Die Schulmediation dient der Gewaltprävention, kann aber auch dann eingesetzt werden, wenn „leichte“ Gewalt bereits geschehen ist. Wilfried Schubarth hat ein sehr informatives Buch zum Thema „Gewalt und Mobbing an Schulen“ geschrieben, das ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses im Grundgesetz verbriefte Grundrecht gilt auch für die Institution Schule und zwar für Schüler und Lehrer. Gleichwohl weiß jeder aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, diesem Recht Geltung zu verschaffen – auch und gerade in der Schule. Neben eigenen Erfahrungen stammt das meiste, was wir über die Schule zu wissen glauben, aus den Medien. Und diese sind beim Thema ‚Jugend und Gewalt‘ wahrlich nicht zimperlich, versprechen doch groß aufgemachte Berichte über extreme Gewaltvorfälle, z.B. Amokläufe, erhöhte Aufmerksamkeit und ökonomischen Gewinn. Sich über die Situation an Schulen selbst ein realistisches Bild zu machen, ist deshalb praktisch unmöglich. So bleiben die Fragen, die solche Medienberichte provozieren, weitgehend offen: Wie sicher sind unsere Schulen? Wie viel Gewalt, wie viel Mobbing gibt es an Schulen? Hat die Gewalt zugenommen? Haben wir bald amerikanische Verhältnisse? Was sind Ursachen für Gewalt und Mobbing? Und vor allem: Was kann gegen Gewalt und Mobbing getan werden? Welche Präventionsansätze gibt es und welche haben sich besonders bewährt?“ (Schubarth 2010, S. 7)

So eröffnet Wilfried Schubarth sein Vorwort zum Buch, und er geht schnell zu den quälenden Fragen über, die uns nach den bekannten Schlagzeilen der letzten Zeit immer wieder beschäftigen. Ich erinnere hier etwa an den Vorfall, als ein Schüler eines Berliner Gymnasiums am Bahnhof Friedrichstraße einen anderen Menschen brutal zusammenschlug oder an die Diskussion in den Medien über das immer verbreitetere Mobbing und Cybermobbing an Berliner Schulen.

Schubarth steht diesen Medienberichten kritisch gegenüber. Anhand einer Grafik zeigt er, wie schnell das öffentliche Interesse für das Thema durch die Medien ansteigt, wie auch die Politik oberflächlich reagiert und dann alles genauso schnell wieder im Sand verläuft. Er stellt auch kritisch dar, dass der Medienboom, der die Täter so sehr ins Rampenlicht stellt, Nachahmungstäter dazu animiert, ähnliche Verbrechen auszuführen. Fazit: Für Außenstehende sind die Fragen zu eventuellem Gewaltanstieg oder der aktuellen Situation nicht zu beurteilen.

In seinem Buch möchte Wilfried Schubarth dem ein wenig Abhilfe schaffen und beschreibt in der ersten Hälfte seines Buchs „Gewalt und Mobbing an Schulen“ die aktuellen Definitionen zu Aggression und Gewalt. Psychologische und soziologische Theorien und integrative Ansätze werden ausführlich zusammengefasst und schaffen ein Verständnis für die Vielschichtigkeit von Aggressionen, die in den allermeisten Fällen nicht nur einen Auslöser haben.

So beschreibt die Psychologie Aggression z.B. als Trieb oder als Reaktion auf Frustration, als erlerntes Verhalten oder als Persönlichkeitsstörung. Die Soziologie stellt Aggression mehr als abweichendes Verhalten dar, etwa als Folge von Anpassung an widersprüchliche kulturelle Ziel und sozialstrukturelle Verhältnisse oder als Anpassung an Anforderungen der Gesamt- oder Subkultur. Es entsteht auch aus zugeschriebenem Rollenverhalten oder mangelnder Selbstkontrolle und Verunsicherung. (Vgl. Schubarth 2010, S. 52f.)

Auf dieser Grundlage beschreibt Schubarth anhand von empirischen Forschungen ein Täter- und Opferprofil für den Schulbereich. Täter sind meist älter als ihre Opfer, sie sind dominant, meist selbstbewusst und eher beliebt bei ihren Mitschülern. Sie sind eher leistungsschwach, haben eine geringe Empathiefähigkeit und eingeschränkte Konfliktlösungskompetenzen. Dagegen sind typische passive Opfer im Gegenteil körperlich schwächer, unsicher, still. Sie wehren sich nicht, haben ein negatives Selbstbild, sind Außenseiter und haben mangelnde soziale Kompetenzen. Daneben gibt es auch noch die Gruppe der provozierenden Opfer, die sowohl Opfer wie Täter sind. Sie charakterisiert eine Kombination aus ängstlichem und aggressivem Verhalten. Sie sind leicht reizbar und in ihrer Altersgruppe eher unbeliebt. Während Täter und passive Opfer jeweils 5 % der Schüler ausmachen, sind etwa 2/3 der Opfer auch Täter und viele Täter sind auch schon Opfer gewesen. Dabei gelten die Zahlen sowohl für den Bereich der Aggression wie auch für Mobbing und Cybermobbing (vgl. Schubarth 2010, S. 67f. und 81f.).

Der zweite große Teil des Buches beschäftigt sich mit der Gewaltprävention und -intervention. Bereits bei der Definition von Aggression und Gewaltverständnis wurde im ersten Teil auf Folgen für die Prävention eingegangen. Nun fasst der zweite Teil ausführlich auf jeweils 2 bis 3 Seiten einzelne Programme zusammen aus dem Bereich der Gewaltprävention (z.B. „FAUSTLOS“) und –intervention (z.B. Coolness-Training), Programme gegen Mobbing (allen voran das Interventionsprogramm nach Dan Olweus), gewaltunspezifische Programme (z.B. das buddY-Programm) und weitere Konzepte, die das Zusammenleben in der Schule betreffen (z.B. Demokratie- und Menschenrechtserziehung). Jedes Projekt ist dabei übersichtlich gegliedert nach Zielen, Inhalt und Methoden, einer Gesamtbewertung und einer Zusammenfassung der Stärken und Schwächen des jeweiligen Programms.

Wilfried Schubarth hat mit seinem Buch eine Übersicht über den aktuellen Wissensstand im Bereich der Gewaltforschung geschaffen. Die Beschreibung der Präventionsprogramme ist knapp, aber mit ausreichend Literaturempfehlungen versehen, so dass ein vertiefendes Arbeiten damit ohne weiteres möglich ist. Das Buch eignet sich deshalb sehr gut als Grundlagenlektüre für Lehrer und Studierende und alle diejenigen, die mit Jugendlichen arbeiten, Gewalt und Aggression verstehen lernen und präventiv dagegen vorgehen wollen.

Ein gewaltfreies neues Schuljahr wünscht
Dominik Mühe