Es gibt Grundschulkinder, die geben anderen Kindern nichts von ihrer Schokolade ab. Lina beispielsweise liebt Schokolade. Sie weiß auch, dass sie sich viel Ärger ersparen würde, wenn sie von ihrer Schokolade abgeben würde. Aber selbst wenn die anderen Kinder in der Pause um Lina herumstehen und neidisch schauen, kommt sie gar nicht auf die Idee zu teilen. Liegt das daran, dass Lina zu egoistisch ist?

Diese Pausenhofszene kann natürlich in vielerlei Hinsicht interpretiert werden. Ich möchte in Zusammenhang mit dieser Szene über eine interessante Untersuchung berichten. Nikolaus Steinbeis, Boris Bernhardt und Tania Singer, drei Forscher vom Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften gingen der Frage nach, wie und wann in der Entwicklung eines Kindes das gerechte Teilen gelernt wird. Sie führten mit 174 Schulkindern im Alter zwischen sechs und 13 Jahren eine Studie durch.

Die Kinder bekamen Pokerchips, die sie später gegen altersgemäße Geschenke eintauschen konnten. Die Kinder erhielten die Aufgabe, die Chips mit einem anderen Kind anonym zu teilen. Beim Diktatorspiel gaben die Kinder Chips ab und das entgegennehmende Kind musste passiv annehmen, was ihm gegeben wurde. Beim Ultimatumspiel gab es dagegen ein Vetorecht, und wenn der Empfänger die Höhe der geteilten Chips nicht als fair empfand, wurden alle Chips eingezogen. Da war also Strategie gefragt.

„Uns interessierte, ob die Kinder fairer teilen würden, wenn ihr Gegenüber das Angebot ablehnen konnte und inwiefern solche strategischen Anpassungen des Verhaltens von Alter und Gehirnentwicklung abhängig sind“, so Nikolaus Steinbeis.

Es stellte sich heraus, dass die meisten älteren Kinder ihr Verhalten an die jeweilige Situation anpassten und beim Ultimatumspiel fairere Angebote machten. Im Gehirnscan entdeckten die Forscher die Ursache. Durch die Messungen im Magnetresonanztomografen konnten sie folgendes feststellen: Je älter die Kinder waren, desto stärker wurde dabei der laterale präfrontale Kortex im Gehirn aktiv, ein Hinrareal, das unter anderem für die Kontrolle des eigenen Verhaltens benötigt wird. Es hing sogar die Stärke der Aktivität in diesem Areal zusammen mit dem Grad an strategischen Verhalten sowie der Fähigkeit zur Impuslkontrolle.

„Der präfrontale Kortex ist bekannt dafür, sich erst spät in der Entwicklung voll auszubilden und funktionell zu vernetzen“, sagt Nikolaus Steinbeis. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, sei demnach nicht auf mangelndes Verständnis zurückzuführen, sondern erklärt sich aus der späten Reifung einer Gehirnregion, die für Impuslkontrolle wichtig ist.

Natürlich muss man als danebenstehende Erzieherin oder zu Hause als Elternteil nun nicht warten, bis Lina 11 oder 12 oder 13 Jahre alt ist und sich ihr präfrontaler Kortex ausgeprägt hat. Gute Kommunikation hält in gewaltfreier Sprache auch früher schon zum Teilen an, und wer weiß, vielleicht lässt gute Kommunikation sogar den präfrontalen Kortex schneller wachsen … ?

Weitere Einzelheiten zur Untersuchung können auf der Seite des Leipziger Max-Planck-Instituts nachgelesen werden …

Dort gibt es auch die Zusammenfassung einer Untersuchung, in der gezeigt wird, dass Kleinkinder weniger vernunftgeleitet imitieren als gedacht. Vor 10 Jahren wurde in einer entwicklungspsychologischen Untersuchung das Imitationsverhalten von 14 Monate alten Kleinkindern untersucht. Beobachten die Kinder eine ungewöhnliche Haltung, ahmen sie diese seltener nach – so das damalige Untersuchungsergebnis. Die selektive Imitation der Kleinkinder interpretierte man als Beleg für frühes rationales Denken. Jetzt stellte sich heraus, dass die Untersuchungsergebnisse durch Ablenkungen im Experiment zustande kamen. Die Untersuchung ist hier nachzulesen …

Christa D. Schäfer