Es ist Montag morgen. Für Herrn Krüger der Wochenbeginn nach einem anstrengenden Wochenende voller Korrekturarbeit an Klassenarbeiten, die mal wieder enttäuschend ausgefallen sind, schlecht, schlechter als erwartet, immer ist es ja so, wenn man nur wüsste woran es liegt… Und damit verbunden kommt immer der Kampf mit den Selbstzweifeln, habe ich den Stoff gut genug vorbereitet, habe ich die Aufgabenstellung zu schwer gewählt? Warum haben sie nicht in der Stunde vor der Klausur gefragt, wenn doch scheinbar noch einiges unklar war? Wirke ich unnahbar? Zu streng? Na, ich lasse mir eben nicht auf der Nase herumtanzen, alles ist besser, als das Opfer seiner Schüler zu sein, bloß das nicht!

Er betritt den Klassenraum der 8b, nimmt genervt die Aufregung der Schüler angesichts seiner Stofftasche mit den Heften, wahr, verweist sie auf ihre Plätze und begrüßt die Klasse, schon jetzt wieder fest entschlossen, es für die nächste Arbeit besser zu machen. Was eigentlich genau? Alles.

Wenn doch nur die Schüler seinen guten Willen zur Besserung übernehmen würden…Die Klassenarbeitshefte gibts jedenfalls erst am Ende einer konzentrierten Deutschstunde mit Heinrich Manns „Der Untertan“ zurück.

Nach 20 Minuten Unterricht, geht die Tür auf und Anton schlendert herein. Sofort verliert Herr Krügers guter Vorsatz seinen Halt: Allein der Anblick dieses verlotterten, frech grinsenden Schülers, er wirkt gerade so, als wäre er stolz auf die 5, die er aus reiner Faulheit, den behandelten Stoff zu Gryphius Sonetten zu lernen, mal wieder vorgelegt hat und damit Herrn Krügers Wochenende vermiest hat, was hat so einer überhaupt am Gymnasium zu suchen?! Na dem werd ichs austreiben!

„Ehem, guten Morgen Anton, wie schön, dass du auch mal wieder am Unterricht teilnimmst. Ich lobe mir deine Pünktlichkeit! Hat man im Hause Punkt noch nicht die Uhren umgestellt?“
„Doch…“
„Ich sag dir was, das war das letzte Mal, dass du mir hier zu spät kommst. Mit so einer Arbeitshaltung wird das nichts, und allzu große Hoffnungen auf eine 4 auf dem Zeugnis würde ich mir an deiner Stelle auch nicht machen. So wird das hier nichts, wir sind hier auf einem Gymnasium, da muss man für eine gute Note etwas mehr tun! So. Wo war ich jetzt? Achso … also wie erlebt Diederich in seiner Kindheit die Autorität und wie wirken diese Erlebnisse sich beim älteren Diederich aus?“…

Der Unterricht kommt nach dem Zwischenfall nur schleppend wieder in Gang, die schlechte Stimmung hängt in der Luft und die Angst der Schüler, falsch zu antworten, hindert sie daran sich zur Zufriedenheit zu beteiligen. Herr Krüger sieht darin eine weitere persönliche Niederlage…

Am Ende der Stunde gibt Herr Krüger die Klassenarbeiten zurück. Als er zu Anton kommt: „So, nächste Stunde will ich die Arbeit mit Berichtigung und Unterschrift deiner Eltern sehen, damit wir uns richtig verstehen, Freundchen. Die sollten vielleicht auch mal sehen, dass du hier im Prinzip die Leistung verweigerst.“

In der folgenden Deutschstunde sieht sich Herr Krüger die Berichtigungen durch. Er hat sich nach der letzten Stunde über seine gute Idee mit der Unterschrift gefreut, ist schließlich eine einfache Möglichkeit, sicherzugehen, dass die Eltern des Schülers Bescheid wissen. Dann werden sie demnächst strenger darauf Acht geben, dass dieser Kerl von Anton mal was für das Fach tut und ihren Bengel mal stärker in die Schranken weisen. Herr Krüger erinnert sich daran im Studium der Erziehungswissenschaften auch mal gehört zu haben, dass es wichtig sei, den Kontakt mit den Eltern zu suchen. Naja, eigentlich möchte man das ja eher vermeiden bei den Problemfällen, ist ja unangenehm, aber dem Anton tut das sicher ganz mal gut, also, gut gemacht, Herr Krüger, bist doch ein guter Pädagoge.

Dass Leute wie „der Kerl von Anton“ die Unterschrift zu fälschen wagen, das hätte man sich freilich denken können. Trotzdem fällt Krüger, der diesen Umstand entdeckt, mit hochrotem Kopf aus sämtlichen Wolken.

