Paul und Anton gehen beide in die siebte Klasse des Lietzenburger Gymnasiums. Schon bei ihrer ersten Begegnung haben die beiden festgestellt, dass sie nicht sonderlich gut miteinander auskommen: Beide haben starke Persönlichkeiten und sind gerne das Alpha-Tierchen der Klasse. Bisher konnten sie sich gut aus dem Weg gehen, aber für heute hat der Lehrer Gruppenarbeit vorgesehen und hat die beiden – ob absichtlich oder unabsichtlich, ist nicht klar – in eine Gruppe mit noch zwei anderen Jungen, die beide eher ruhig und schwach wirken, gesteckt. Gruppenarbeit war noch nie ein leichtes Thema, ein jeder von uns kennt sie aus der Schule und weiß sehr gut, dass der Idealfall – ein Gespräch, bei dem jeder seine Meinung und sein Wissen kundtun kann, an dem alle etwa gleich beteiligt sind und gleich viel bestimmen – so gut wie nie eintritt oder eintreffen wird. In unserer Situation ist klar: Am vorlautesten sind Anton und Paul. Es dauert nicht lange, und wie es schon beinahe abzusehen war, sind sich die beiden nicht einig, wer im eigentlichen Referat, das Ergebnis der Gruppenarbeit sein soll, die Gliederung vorstellen darf. Die anderen beiden ruhigen Jungen werden schon gar nicht mehr gefragt. Hier ist ganz klar: Das ist ein Kampf der Leithammel und hier soll ein für alle Mal festgestellt werden, WER jetzt hier sein Territorium abstecken wird. Nachdem klar ist, dass beide Jungen die Einführung in das Referat halten wollen, fangen sie heftig an zu debattieren. Anton ruft: „Du kannst doch nichtmal besonders gut formulieren. ICH bin derjenige, dessen Redegewandtheit hier gefragt ist!“ und Paul antwortet ebenso laut und aufbrausen: „Das ist gar nicht wahr! Außerdem habe ICH die Gliederung entworfen, ich möchte sie also auch vorstellen. DU hast dabei nichts zu suchen!“ Schon bald schaukeln sich die Gefühle der Jungen hoch. Jeder ist überzeugt davon, dass er der eigentlich besser Geeignete für diesen Job ist und greift den anderen an um dies noch deutlicher zu machen. Dazu wird alles verwendet, was den beiden Jungen einfällt, und sie laufen in große Gefahr, etwas wirklich Gemeines zu sagen, das aus dem Spiel Ernst macht. Paul weiß zum Beispiel, dass Anton oft dieselben Kleider trägt, und benutzt diese Information, um Anton zu verletzen. Er ruft: „Ich kann das Referat viel besser einleiten als du. Und außerdem, ich seh‘ auch noch besser aus dabei! In einem frisch gebügelten Hemd steh‘ ich dann da vorne, und DU, du hättest bestimmt dieselben Klamotten an wie immer, hast du denn etwa keine anderen?“ Anton trifft es hart, was Paul gerade gesagt hat. Aber er ist stark, nein, er wird jetzt nicht vor der ganzen Klasse, die inzwischen zuschaut, das Gesicht verlieren! Er beißt die Zähne zusammen und schluckt alle Gedanken an seine Familie, die leider nicht so viel Geld hat, herunter, und konzentriert sich auf seinen Streit mit Paul. Dem wird er es zeigen. Die Gedanken rasen in seinem Kopf, und er ruft: „Dir werd ich es schon zeigen! Wenn du noch einmal so etwas sagst, dann…“ – „Dann was!? HÄH?!“ Paul ist auch nicht schlecht im Kontern. „Leere Drohungen sind das, was du da sagst…“ Die beiden haben längst den tatsächlichen Bezug zu ihrem ursprünglichen Streitsubjekt verloren. Im Vordergrund steht jetzt nur noch, dieses Wortgefecht nicht zu verlieren. Der Lehrer, der eher zaghaft als erfolgreich in die Situation einzugreifen versucht („eeehh, Kinder, jetzt werdet doch mal wieder ruhig…. hallo…. könnt ihr mir mal zuhören…. eeehh…“), hat schon längst keine Chance mehr gegen das Inferno, das die beiden Siebtklässler inzwischen entfesselt haben. Die ganze Klasse beginnt Partei zu übernehmen, feuert die beiden Streithähne an und liefert neue Ideen für immer härtere Inhalte, die die Beiden sich an den Kopf werfen. Die Situation wird erst unterbrochen, als der Direktor mit roten Kopf in die Klasse platzt. Ihm fallen beinahe die Augen aus dem Kopf – wie kann eine Klasse nur DERART außer Rand und Band geraten? Er donnert mit lauter Stimme über den Lärm hinweg: „RUUUUHEEE!!!!“. Schlagartig tritt Stille ein und alle Köpfe wenden sich zur Tür um. Nur der Lehrer schüttelt immer noch den Kopf über seine undisziplinierte Klasse.

