Es ist an einem ganz normalen Donnerstag. Siebte Stunde Physik, 14.00 Uhr.

Die Schüler tummeln sich unruhig wartend auf dem Gang, stecken ihre Augen noch einmal schnell in die krakeligen Physikformeln und warten. Peng, die Tür springt auf. Der Physiklehrer steht am Anfang des Gangs zum Physiktrakt. „ACHTUNG ER IST DAAA, ER KOMMMT!“, ruft ein Schüler. Es wird mucksmäuschenstill. Geladen wie eine rollende Dampfwalze und mit hochrotem Kopf erreicht der dicke Alte schnaufend den Raum und schließt die Tür auf. Die Schüler stürmen herein, die hölzernen Stühle zerhacken den Boden, die Fenster werden geöffnet und von wütenden Mädchen, die immer frieren, wieder zugeknallt. Der Lehrer kneift seine Augen zusammen. Er denkt sich im Inneren „Na toll, die sehen aber wieder motiviert aus. Und diese drei kleinen blonden frechen Jungs lachen mich doch permanent aus. Ja, die machen sich über mich lustig. Da – da haben wir’s. Schon wieder lachen sie. Und diese Sabine. Wie sie schon wieder gelangweilt und träge da sitzt. Jede Stunde dieses fahle Gesicht. Für nichts zu begeistern. Die hat doch was gegen mich. Die guckt mich jede Stunde so an, als hätte sie was gegen mich. Die guckt mich angewidert an! Das ist kein Spaß. Ich seh’s doch genau, bin doch kein Blinder. Na woll’n wir doch mal sehn, der werd ich’s schon zeigen. Dann woll’n wir mal sehn, wer hier am längeren Hebel sitzt. (Insgeheim grinste Herr Schniedler in sich hinein.) Ohne eine Begrüßung geht der Unterricht auch schon los. „SO“, schreit er und führt mit gereizter und angespannter Stimme fort: „es gibt ja IMMER noch Leute unter euch, DIE MIR JETZT GERNE IHRE HAUSAUFGABEN VORTAGEN, SABINE, AN DIE TAFEL!“

Sabine hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Sie hat es versucht, aber nach zwei Sekunden aufgegeben. Sie hat einfach nichts verstanden. Sie ist ein schüchternes Pferdemädchen. Sie hat es nicht hinbekommen. Sie hat wahllos irgendwelche Formeln aufgeschrieben, um wenigstens etwas im Heft stehen zu haben. Aber, sie hat es wenigstens versucht.

„AUF WAS WARTEST DU, WIR WOLLEN ALLE AUCH IRGENDWANN NOCHMAL NACH HAUSE“. „Ääähm…. Herr.. Herr Schniedler… ich … hab‘ das noch nicht so ganz verstanden …“ „WAS GIBT ES DENN DA NICHT ZU VERSTEHN?“, schallt es ungedulig aus ihm heraus, als hätte er durch ein viel zu lautes Mikrophon gesprochen. „Ehm naja …“

„FRECHHEIT, VERSUCH ES DOCH WENIGSTENS, AUF, MACH JETZT. AN DIE TAFEL. MENSCHENSKINDER, HERRGOTTNOCHMAL“ Seine Stimme wirkt mächtig wie ein Donnergrollen. Alle sind ernst, keiner wagt sich mehr zu lachen oder dem Lehrer in die Augen zu sehen. Denn: Anscheinend hatte niemand die Hausaufgaben so richtig verstanden. Und jeder wusste, ein falsches Wort und der Vulkan bricht aus! „ES KANN DOCH NICHT ANGEHN BEI SO EINER LEICHTEN AUFGABE EINFACH NICHTS ZU SAGEN ZU HABEN. MÄDCHEN“ Herr Schniedler stampft wütend mit seinem Bein auf den Boden und es tat einen Schlag! Jeder im Raum erschreckt sich. Die Schülerin, die Sabine, die fängt an zitternd, zu weinen. „DAS IST DOCH JETZT KEIN GRUND ZU WEINEN“, schrie er erboßt, „DU HAST ES EINFACH NICHT GEMACHT, JETZT SIEH ZU, DASS DU DEINEN MUND AUFMACHST“. Ein Schüler ist ergriffen vom Zorn und schreit wutentbrannt: „DAS KANN DOCH NICHT SEIN, DASS EIN LEHRER EINE SCHÜLERIN SO ANSCHREIT, WEIL SIE ETWAS NICHT VERSTANDEN HAT.“ Danach war der Schüler heiser und die Stunde, die Stunde war dahin. Dann meldete sich ein freiwilliger Streber, ein Physik-Ass und löste die Aufgabe.

