Alex ist der erste Sohn von Susanne und Michael. Michael ist Architekt und in mehrere Großprojekte eingebunden. Susanne ist Innenarchitektin und will nach der Geburt von Alex schnell wieder ins Büro zurück. Sie will sich später auf Lichtdesign spezialisieren und hat noch viel vor in ihrem Leben. Bereits vor der Geburt von Alex wird die Kinderfrau ausgesucht, bereits vor der Geburt wurde Alex in der eihzigen Krippe am Ort angemeldet. Die Kinderfrau wird trotzdem weiterhin benötigt, denn natürlich richten sich weder die Krippe noch später die Schulen nach den Erfordernissen der Eltern. Und da Alex noch zwei weitere Geschwister bekommt, ist Hilfe von außen zwingend notwendig.

Erkans Eltern sind türkischer Abstammung. Seine Mutter kümmert sich zusammen mit ihrer Mutter um die gesamte Familie. Natürlich geht Erkan nicht in den Kindergarten bzw. in die Kita. Seine Eltern und Geschwister kümmern sich um ihn und bringen ihm vieles bei. Gute Bildung wird groß geschrieben. Zu Hause wird nur türkisch gesprochen. Deutsche Kinder kennt Erkan nicht.

Jennys lebt mit ihrer Mutter und ihrem großen Bruder zusammen. Die Mutter ist seit der Geburt ihres großen Sohnes ohne Arbeit, ihr damaliger Mann wollte nicht, dass sie arbeitete. Dabei hatte sie einen guten Realschulabschluss und bereits zur damaligen Zeit ihr Ausbildung als Einzelhandleskauffrau begonnen. Als sie schwanger wurde, brach sie ihre Ausbildung ab und rutschte nach der Trennung schnell in die Sozialhilfe. Jenny stammt aus der Beziehung zu einem anderen Mann, der zwar Jenny anerkannte, aber nicht mit der Familie zusammen leben wollte.

Laura brachte ihren Eltern viele unruhige Jahre, denn seit der Geburt hatte Lauras Mutter das Gefühl, dass irgendetwas mit ihrer Tochter nicht stimme. Die Ärzte führten vielfältige Tests mit Laura durch und es stellt sich heraus, dass Laura eine zentrale mittelschwere und therapierbare Bewegungskoordinationsstörung hat. Die folgenden Jahre war die Familie ständig zu Therapien und Terminen unterwegs.

Diese vier Kinder gehen zusammen in einen Kindergarten und werden beste Freunde. Jutta Allmendinger erzählt in ihrem Buch Schulaufgaben von den Bildungswegen der vier Kinder. Sie ist die Patentante von Alex und beobachtete die Bildungswege der vier Kinder intensiv.

Die bildungspolitisch interessierten Leserinnen und Leser dieses Blogs ahnen wahrscheinlich schon, dass die Bildungswege der vier Kinder zwar gemeinsam im Kindergarten beginnen, aber schon nach kurzer Zeit im Grundschulalter weit auseinander gehen. Und so erstaunt es auch nicht zu erfahren, wo die vier jungen Erwachsenen 18 Jahre später in ihrem Leben angekommen sind.

Es ist erschreckend zu sehen, wie vorhersehbar Bildungsbiografien heutzutage immer noch sind. Und dennoch ist es absolut spannend, dieses Buch zu lesen und mit zu verfolgen, wie die Bildungswege tatsächlich verlaufen. Zusätzlich zu den Berichten über die Kinder gibt es noch viele Hinweise zum Schulsystem in Deutschland und zu aktuellen Forschungsergebnissen zur Sozial- und Bildungsstruktur.

Und auch hier geht Allmendinger noch eine Stufe weiter und fügt in den letzten Kapiteln des Buches ihre Erkenntnisse an, wie das Bildungssystem in Deutschland verändert werden müsste, um allen Kindern (und der Gesellschaft) gerecht zu werden. Sie formuliert sechs Schulaufgaben, die wir alle zum Wohle unserer Kinder lösen müssen:

1. Wissen ist nicht alles: Fertigkeiten und Fähigkeiten entfalten
2. Von Vielfalt profitieren: Länger miteinander lernen dürfen
3. Schneller ist nicht besser: Mehr Zeit zum Lernen
4. Eine Bildungsrepublik braucht Kreativität: Mehr Autonomie für unsere Schulen
5. Zum Wohle unserer Jugend: Mehr Geld für die Bildung
6. Gemeinsam sind wir stark: Alle Akteure miteinander vernetzen

Allen, die mehr hierzu wissen wollen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen.
Mein Wunsch ist es, dass in Berlin und anderswo in nächster Zeit ganz viel in Bewegung kommt …

Christa D. Schäfer

Anmerkung: Jutta Allmendinger ist seit 2007 Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Berliner Humboldt-Universität und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Mal wieder Unterrichtsstörungen aus einer deutschen Großstadt lesen?

Oder den Artikel Gute Schulen gibt’s auch in Berlin?