Die beiden Streithähne werden schnell als Verantwortliche für den Tumult identifiziert und zum Direktor gebeten. Als sie zu zweit auf dem stillen Gang vor der schwarzen, bedrohlich hohen Tür darauf warten, hereingebeten zu werden, beruhigen sie sich langsam. Beklemmung macht sich breit. Alle beide wissen, dass sie gemein zueinander waren, und vor allem Paul erkennt jetzt, dass er mit seinem Kommentar über Antons alte Klamotten einen Nerv getroffen hat. Im Streit war das natürlich ein Volltreffer, aber jetzt schämt er sich, so etwas aufgeworfen zu haben. Eigentlich weiß er doch, dass Antons Familie nicht besonders reich ist. Die Kleider, die Anton trägt, haben bestimmt schon seine drei älteren Brüder getragen. Vorsichtig guckt Paul hoch. Anton starrt die gegenüberliegende Wand an. Vielleicht will er gerade nicht denken, oder gar reden. Trotzdem versucht Paul es einfach.
„Du, Anton? … Schon gut, ich will nichts Böses mehr sagen.“
„Ich auch nicht.“
„Jetzt sitzen wir wohl ganz schön in der Klemme, oder?“
„Ja, richtig. Beim Direktor war ich noch nie! Aber irgendwie sind wir wohl auch selbst schuld, hm?“
„Vermutlich. Aber das mit dem Referat war mir echt wichtig! Ich wollte mal meine Note verbessern.“
„Das verstehe ich. Dann will ich auch offen zu dir sein! Nicht meine Redegewandtheit war der Grund, dass ich die Gliederung vorstellen wollte. Ich bin nur bei Referaten immer so aufgeregt und hätte deswegen gern den leichten Einstieg gegeben. Bei einer Gliederung kann ich nicht so viel falsch machen, weißt du, Paul?“
„Ja, das kann ich auch gut verstehen. Außerdem….. wollte ich sagen, dass es gemein von mir war, das mit deinen Klamotten zu sagen. Das war nicht so gemeint.“
„Ist schon okay. Du bist nicht der erste, der das sagt!“ So langsam fängt Anton schon fast wieder zu lächeln an. Es tut gut, dass Paul sich entschuldigt hat. „Wenn du möchtest, können wir uns ja ab jetzt bei dem Referat unter die Arme greifen. Ich kann gut formulieren, und du weißt besser über die Inhalte Bescheid.“
„Au ja!“ – auch Paul findet es gut, dass sich die beiden nun nicht mehr bekriegen. „Ich glaube, wir wären ein gutes Team.“

„Hhhmm-hhhhmm!“ Auf einmal erklingt ein Räuspern hinter den beiden. Erschrocken drehen sie sich um, und sehen Direktor Lange im Türrahmen stehen. Er guckt immer noch sehr streng. Er mustert die beiden Jungen von oben bis unten, die jetzt wieder ganz verschüchtert den Kopf zwischen ihre Schultern schieben und ganz schuldbewusst gucken. „Nun gut. Ich bin mit eurer Lösung einverstanden. Unter einer Bedingung.“ Prüfend schaut Direktor Lange beiden Jungen in die Gesichter, die jetzt schon etwas fröhlicher dreinschauen. „Ihr werdet auch die beiden anderen Jungen aus eurer Gruppe akzeptieren und an dem Referat mitarbeiten lassen. Auch sie können eure Gruppe stark machen. Und ihr werdet vor der Klasse erklären, dass euer Verhalten falsch war. Den armen Herrn Grümpel habt ihr wirklich erschreckt.“ Ist da etwa ein kleines Lächeln unter dem Rauschebart vom Direktor erkennbar? Die Jungen finden ihn jetzt gar nicht mehr so furchterregend. „Das machen wir!“ entscheiden sie.