Einen Tag später geht Sabine, nachdem sie sich mit einer Vertrauenslehrerin beraten hat, in Herrn Schniedlers Sprechstunde.

„Herr Schniedler, mir ist die gestrige Physikstunde nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ich weiß nicht wie es Ihnen geht. Auf jeden Fall wollte ich mich entschuldigen, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Ich habe es ja versucht, aber habe keinen kompletten Lösungsweg gefunden.“

„Sabine, verstehe mich nicht falsch, aber du bist mir schon öfters aufgefallen, dass du Hausaufgaben offensichtlich nicht gemacht hast. Aber wenn du schon Lösungsansätze hast, warum hast du diese denn nicht einfach vorgeschlagen? Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen wenn wenigstens jemand ein bisschen was hat.“

„Ganz ehrlich Herr Schniedler, ich hatte den Eindruck, dass sie so extrem gereizt gewesen waren, … da habe ich mich einfach nicht mehr getraut.“

„Jaa, da könntest du recht haben. Weißt du, ich bin immer ganz unterzuckert, weil es die 7. Stunde ist und ich wurde in der großen Pause davor gerade noch zu einem Pausenaufsichtsdienst verdonnert. Und ja, ich hätte nicht so rumbrüllen brauchen. Dafür möchte ich mich entschuldigen.“

„Dann machen wir doch ein Abkommen. Sie sorgen dafür, dass Sie nicht völlig ausgehungert zur Stunde erscheinen und wir versuchen die Hausaufgaben besser zu lösen, unter der Voraussetzung, dass Sie sich Mühe geben und nicht gleich an die Decke gehen, wenn jemand etwas nicht weiß.“

„Ja Sabine, so machen wir es. Ich danke dir, dass du das Thema angesprochen hast. Das zeigt mir, dass dir das Fach nicht ganz egal ist.“

Text:
Melanie Schaum, UdK Berlin

 

Dieser Text ist in meinem Seminar an der UdK zum Thema „Konflikte in und um Schule“ entstanden. Vollkommen realistisch wird im Text die Situation einer Unterrichtsstörung geschildert. Herr Schniedler würde sagen: Sabine hat den Unterricht gestört. Die Schüler der siebten Klasse würden sagen: Herr Schniedler ist mal wieder total mies drauf und macht scheiß Unterricht.

Der Vertrauenslehrerin aber kommt ein großer Verdienst in dieser Geschichte zu. Sie hat es geschafft, Sabine so aufzubauen, dass diese sich traut zu Herrn Schniedler zu gehen und den entstandenen Konflikt gut zu lösen.

Dabei nutzt sie viele Möglichkeiten, die im Konfliktfall deeskalierend wirken:
Sie sucht den Kontakt und das Gespräch mit Herrn Schniedler.
Sie verzichtet im Gespräch auf eine anklagende Haltung.
Sie macht ihr eigenes Verhalten transparent.
Sie zeigt Verantwortung für ihr Verhalten.
Sie interessiert sich für die Sichtweise von Herrn Schniedler.
Sie nimmt die Interessen von Herrn Schniedler ernst.
Sie schlägt eine Lösung vor, die sowohl ihr als auch Herrn Schniedler entgegen kommt.

Ob Herr Schniedler in der Realität allerdings so zugänglich wäre, wenn Sabine zu ihm kommt, das weiß man nicht. Dennoch könnten sich verschiedene real existierende Lehrer Schniedler an Sabines deeskalierender Kommunikation und ihrem konstruktivem Konfliktlöseverhalten ein Beispiel nehmen …

Besten Dank an Melanie Schaum für dieses wunderbar Beispiel
sagt Christa Schäfer

 

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