Interne und externe Streitigkeiten und Konflikte gibt es bei den Hells Angels in Mengen. Wie immer ist der kommunikationstheoretische und konfliktbearbeitende Blick auf diese Konflikte absolut spannend und aufregend. Vor fast drei Jahren habe ich in diesem Blog über Eskalation und Deeskalation in Bezug auf die Streitigkeiten zwischen den Hells Angels und den Bandidos geschrieben, seit der Zeit ist viel passiert …

Die damals vorherrschende kurze Vision, es könnte 2010 ein „echter“ und ernst gemeinter Friedensschluss stattgefunden haben, verflog schnell. Immer wieder las man schon kurze Zeit später in der Zeitung über neue Streitigkeiten bewaffneter Art, über Angriffe, „Aufrüstung“ und vieles mehr.

Einige Ereignisse aus dem letzten Jahr: In der Nacht zum 28. Mai 2012 löste sich der Hells Angels MC Berlin City sowie die Supporter-Clubs Berlin City MG 81 und Berlin City Crew 81 selbst auf, um einem Verbot durch den Innensenator zuvorzukommen Im Juni 2012 wurde ein führendes Mitglied der Hells Angels in Hohenschönhausen vor einem Lokal angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Einen Monat später, im Juli 2012, wurden in Berlin-Wedding vor ihrem Clubhaus zwei Rocker der Bandidos durch Schüsse verletzt. Anfang 2013 berichtete Kriminaldirektor Uwe Wilhelms, dass es gut 1000 Rocker in Berlin gibt und sich fast monatlich eine Machtverschiebung von den Bandidos zugunsten der Hells Angels ergibt.

Interessant sind in diesem Zusammenhang zwei Bücher, die in der letzten Zeit sogar auf der Bestsellerliste standen. Schon mal von Bad Boy Uli gehört?

Ulrich Detrois, der Autor von „Wir sehen uns in der Hölle“ wird auch Bad Boy Uli genannt. Er war lange Zeit Vizepräsident bei den Hells Angels, der gefährlichsten Rockerbande der Welt. Anfangs war er bei den Bones, einer Rockergruppe, die es nur in Deutschland gab. Dann gingen die Bones aus Kassel zu den Hells Angels über und Bad Boy Uli lenkte lange Jahre die Geschicke des Hells-Angels-Charters Kassel – bis er durch seine „Brüder“ und durch eine gezielt konstruierte Anschuldigung aus dem Club geworfen wurde.

Fortan machte es sich Detrois zum Ziel, über die Hells Angels aufzuklären. Sein erstes Buch „Höllenritt“ stand mehrere Monate auf der Bestsellerliste. Sein zweites Buch „Wir sehen uns in der Hölle“ ist auf dem besten Wege dazu. Beide Bücher vermitteln einen Einblick in Struktur und „Kultur“ der Hells Angels. Wer schon immer mal wissen wollte, wie die „Höllenengel“ drauf sind, was hinter der vorderen Fassade abläuft, womit dort Geld verdient wird, wie die Männer mit eigenen und fremden Frauen umgehen, wie die weltweite Struktur der HA aufgebaut ist … für den ist dieses Buch genau das Richtige. Dabei darf man keinen intensiven Einblick erwarten, denn aufgrund seiner persönlichen Lage kann Detrois eher einen groben als einen intensiven Einblick geben.

Besonders interessant sind natürlich die Passagen, in denen Detrois über das „Friedensabkommen“ zwischen den HA und den Bandidos schreibt. Er führt aus, dass das Charter Hannover der Hells Angels in den Jahren 2008 bis 2011 anzahlmäßig das Charter New York überrunden und in Deutschland in der damaligen Zeit die absolute Führungsposition inne hatte. Ohne die Zustimmung des Charters Hannover ging in Deutschland damals gar nichts. Detrois schreibt:

„Rückblick. Es ist der 26. Mai 2010, Pfingstmontag. In einer Anwaltskanzlei in Hannover treffen sich Frank Hanebuth aus Hannover, Präsident der dortigen Hells Angels, und Peter Maczollek, Vize-Präsident der Bandidos Deutschland – und jeweils zwei weitere Member. Auch dabei: Rechtsanwalt Götz von Fromberg. Man hat natürlich die Presse eingeladen, schließlich hat man etwas total Wichtiges zu verkünden: Zwischen den beiden Rockerclubs soll es ab sofort Frieden geben. …
Mal ehrlich: Der Friedensvertrag zwischen den Hells Angels und Bandidos war recht nett für die Öffentlichkeit inszeniert und ein Aufmacher für viele Zeitungen – aber in Wahrheit ein Blender.“
Bad Boy Uli: Wir sehen uns in der Hölle. S. 240 f.

Als Mediatorin interessiert mich natürlich die Vertragsgestaltung. Detrois nennt diesbezüglich einige Punkte:

„Beide Parteien haben vereinbart, dass Hells Angels in Zukunft nicht in die Städte der Bandidos gehen und umgekehrt. Beide Clubs haben abgesprochen, dass eine Zuwiderhandlung gegen die interne Vereinbarung sofort sanktioniert wird. Beide Clubs nehmen keine Member oder Ex-Member des jeweiligen anderen Clubs auf. Beide Parteien vereinbaren, dass innerhalb eines Jahres ab heute keine Neugründungen von Chartern beider Clubs erfolgt. Nach Ablauf dieses Jahres werden Neugründungen nur nach Absprache beider Clubs durchgeführt.“
(S. 243 f.)

Ganz ehrlich, diese Vertragsvereinbarungen – so sie denn wirklich dort gestanden haben – sind sicherlich nicht nach SMART formuliert und halten auch sonst wenig Kriterien einer Abschlussvereinbarung stand.

Am 1. Juni 2012 verkündete Innenminister Friedrich die Prüfung eines bundesweiten Verbots der Hells Angels. Man wird sehen, wie es weiter geht …

Christa D. Schäfer