Aus aktuellem Anlass habe ich in der letzten Zeit nach einem Buch gesucht, in dem die Methode des Konfliktcoachings gut beschrieben und erläutert wird. Jetzt habe ich es gefunden, ein Buch von Sonja Radatz zum Thema „Einführung in das systemische Coaching“ in der Reihe Carl-Auer compact.

Sonja Radatz schreibt, dass im klassischen Coaching an Problemen gearbeitet wird, die aus oder mit Situationen entstanden sind. Im Konfliktcoaching stehen hingegen „Probleme mit Menschen“ – also Konflikte – im Vordergrund. Das von ihr beschriebene Instrument des Konfliktcoachings baut auf der Grundlage des systemischen Coachings auf und ist einfach und leicht anwendbar.

Dieses Instrument funktioniert natürlich nur, wenn nicht der Coach, sondern der Coachee ein Interesse daran hat, dass der Konflikt gelöst wird. Nur in diesem Fall kann der Coach dieses Einzelgespräch quasi mit dem Coachee als einer Konfliktpartei führen. Aus systemischer Sicht gibt es dann für die Lösung dieses Konfliktes keine „richtige“ oder „falsche“ Lösung. Es gibt lediglich solche, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt für ein spezifisches System (Team, Unternehmen, Führungsbeziehung, Projektgruppe) als viabel (gangbar, passend) herausstellt oder eben nicht.

Wenn an einer möglichen Lösung eines Konfliktes gearbeitet wird, so hat man natürlich nie einen 100%igen Einfluss auf eine Situation, denn wir können natürlich nie die andere Konfliktpartei ändern und auch nicht ein bestimmtes Verhalten von ihr erzwingen, sondern nur unser eigenes Verhalten ändern. Sonja Radatz sagt, dass damit ein Konfliktcoaching zu einer „verhaltensoptimierenden Arbeit“ wird:

„Wir arbeiten daran, wie wir mit den anderen anders umgehen können – und nicht daran, wie wir sie verändern können. Wir begleiten Menschen im Konfliktcoaching, indem wir ihnen die passenden Fragen stellen und sie damit zum Denken anregen. Damit ermöglichen wir ihnen, innerhalb ihres Denkrahmens andere, aus ihrer Sicht passendere Handlungsalternativen zu entwickeln. Jede Frage, die wir stellen, hat dabei enorme Kraft – und daher sollten die Fragen jeweils sorgfältig ausgewählt und geprüft sein, bevor sie dem Coachee gestellt werden.“ (Buch, S. 96)

Die Methode des Konfliktcoachings vereint also Bausteine aus dem Bereich der Mediation und aus dem Bereich des Coachings. Die oben zitierte Textpassage gefällt mir als Mediatorin sehr gut, und ich möchte gerne das von Sonja Radatz vorgeschlagene Modell zum Konfliktcoaching hier folgend vorstellen. Es ist für MediatorInnen interessant, aber natürlich auch für alle diejenigen, die sich im Spannungsfeld zwischen Coaching und Mediation bewegen. Im Gegensatz zur Medation wird in diesem Modell bewusst sehr kurz an der Problemschilderung gearbeitet, da die Erfahrung gezeigt hat, dass eine lange Auseinandersetzung mit einem als problematisch erlebten Verhalten weniger Fortschritt bringt als die Fokussierung in Richtung einer Lösung.

  • Konflikt schildern (3 Min.)
    Worum geht’s?
    Wer tut was im Konflikt?
  • Skalenfrage (5 Min.)
    Aus einer Skala von 0 bis 10, wenn 0 den schlimmsten bisher in diesem Konflikt von Ihnen erlebten Zustand beschreibt und 10 Ihren Zielzustand – was machen Sie genau bei 10?
  • Derzeitige Einschätzung auf der Skala (1 Min.)
    Und wo stehen Sie gerade jetzt auf dieser gleichen Skala?
  • Angestreben Wert auf der Skala festlegen (10 Min.)
    Welchen Punkt auf der Skala wollen Sie denn heute erreichen?
    Und was tun Sie genau anders, wenn Sie diesen Wert erreicht haben?
    Und wenn sie das tun, was tut dann Ihr Konfliktpartner anders?
  • Verhaltensunterschiede bilden (5 Min.)
    Was – das Sie jetzt noch nicht tun – tun Sie, wenn Sie um einen Punkt höher stehen?
    Und wenn Sie das tun, wie anders verhält sich dann der andere?
    Und wenn der andere sich anders verhält, wo stehen Sie dann auf der Skala?
    Etc.
  • Entscheidung (10 Min.)
    für einen Wert unter Einbeziehung des dafür zu bezahlenden Preises
  • Maßnahmen (5 Min.)
    Was tun Sie (ab) morgen konkret (anders)? 

    (Buch S. 95)

Natürlich bildet das Konfliktcoaching nur ein kleines Unterkapitel in dem Buch „Einführung in das systemische Coaching“. Neben grundlegenden Aussagen zum Coaching gibt es dort weitere Kapitel zu Frageformen im Coaching, zum Ablauf des systemischen Coachings, zum Umgang mit unterschiedlichen situativen Verhaltensweisen des Coachees, zu Coachinginstrumenten in der Praxis, zu speziellen Coachingabläufen für spezielle Situationen, zur Verwendung von Coachingpartikeln im Alltagsgespräch sowie zu hilfreichen Selbstcoachingkonzepten. Und das alles kurz, knapp, kompetent und sehr lesbar in handlicher Form. Wer also aus der Mediation kommt und sich für das Coaching interessiert, dem sei dieses Buch als Einstieg ins Thema unbedingt zu empfehlen.

Christa D. Schäfer

Konfliktcoachings können Sie übrigens auch mit anderen Methoden und in anderen Settings gestalten, zum Beispiel mit den sechs Denkhüten von De Bono.