„Das brauche ich doch im Leben nie wieder!“, so könnte die Aussage eines Jugendlichen lauten, der im Mathematikunterricht gerade Integralrechnung lernen soll. Und natürlich ist Fachwissen nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der deutschen Bildung. Darüber, was beispielsweise Induktion ist, wie Photosynthese funktioniert oder wann Otto von Bismarck Reichskanzler wurde, können Lehrer stundenlang referieren.

Aber ist das alles, was Schüler heutzutage in der Schule lernen sollen?
Gehört nicht vielmehr dazu, um sich später in einer demokratischen Gesellschaft zurechtfinden und angemessen handeln zu können?

Viele Bildungspolitiker und Wissenschaftler sind sich einig, dass neben kognitiven Fähigkeiten auch die soziale Kompetenz im Umgang miteinander in der Bildung eine Rolle spielen soll.

Was überhaupt ist aber soziale Kompetenz und wie wird sie erworben?

Mit diesen und weiteren Fragen habe ich mich als Lehramtsstudentin der Universität der Künste Berlin in einer Hausarbeit im Fach Erziehungswissenschaften auseinandergesetzt.

Der Sozialkompetenzbegriff ist ungefähr so wenig konkret wie der der Kompetenz. Das erschwert eine Eingrenzung und klare Defintion von Sozialer Kompetenz. Das ganzheitliche Sozialkompetenzmodell von DuBois und Felner (1) bietet aber einen guten Überblick und eine Systematisierung konkreter Fähigkeiten, die diese Kompetenz umfasst.

Folgende vier Kernbereiche bilden die Basis Sozialer Kompetenz: Kognitive Fähigkeiten, Handlungsfähigkeit, emotionale Kompetenz und Motivation.

Kognitive Fähigkeiten sind in diesem Zusammenhang z.B. der Erwerb sozialen und kulturellen Wissens, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen sowie die Verarbeitung von Glaubenssätzen/-schemata. Auch die Art, wie man negative Ereignisse begründet oder was man von zukünftigen Ereignissen erwartet, spielt hierbei eine Rolle.

Handlungsfähigkeit meint das Wissen über Handlungsmöglichkeiten in konkreten Situationen und die bisherigen Handlungserfahrungen. Dazu gehören z.B. das Bitten um Hilfe, das Initiieren sozialer Interaktionen etc.

Emotionale Kompetenz meint den Umgang mit den eigenen Gefühlen und denen anderer, aber auch die Fähigkeit zum Aufbau tragfähiger Beziehungen, das Vertrauen aufeinander und gegenseitige Unterstützung.

Die Motivationalen Aspekte betonen das „Sichtbar Werden“ sozial kompetenten Verhaltens. Man kann noch so gut wissen, wie man sich sozial kompetent verhält, wenn die Motivation dazu fehlt. Motivation, heißt es nach DuBois und Felner, werde durch ein persönliches Wertesystem bestimmt. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit und der Stand moralischer Entwicklung beeinflussen dieses System.

Dieses Modell bildet meiner Meinung nach eine gute Grundlage für das Verständnis von Sozialer Kompetenz.

Wie aber kann diese Kompetenz in der Schule konkret erworben werden?

Eine Möglichkeit dazu bietet das BuddY-Programm. Unter dem Motto „Aufeinander achten Füreinander da sein. Miteinander lernen.“ ist es ein bundesweit verbreitetes Programm, das an mehreren Schulen durchgeführt wird. Hierbei können Schüler als BuddYs ihren Mitschülern z.B. bei den Hausaufgaben helfen, als Streitschlichter in der Pause agieren, Paten für die „Neulinge“ an der Schule sein etc. Dem Handlungsspielraum sind hier keine Grenzen gesetzt. Die Schüler sollen selbst Projekte entwickeln, als BuddYs aktiv werden und den sozialen Umgang miteinander verbessern können. Je nach Aufgabenbereich werden sie von Lehrern aus- und weitergebildet. Gleichzeitig haben die BuddYs eine Art Vorbildfunktion für ihre Mitschüler, was sich positiv auf das soziale Miteinander auswirken kann. Das BuddY-Programm trägt laut Rita Süßmuth, Präsidentin des buddY-E.V., dazu bei, …

„dass Schule neben einem Ort der Wissensvermittlung auch eine zentrale Einrichtung für den Erwerb sozialer, emotionaler und kognitiver Kompetenzen sowie gelebter demokratischer Werte ist.“ (2)

Genau das verspricht der buddY-E.V. den Schulen, die sich für die Umsetzung des Projektes entscheiden.

