt und biß ihr mit meinem Kiefer oder Zähnchen in die Wade.
    Als Vierjährige kam ich zur Entfernung der Mandeln ins Krankenhaus. Weil die Krankenschwestern zur damaligen Zeit der Meinung waren, daß ein Besuch der Familie dem Kind nicht gut täte besuchte man mich dort auch nicht. Gut daß man nicht riet mich aus dem Fenster zu werfen. Als Mutter könnte mich keine Macht der Welt davon abhalten nach meinem Kind zu sehen!
    Materielle Dinge in meinem nicht vermögenden Elternhaus zu bekommen war wesentlich einfacher als Liebe, Solidarität und Nestwärme. Letztere drei Dinge wird mir ein Leben lang fehlen. Alles mußte ich mit mir selber abmachen. Das prägt. Im Berufsleben wurde und wird mir oft vorgeworfen kein „Teamplayer“ zu sein. Manche empfinden mich als kalt oder arrogant. Das scheint mein Schutzmantel zu sein.

  50. Berthild Lorenz

    Weißt du Tina, ich habe glücklicherweise in der Schule so nebenbei sehr gut zugehört und so hat sich mir von Kindheit an der Satz eingeprägt: „Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“ Tu es!
    Heimat gibt es nur in dir! Renn nicht vor dir weg, das schaffst du sowieso nicht – beschäftige dich mit den Büchern, die ich dir empfohlen habe! Du bist okay! Halt dich einfach daran, dass du in Ordnung bist und Vergangenheit nicht mehr deine Bedürfnisse im Jetzt erfüllt! Liebe Grüße, Berthild

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