Jeder konstruiert sich seine Welt – so wie es ihm gefällt.

Nein, ganz so ist es nicht. Dennoch ist der Blick in die Welt subjektiv gefärbt. Im Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen gibt es eine Forschungsabteilung, in der Versuchspersonen in Avatare schlüpfen und dann geschrumpft oder riesengroß durch eine virtuelle Welt streifen. Dadurch wird bei den meisten Menschen auch deren Sicht auf die Welt beeinflusst. Der eigene Körper hilft den Menschen dabei, die Welt zu vermessen. Wir nehmen die Beziehung wahr, in der die Umwelt zu unserem Körper steht.

Das Bild von der Welt, das wir in unserem Kopf konstruieren, ist kein originaltreues Abbild, kann es gar nicht sein. Es ist mehr als die Summe der sensorischen Reize. Es ist das Ergebnis einer höchst subjektiven Konstruktion. Unsere Persönlichkeit, der eigene Körper, Wünsche, Gefühle und Lebensumstände sorgen dafür, dass wir bestimmte Situationen so wahrnehmen und interpretieren wie wir sie wahrnehmen und interpretieren. Das heißt also, dass schon die Wahrnehmung von so etwas „objektiv“ Erfassbarem wie der räumlichen Umgebung einer ichbezogenen Verzerrung unterliegt.

Was immer das Ich ausmacht, prägt auch seinen Blick !!
Deshalb ist zu einem gewissen Grad die Welt, in der wir leben, für jeden eine andere !!

Die Psychologin Sally Linkenauger, die die oben beschrieben Forschung mit anderen zusammen durchführt, ist überzeugt, dass der Körper eines Menschen auch außerhalb manipulierbarer Kunstwelten die Wahrnehmung beeinflusst. Sie ist überzeugt, dass ein kleiner Mensch die Welt mit ihren Distanzen und Gegenständen als viel größer wahrnimmt als ein großer Mensch, der sie kleiner wahrnimmt. Unsere Wahrnehmung ist auf unsere individuelle körperliche Leistungsfähigkeit zugeschnitten, so Sally Linkenauger.

So schätze eine gehbehinderte oder erschöpfte Person Entfernungen weiter ein als sie eigentlich sind – das ergaben Studien der letzten Zeit. Durch diese verzerrte Wahrnehmung wird Überlastungen vorgebeugt.

Ebenfalls ergaben Studien, dass sich die Wahrnehmung von Helligkeit durch Gefühle beeinflussen lässt. So lässt ein schlechtes Gewissen beispielsweise Räume düsterer erscheinen.

Andere Studien belegen das „wishful seeing“, dass nämlich das, was Menschen im Detail sehen, durch ihre Wünsche beeinflusst wird. Sie zeigen aber auch, dass Menschen, die in ein Gefühl der Machlosigkeit versetzt wurden, die Wirklichkeit düsterer wahrnehmen als sie letztendlich für andere Menschen erscheint.

Nach all diesen Studien ist es nun nicht schwer sich vorzustellen, wie subjektiv Menschen komplexe Situationen wahrnehmen. Ist eigentlich die verzerrte Wahrnehmung Folge oder Ursache von Persönlichkeit?

Verständlich wird durch die Forschungen, dass gerade im Konflikt die verschiedenen Konfliktparteien ein und dieselbe vorkommende Situation subjektiv vollkommen anders sehen, anders beschreiben, anders interpretieren.

Das erfährt gerade auch die Mediatorin bzw. der Mediator in der Phase II von Mediationssitzungen. Zwei Konfliktparteien beschreiben ein und dieselbe Situation in je ihrer Sichtweise vollkommen unterschiedlich. Das mutet mitunter unglaublich an, wenn man die beiden Sichtweisen hört, die sich auf eine Situation beziehen und so gar nicht zueinander passen wollen. Aber das macht eine Mediation natürlich auch immer wieder absolut spannend !!!

Christa D. Schäfer

Nachzulesen sind weitere Details dieser Forschung übrigens in der Zeitschrift ZEIT WISSEN vom April 2012 (S. 60- 65).

In diesem Blog können Sie übrigens auch von einer Untersuchung lesen, die der Fragestellung nachgeht, wie eine einmal gewonnene Einstellungen unsere Sicht von Realtität trüben kann.