Das ist in der Tat eine interessante Frage, auf die es eine kompetente Antwort gibt. Auf dem Mediationskongress 2012 in Ludwigsburg habe ich die DVD „Du gehst mir auf die Nerven! Neurobiologische Aspekte der Konfliktberatung“ aus dem Concadora Verlag entdeckt.

Rudi Ballreich vom Concadora Verlag stellt die psychologische Situation von Menschen in Konflikten vor und demonstriert anhand eines Films in lebendiger Weise die Schritte einer Mediation. Gerald Hüther beschreibt die neurobiologischen Vorgänge im Konflikt und auch während der kognitiven und emotionalen Lösungssuche in der Mediation.

Das Ganze lässt sich in ganzen 320 Minuten Spieldauer auf DVD erfahren oder in einem kleinen Booklet nachlesen. Nun möchte ich Sie natürlich nicht mit diesem Tipp alleine lassen, sondern Ihnen ein wenig über die Antworten zu obiger Frage berichten. Abschließend möchte ich Ihnen natürlich die DVD empfehlen, damit Sie alles noch einmal genau nachlesen bzw. sich anschauen und anhören können.

So, dann mal hier die Antwort in aller Kürze:

Das Gehirn strukturiert sich von Anbeginn an durch Erfahrungen. Natürlich hat jedes Ungeborene bereits vor der Geburt verschiedene körperliche Grunderfahrungen. „Ich bin die ganze Zeit gewachsen“, so die erste Grunderfahrung des Babys, das geboren wird. Und die zweite Urerfahrung ist die enge Verbundenheit mit der Mutter. Die erste Erfahrungen führt dazu, dass das Kind auch nach der Geburt stetig wachsen möchte – es möchte sich weiter entwickeln und die eigenen Potentiale entfalten. Die zweite Erfahrung führt zur Grunderwartungshaltung an die Welt, dass jemand da ist, mit dem man sich so verbunden fühlen kann wie mit der Mutter vor der Geburt.

Werden diese beiden elementaren Bedürfnisse nicht erfüllt, so entsteht im Gehirn und auch im ganzen Körper eine negative starke Erregung. Hirnscans zeigen, dass in solchen Situationen dieselben Gehirnstrukturen aktiviert sind, die auch beim körperlichen Schmerz aktiviert sind. Ein Mensch, der immer wieder frustriert wird, sucht sich eine Ersatzbefriedigung, denn dadurch beruhigt sich die Erregung im Gehirn und der Schmerz klingt ab.

Kann das eigene Verhalten in schwierigen sozialen Situationen kontrolliert werden, so spricht man von einer kontrollierbaren Stressreaktion, und Herausforderung ist angesagt. Wird eine soziale Situation als übermächtig bzw. die eigenen Ressourcen als zu schwach erlebt, so ist die Überforderungs- oder Stresszone erreicht. Im Gehirn entstehen Übererregungsmuster, der Mensch kann nicht mehr „klar“ denken, die Aktivität des Gehirns verlagert sich in „tiefere Schichten“, die in der Evolution früher entstanden sind und in denen Angst und Ohnmacht verortet sind.

Diese Fahrstuhlfahrt in die tieferen Schichten kennt drei Stufen:
Fixierung durch Vorerfahrungen
Frühkindlich erworbene Überlebensmuster
Archaische Notfallprogramme

Alle drei Programme sind hilfreich, weil sie das Überlegen sichern. Sie sind zugleich jedoch auch hinderlich, weil sie viel Schaden anrichten können. Konfliktbewältigung heißt nun, diese archaischen Kräfte zu bändigen und ihre Energien durch bewusste Führung in positive Bahnen zu lenken. Genau das tut die Mediation, denn:

Konsequentes Paraphrasieren unterbindet die neuronalen Fixierungen
Rollentausch bewirkt eine Neubewertung der Gefühle
Mitfühlen der Bedürnisnot aktiviert tiefe Schichten der Gehirnstrukturen
Positive Erfahrungen verstärken sich selbst
Mediationserfahrungen können neuronale Muster verändern

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen Mediation in Anspruch nehmen, denn dadurch können „positive Erfahrungen“, die wir in der Mediation machen, strukturell in Form neuer Verschaltungsmuster im Gehirn verankert werden. Entwicklung ist möglich, bei ihm, bei ihr und bei uns !!

Auf die Frage „Was passiert im Gehirn, wenn wir uns streiten“ gibt die DVD „Du gehst mir auf die Nerven. Neurobiolgische Aspekte der Konfliktberatung“ gut nachvollziehbare Antworten. Basierend auf einem workshop von 2009 in Zürich erhalten Sie ausführliche, anschauliche und topaktuelle Erkenntnisse zur Verbindung zwischen Neurobiologie und Mediation. Eher theoretische Erkenntnisse werden dabei durch die Einspielung von Mediationsszenen anschaulich.

Christa D. Schäfer