Die dunklen Wolken lagen wie ein schwarzes Tuch über der Industrie-Silhouette Gelsenkirchens. Alle paar Minuten spuckte sie ein paar milchig weiße Fäden auf unseren Schulgarten, in dem Frau Marxloh mit schwarz geschminktem Gesicht vor der gesamten Schülerschaft stand. Feierlich faltete sie ihre Hände über der Brust, schloss die Augen und legte sich in einen weißen Holzsarg, der neben einer knietiefen Grube aufgebahrt war. Untermalt von Chopins Trauermarsch ließen daraufhin sechs meiner Mitschüler die lebendigen Überreste von Frau Marxloh langsam in das Loch hinabgleiten. Zum Glück kam die Musik vom Band und wurde nicht von der Schulkapelle intoniert – sie hätten dieser tieftraurigen Melodie locker die Seelenlosigkeit eines Handyklingeltons verliehen.

Als der Sarg am Boden angekommen war, kippte Mario Bewersmann, unser in eine schwarze Kutte gekleideter Stufensprecher, ein paar Schippen feuchter Erde in die Grube. Einige Mädchen strichen sich theatralisch Tränen aus dem Gesicht und warfen weiße Rosen hinterher. Mit großer Geste drehte sich Mario Bewersmann mit gesenktem Blick zur versammelten Schülerschaft um, erhob die Arme und segnete unseren weiteren Lebensweg mit drei kurzen Worten: „Sangria für alle“.

Die Menge jubelte, aus dem Schullautsprecher grölte Alice Coopers „School’s out for Summer“ und der gesamte Lehrkörper stand kopfschüttelnd neben dem Grab von Frau Marxloh. Dass sich diese Frau, die sonst der Inbegriff des autoritären Pädagogenrottweilers war, zu einem solchen Mist hatte überreden lassen, konnte nur dem Einfluss von halluzinogenen Drogen oder schlichter Erpressung geschuldet sein. Jedenfalls stand fest, sie war die Hauptattraktion unseres Abischerzes, dieser sonst kreuzbiederen Tradition …

Quelle: Bielendorfer, Bastian: Lehrerkind. Lebenslänglich Pausenhof. Zürich: Piper. S. 210 f.

Abischerze gibt es jetzt auch an vielen Schulen Berlins, auch wenn sie nicht gleich so makaber ausfallen wie der oben beschriebene. Dieser stammt aus einer Gelsenkirchener Schule und ist mit dem Buch “Lehrerkind. Lebenslänglich Pausenhof“ Literatur geworden. Das von Bastian Bielendorfer geschriebene Buch beschreibt in locker und flockiger Weise, wie es einem Schüler geht, dessen Eltern Lehrer sind. Und noch schlimmer, Bielendorfer war Lehrerkind der Stufe 3, was bedeutet, dass er an der Schule beschult wurde, an der sein Vater Lehrer war …

Wer also für die anstehenden großen Ferien einmal einen Perspektivwechsel vornehmen möchte und sich dafür interessiert, wie Lehrerkinder ihre Schulzeit erleben, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und allen Schulabgängerinnen und Schulabgängern Berlins natürlich an dieser Stelle alles Gute für Ihren zukünftigen Lebensweg !!!

Und noch ein Perspektivwechsel:
Wenn Sie die Berliner Schule mal aus den Augen eines Referendars betrachten möchten, so interessieren Sie sich sicherlich für den Buchausschnitt aus dem Buch „Fön mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer“ von Stephan Serin.

Ach ja, und allen LehrerInnen, SozialpädagogInnen, ErzieherInnen, Schulleitungen und natürlich allen Schülerinnen und Schülern wünsche ich schöne Sommerferien. Morgen geht’s los !!

Christa D. Schäfer