Wie kann eine Umsetzung dieses Projektes aussehen?

An der Anne-Frank-Grundschule Berlin wird das Projekt in Verbindung mit der STOPP-Regel (3) durchgeführt. Diese Regel soll verhindern, dass es zur gewaltsamen Eskalation eines Konfliktes kommt. Wenn ein Kind von einem anderen Schüler in der Pause geärgert, bedrängt oder gar geschlagen wird, signalisiert es mit einem lauten und deutlichen „STOPP!“, dass das Gegenüber die Handlung einstellen soll. Nach dreimal STOPP sagen, hat das betroffene Kind die Möglichkeit, einen BuddY zur Hilfe zu holen. Der versucht dann den Konflikt zu klären und zu einer Lösung beizutragen, gegebenenfalls einen Lehrer zu Rate zu ziehen.

Die BuddYs, Schüler aus der 4.-6. Klasse, werden zu Beginn des Schuljahres allen Schülern der Berliner Grundschule vorgestellt, damit auch die neuen Schüler wissen, an wen sie sich im Konfliktfall wenden können. Das klingt sehr vielversprechend.

Aber was lernen die BuddYs tatsächlich dabei?
Werden sie sozial kompetenter oder bleibt doch alles beim Alten?

Ein Gespräch mit zwei BuddYs der Anne-Frank-Grundschule soll darüber Aufschluss geben. Anhand des oben genannten Sozialkompetenzmodells habe ich Interviews durchgeführt, analysiert und ausgewertet. Erstaunlich und teilweise auch überraschend sind die Ergebnisse dieser Selbsteinschätzung. Aussagen wie „Eigentlich sollte es keine Gewalt geben.“ (4) oder „Ich wollte eben auch mal so werden, (…) dass ich Kindern helfen kann.“ (5) lassen auf verschiedenste Formen sozialer Kompetenz schließen. Aber noch viel mehr verspricht diese Einstellung für die Zukunft ein verantwortungsvolles, Frieden stiftendes Handeln in einer demokratischen Gesellschaft. Dies hier ist aber nur ein kleiner Ausschnitt der beiden Interviews mit den BuddYs, die im Anhang meiner Arbeit zu finden sind.

Wenn auch Sie noch mehr über Soziale Kompetenz in der Schule, das BuddY-Programm und über meine Interpretation nach der Frage des Sozialkompetenzerwerbs für die BuddYs der Anne-Frank-Grundschule erfahren möchten, lade ich Sie ein, meine teils wissenschaftliche, teils persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema zu lesen. Dazu bitte einfach auf diesen roten Text klicken …

Viel Vergnügen dabei!
Birgitta Kießig

Anmerkungen:
(1) Nachzulesen in: Brohm, Michaela: Sozialkompetenz und Schule. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde zu Gelingensbedingungen sozialbezogener Interventionen. Juventa Verlag Weinheim und München 2009. S. 77-83
(2) http://www.buddy-ev.de/Buddy-Programm Stand: 23.03.2011
(3) Nachzulesen in: Grüner, Thomas / Hilt, Franz: Bei STOPP ist Schluss! – Werte und Regeln vermitteln. AOL-Verlag Buxtehude 2009
(4) Kießig 2011, Anhang S.20
(5) Kießig 2011, Anhang S.20

Übrigens haben die BuddYs der Anne Frank Grundschule den buddY-Wettbewerb im Februar 2011 gewonnen.