Nachdem der Direktor sie entlassen hat, gehen die beiden Jungen schweigend nebeneinander zur Klasse zurück. Als Anton die Klinke runterdrücken will, sagt Paul: „Warte!! Wer von uns beiden macht denn jetzt eigentlich die Gliederung?“ – „Achja! … Ich glaube, das kann jemand anderes aus unserer Gruppe machen, findest du nicht?“ – „Klasse Idee!“ Und zufrieden lächelnd betreten die beiden das Klassenzimmer.

Text:
Irina Günther, UdK Berlin

 

Die Geschichte von Paul und Anton ist wahrlich ein Lehrstück zur Konflikteskalation und auch zur Konfliktdeeskalation. Ich habe mit Absicht den Text zur Eskalation in einen einzigen Absatz gesetzt, so kann jede und jeder selber versuchen herauszufinden, wo die nächste der neun Eskalationsstufen beginnt.

Die neun Stufen der Konflikteskalation von Friedrich Glasl:

  1. Verhärtung
    Die Standpunkte verhärten sich und prallen aufeinander. Das Bewusstsein bevorstehender Spannungen führt zu Verkrampfungen. Trotzdem besteht noch die Überzeugung, dass die Spannungen durch Gespräche lösbar sind. Noch keine starren Parteien oder Lager.
  2. Debatte
    Es findet eine Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen statt. Es entsteht ein Schwarz-Weiß-Denken und eine Sichtweise von Überlegenheit und Unterlegenheit.
  3. Aktionen
    Die Überzeugung, dass „Reden nichts mehr hilft“, gewinnt an Bedeutung und man verfolgt eine Strategie der vollendeten Tatsachen. Die Empathie mit dem „Anderen“ geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst.
  4. Koalitionen
    Die „Gerüchte-Küche“ kocht, Stereotypen und Klischees werden aufgebaut. Die Parteien manövrieren sich gegenseitig in negative Rollen und bekämpfen sich. Es findet eine Werbung um Anhänger statt.
  5. Gesichtsverlust
    Es kommt zu öffentlichen und direkten (verbotenen) Angriffen, die auf den Gesichtsverlust des Gegners abzielen.
  6. Drohstrategien
    Drohungen und Gegendrohungen nehmen zu. Durch das Aufstellen von Ultimaten wird die Konflikteskalation beschleunigt.
  7. Begrenzte Vernichtungsschläge
    Der Gegener wird nicht mehr als Mensch gesehen. Begrenzte Vernichtungsschläge werden als „passende“ Antwort durchgeführt. Umkehrung der Werte: ein relativ kleiner eigener Schaden wird bereits als Gewinn bewertet.
  8. Zersplitterung
    Die Zerstörung und Auflösung des feindlichen Systems wird als Ziel intensiv verfolgt.
  9. Gemeinsam in den Abgrund
    Es kommt zur totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung wird in Kauf genommen.

zitiert aus: Gugel, Günther: Praxisbox Streitkultur. Tübingen: Institut für Friedenspädagogik 2010. Vgl. dazu ausführlich: Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement: Ein Handbuch zur Diagnose und Behandlung von Konflikten für Organisationen und ihre Berater. Bern u.a. 8. Aufl. 2004, S. 218 f.

 
Mein Vorschlag für die Bearbeitung des Themas Konflikteskalation / Konfliktdeeskalation in der Ausbildung von Streitschlichtern bzw. Konfliktlotsen in Schule: Kopieren Sie die Geschichte. Kopieren Sie die Stufen der Konflikteskalation. Lassen Sie die SchülerInnen die Stufen der Konflikteskalation den verschiedenen Textpassagen zuordnen. Auf welcher Eskalationsstufe nimmt der Konflikt den Weg zur Deeskalation und warum? Falls Zeit ist, können anschließend Bilder zu den einzelnen Stufen gemalt werden.

Und ähnlich kann man natürlich auch mit der Konfliktdeeskalation im Text umgehen: Fragen Sie Ihre SchülerInnen, was zur Deeskalation in diesem Komflikt beigetragen hat und lassen Sie dies auf ein großes Plakat schreiben, das sie anschließend an die Wand hängen.

Zur Deeskalation finden Sie in diesem Blog bereits eine andere Geschichte, in der beschrieben wird, wie die Schülerin Sabine in einem Konflikt mit ihrem Lehrer deeskalierend kommuniziert …

Herzlichen Dank an Irina Günther zur Abdruckgenehmigung für diesen Text.
Christa D. Schäfer