„Das Systemische ist dadurch gekennzeichnet, dass es den Bezug zum Ganzen sucht. Das, was wir wahrnehmen, kann immer nur ein Ausschnitt aus dem Ganzen sein, dessen Richtung durch unsere Motive bestimmt wird. So werden wir z.B. eher Nahrungsmittel wahrnehmen, wenn wir hungrig sind, als wenn wir uns satt fühlen. Systemisches Handeln versucht, diesen Ausschnitt bzw. die Unterscheidung, die wir gefällt haben, wieder mit dem Ganzen zu verbinden; also Losgelöstes, Ausgeschlossenes wieder einzubinden. Systemische Betrachtung bedeutet also eher, die Verbindungen, Verflechtungen, Beziehungen der einzelnen wahrgenommenen Ausschnitte zu suchen, als, wie etwa in der Psychoanalyse, an wenigen Stellen in die Tiefe zu graben. In diesem Sinne spricht daher Steve de Shazer provozierend von Oberflächenpsychologie im Gegensatz zur Tiefenpsychologie.

Das Ganze voll zu erfassen ist unmöglich, da wir Teil des Ganzen sind. Daher kann ein Vorgehen oder eine Therapieform nicht vollständig systemisch sein, sondern wir können eigentlich nur davon sprechen, dass ein Vorgehen oder eine Therapieform systemischer als eine andere ist …“

(Quelle: Sparrer, Insa; Varga von Kibéd, Matthias: Klare Sicht im Blindflug. Heidelberg: Carl-Auer 2010. S. 20)

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Klare Sicht im Blindflug“, einer Schriftensammlung über Systemische Strukturaufstellungen aus dem Carl-Auer Verlag. Die Autoren Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd haben in diesem Buch verschiedene Artikel zusammen gestellt; vom allgemein Wissenswerten zum Thema bis zu Spezialtthemen wie der Strukturaufstellungen im therapeutischen bzw. psychosomatischen Bereich und im Organisationsbereich. Der Leser findet in dem Buch eine große Vielzahl von gehaltvollen, theoretisch fundierten und praktisch anregenden Niederschriften. Attraktiv zum Blättern und Lesen ist das Buch übrigens auch für systemisch denkende und arbeitende MediatorInnen …

Es gibt viele Ausbildungsinstitute, die damit werben, systemische MediatorInnen auszubilden. Ich selber habe eine systemische Ausbildung absolviert und eine Mediationsausbildung und verbinde aufgrund meiner getrennt absolvierten beiden Ausbildungsgänge diese beiden Professionen in meinem Tun.

Immer mal wieder gibt es in diesem blog einen Artikel, der sich mit dem Thema der „Mediation als systemisches Verfahren“ beschäftigt. In einem meiner Blogartikel habe ich die Meinung vertreten, dass Mediation per se systemisch ist bzw. sein sollte. Zudem gibt in diesem Blog verschiedene Artikel, die die Themen Systemik und Mediation verbinden:

Systemik und Mediation

Das Systembrett in Mediation, Supervision und Coaching

Mediation auf dem Weg zur Systemischen Sichtweise

Wie ich jetzt entdeckt habe, hat sich die Deutsche Gesellschaft für systemische Mediation (DGSYM) gegründet, von der ich bisher noch nichts wusste. Laut Aussage dieses Berufsverbandes betrachtet die Systemische Mediation die Konfliktsysteme in einem größeren Zusammenhang.

Sie (die systemische Mediation) unterscheidet zwischen Aktualkonflikt und Konfliktmuster.

Der Aktual-Konflikt bezieht sich auf einen bestimmten Konfliktbereich. Der Konflikt war in dieser Form vorher nicht da und wird nach der Lösung in dieser Form nicht wieder auftreten.

Ein Konfliktmuster ist ein in Wellen bzw. Schüben auftretendes Konfliktsystem, das in der Regel emotional dominiert ist und sich aus sich selbst heraus aufrechterhält. Konflikte tauchen in dieser Form immer wieder auf. Konfliktmuster finden ihre ideale Nische in Systemen mit hohem Intimitätsgrad (Familien, Paare, Kollegen, Teams). Die Konfliktkommunikation läuft meistens ähnlich ab, während die Konfliktanlässe beliebig sind.

In Aktualkonflikte kann mit den gängigen Konfliktlösungs-Strategien relativ leicht interveniert werden. Die Intervention in Konfliktmuster erfordert systemisches Know-how, weil sich Lösungen hier nur auf der Meta-Ebene (er-)finden lassen.

(Quelle: Webseite Deutschen Gesellschaft für system. Mediation)

Ich bin gespannt auf weitere Verbindungen zwischen Systemik und Mediation.

Übrigens habe ich in dem neuen Buch „Konfliktlösungstools“ (Hrsg. Peter Knapp) einen Artikel zum Thema „Systemische Fragen in der Mediation“ geschrieben. Mehr zu diesem hervorragenden Buch demnächst hier in diesem blog.

Christa D. Schäfer