„Das gibts ja nicht, ich fass es nicht, Unverschämtheit, das ist gesetzlich verboten, sofort mit zum Direktor! Marsch!!“ Er nötigt wutentbrannt den inzwischen völlig verzweifelten, bleichen Jungen vor das Direktorium. Als der Direktor seine Besucher mustert und Herrn Krügers Anklage anhört, ahnt er sogleich, dass es hier um mehr, als eine gefälschte Unterschrift geht und schickt den Lehrer für einen Moment auf den Gang, um allein mit Anton zu sprechen. Durch die ruhige Art des Direktors ermutigt, wagt Anton es schließlich, ihm seine Sichtweise der ganzen Sache darzulegen.

Es hört sich wie ein Teufelskreis an, aus Erwartungen und Angst, diesen nicht genügen zu können…und Faulheit? Eher Mutlosigkeit. Wenn man einmal bei einem Lehrer unten durch ist, geht es gar nicht mehr darum, inhaltliche Leistung zu bringen, es ist nur noch ein jede Stunde erneutes Risikospiel des Durchkommens ohne die geforderte Leistung erbracht zu haben… Er würde es brauchen, dass man ihm noch eine Chance gibt, ihn neu anfangen lässt und an ihn glaubt, statt ihm zu misstrauen.

Der Direktor holt auch Herrn Krüger wieder herein, er ermahnt seinen Kollegen zur Gelassenheit und bittet ihn ebenfalls, seine Situation besonnen und ruhigen Tones vorzutragen. Krüger lässt sich darauf ein und erklärt: „Ich habe schon seit einiger Zeit bemerkt, dass du, Anton, häufig unentschuldigt zu spät zum Unterricht erscheinst und außerdem selten deine Hausaufgaben im Fach Deutsch machst. Das reizt mich, weil ich ungern im Unterricht gestört werde und es mir wichtig ist, dass die Klassenarbeit durch schriftliche Hausaufgaben gut von Allen vorbereitet wird. Ich bitte dich somit darum, dass du dir in dieser Hinsicht mehr Mühe gibst. Bei Schwierigkeiten kannst du mich ja immer gerne ansprechen!“

Sie einigen sich also auf einen unvoreingenommenen Neubeginn, der von da an hoffentlich einiges verändert hat. Jedenfalls verlassen beide das Direktorium ermutigt und haben an diesem Tag tatsächlich etwas fürs Leben gelernt.

Diese Geschichte ist keine rein fiktive Idee. Solche oder so ähnliche Situationen hat leider sicher jeder schon einmal erlebt: Dass zwei Menschen in eskalierende Konflikte miteinander geraten, lediglich, weil sie einander im wahrsten Sinne des Wortes „nicht verstehen“. Denn Antons müder und vorsichtshalber ausweichender Blick beim Betreten der Klasse, sein schuldbewusstes und beschämtes Lächeln, sieht in Krügers Augen aus wie das stolze, provozierende Grinsen eines ungepflegten Jungen, der es noch nicht einmal für nötig hält ihn anzuschauen. Aus der Gefühlebene entsteht dann der verbale Konflikt.

In der Erziehungswissenschaft spricht man auch von Gewalt in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Gemeint ist die rein sprachliche Ebene, aber hier finden wir im Alltag doch am häufigsten Gewalt. Und gerade in der Schule, zwischen zwei oder mehreren Schülern, aber auch zwischen Lehrer und Schüler hört man immer wieder die sogenannte „Wolfssprache“.

In diesem Beispiel wird der Konflikt von einer dritten Person „gelöst“. Der Direktor funktioniert hier als Vermittler, er fordert ehrliches Aussprechen der jeweils ganzen persönlichen Problematik, der Gedanken und Gefühle, die sich dahinter verbergen, des eigentlichen Wunsches oder Bedürfnisses der Person, um damit die Bitte an den Anderen zu erklären. Mit anderen Worten: Er leitet die beiden Streitparteien durch einen Prozess der Gewaltfreien Kommunikation und vermeidet damit möglicherweise weitere Eskalation. Denn diese Art der Kommunikation ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern eine praxisorientierte Art respektvoll und friedlich miteinander umzugehen.

Rahel Rennert
(Studentin an der UdK Berlin)

 

Besten Dank an Rahel Rennert für die Abdruckgenehmigung für diesen Text. Dass die Lösung so schnell geht wie im obigen Beispiel ist natürlich eher ungewöhnlich. In einer realen Situation hätte der Direktor wahrscheinlich mehr Zeit investieren müssen. Dennoch ist zu merken, wie wichtig es ist, dass auch Direktoren eine gute mediative Kommunikation beherrschen! Und es ist eindeutig, wie wichtig ein gutes Konfliktmanagementsystem in der Schule ist! Abgesehen von der ungünstigen Kommunikation in diesem Beispiel hat Herr Krüger auch mit einem intrapsychischen Konflikt zu kämpfen – aber das ist eine zweite Geschichte …

Eine Information zur Gewaltfreien Kommunikation (GfK) Gewaltfreien Kommunikation (GfK) finden Sie übrigens, wenn Sie auf den roten Text klicken …

Christa D. Schäfer