Was ist denn das?

Ich bin durch Zufall auf diesen Ansatz der Gesprächsführung gekommen und bin begeistert, denn ich finde hier eine theoretische Fundierung für eine Art von Gesprächsführung, die ich in Mediationsgesprächen oder in Konfliktcoaching-gesprächen mitunter sehr gerne nutze.

Sprache und Gespräche prägen den Alltag und entscheiden über das Gelingen von Abläufen. Sie bilden eine wichtige Grundlage menschlicher Gesellschaften.

Mit Sprache wird nicht nur Information ausgetauscht, sondern auch Beziehung hergestellt und reguliert. Wenn wir sprechen bildet sich fortlaufend unserer individuelle Persönlichkeit ab. In der Eigensprache (=Idiolekt) kommt der einzelne Mensch in seiner Gesamtheit und in seiner Einzigartigkeit zum Ausdruck. Die Eigensprache ist wie ein Fingerabdruck, den ein Mensch seiner Kommunikation verleiht. Nach der Definition der Enzyklopädia Britannica umfasst der Idiolekt die Sprachmuster, die eine Person verwendet, inklusive all ihrer phonetischen, grammatikalischen und die Wortwahl betreffenden Vorlieben. Der eigensprachliche Anteil einer Mitteilung enthält die persönlichen Zusatzinformationen, die viel über den Sprecher selber aussagen.
(Zitat aus: Idiolektische Gesprächsführung)

In letzter Zeit habe ich in den von mir durchgeführten Mediationen ganz besonders auf das Phänomen der Sprache geachtet. Die Sprache der ersten Konfliktpartei, der zweiten Konfliktpartei und natürlich meine eigene Sprache, die zwischen den Konfliktparteien vermittelt. Es ist krimimäßig spannend, dass mit bestimmter Wortwahl der Konflikt wieder zu eskalieren droht und mit anderer Wortwahl beide Konfliktparteien entspannen. Schade, dass man bestimmte Situationen nicht wie im Film festhalten kann, um sie sich später noch einmal anzuschauen.

Mitunter passe ich mich in meinen Mediationen ganz stark der Sprache der Medianden an. Sind sich die Medianden ähnlich bzw. haben sie eine ähnliche Sprache, so fällt dies nicht schwer und lässt nicht an meiner Allparteilichkeit zweifeln. Sind die Medianden sprachlich sehr unterschiedlich so wechsele ich manchmal zwischen den Sprachen hin und her, die die beiden Medianden mitbringen. Das ist schon etwas schwieriger und hat dennoch eine interessante Wirkung. Bei einer Mutter-Tochter-Mediation, die ich kürzlich durchführte, hat es beispielsweise einen großen Wendepunkt in der Mediation gegeben, als ich den Sohn in seiner eher jugendhaften Sprache angesprochen habe und mich zudem gut in ihn und seine Lage hinein versetzten konnte. Er hat sich abgeholt gefühlt und war fortan bereit intensiv im Mediationsprozess mitzuarbeiten. Natürlich ist in solchen Situation absolute Vorsicht geboten, denn wenn ein Mediator in seiner Profession die Sprache eines Medianden aufgenimmt, so kann dies leicht lächerlich und überzogen werden. Absolutes „Fingerspitzen- und Sprachgefühl“ ist in solchen Situationen erforderlich.

Aber zurück zur Idiolektischen Gesprächsführung. Es gibt dazu ein Buch von Eckard Krüger, Tilman Rentel und Peter Winkler (Hrsg.) aus dem Carl-Auer Verlag: “Schlüsselworte. Idiolektische Gesprächsführung in Therapie, Beratung und Coaching“. Das Buch führt verständlich und ausführlich in die Grundlagen der Idiolektik ein. Besonders besticht die Darstellung der Beispiele zur Nutzung der Idiolektik in ausgewählten Anwendungsfeldern, von der Allgemeinmedizin und Psychosomatik über die Traumatherapie, die Kinder- und Jugendtherapie bis zu Seelsorge und Coaching. Ich möchte dafür plädieren, ideolektische Gesprächsführung auch in ausgewählten Mediationssitzungen zu nutzen. Das könnte dann im Gespräch zwischen dem Mediator und den Medianden A und B beispielsweise so aussehen:

A: „Das Ganze ist in letzter Zeit zu einem riesigen Knoten geworden. Ich glaube nicht, dass wir das hier gelöst kriegen.“
Mediator: „Ich möchte Ihr Bild gerne einmal aufnehmen. Sie sagten, der Konflikt ist ähnlich wie ein riesiger Knoten. Aus welchem Material besteht ihr Seil bzw. dieser Knoten?“
A: „Das ist schon mächtig dickes Tau, das da den Knoten ausmacht. Wissen Sie, so welches, wie die großen Segelschiffe verwenden.“
Mediator: „Herr B, was denken Sie über die Beschaffenheit des Knotens?“
B: „Ja, ich sehe das genauso. Aber ich sehe einen enormen Vorteil darin, dass der Knoten aus so dickem Tau besteht. Versuchen Sie mal einen Knoten zu entwirren, der mit so kleinen Fädchen gemacht ist, das schafft ja keiner. Allerdings mit so großem Tau, das stelle ich mir gar nicht mal so schwierig vor. Da hat man was, das man anfassen kann – wenn man weiß, wo der richtige Punkt zum Loslegen ist.“
Mediator: „Ja, wie ich bemerkt habe, sehen Sie wohl beide ihren Konflikt als einen Knoten, der aus einem dicken Tau gemacht ist. Dann lassen Sie uns mal schauen, wie wir diesen Knoten entwirren können und wo der Punkt zum Loslegen ist. Ist das auch in Ihrem Sinne, Herr A?!“

Natürlich gibt es auch andere Aspekte bei diesem Knotenbild, auf die der Mediator gut eingehen kann. Er kann je nach Situation fragen: Wie lange hat es gedauert, bis der Knoten so fest geworden ist? Wer hat alles dazu beigetragen, dass der Knoten so fest geworden ist? Was für Möglichkeiten gäbe es, ihn wieder zu entwirren? Wer würde Ihrer Meinung nach gerne daran mitwirken, dass der Knoten lockerer wird? Wie kann man verhindern, dass der Knoten noch fester wird? … Natürlich werden diese Fragen nicht alle hintereinander gestellt, sondern es werden stets nur ausgewählte Fragen genutzt. Durch die Metapher bzw. das Bild des Knotens kann bildlich und mitunter „locker“ am Streit gearbeitet werden.

Wie und warum diese Art der Gesprächsführung so gut wirkt, das können Sie in oben genanntem Buch gerne nachlesen. Und hier geht’s zu einem Blogartikel, in dem Sie mehr über verschiedene Möglichkeiten des Fragens in der Mediation erfahren können …

Christa D. Schäfer