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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Month: April 2013

Der Zusammenhang zwischen Motivation, Sozialem Lernen und Lernerfolg

Grundschulkinder lernen weitgehend intrinsisch und aus eigenem Antrieb. Mit dem Beginn der Pubertät werden äußere Einflüsse wie Belohnung, Lob und soziale Beziehungen wichtiger als Aspekte der inneren Motivation.

Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen schon seit längerem, dass Angst der größte Lernhemmer ist. Sie zeigen ebenfalls, dass positiv wahrgenommene Emotionen sowie positiv erlebte soziale Beziehungen dazu in der Lage sind, das Lernen zu einem aufregendem und bereichernden Erlebnis zu machen und das körpereigene Belohnungssystem zu aktivieren.

Eine Gruppe von Erziehungswissenschaftern, Psychologen und Neurowissenschaftlern untersuchte kürzlich an der FU Berlin und der Charité den Einfluss sozio-emotionaler Lernfaktoren = SELF auf den schulischen Lernprozess. Die Forschungsgruppe hat unter der Leitung von Diana Raufelder 1000 Schülerinnen und Schüler Brandenburgs aus 7ten und 8ten Klassen von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien befragt.

Das Projekt SELF hat vier verschiedene Motivationstypen identifiziert:

1. den Peer-abhängige Motivationstyp
2. den Peer- und Lehrer-abhängige Motivationstyp
3. den unabhängige Motivationstyp
4. den Lehrer-abhängige Motivationstyp

36,4 % der befragten SchülerInnen wurden als peer-abhängiger Motivationstyp identifiziert. Ihre schulische Motivation wird von SchülerInnen geprägt, die sie umgeben. Interessant vor diesem Hintergrund ist, dass während der Adoleszenz die Bedeutung von Peers gegenüber der Bedeutung der Familie wächst. In diesem Sinne sind Klassenkameraden potentielle Freunde, die Bedürfnisse des sich entwickelnden Jugendlichen erfüllen könnten.

Bei 27,8 % der SchülerInnen ist die schulische Motivation abhängig von ihrer Umgebung, also von LehrerInnen und anderen SchülerInnen und von positiv ausgerichteten Beziehungen in diesem Geflecht.

26,3 % der an der Untersuchung teilnehmenden SchülerInnen gehören zum unabhängigen Motivationstypen, sie orientieren sich in der Höhe ihrer Motivation

Nur 9,5 % der Jugendlichen sind dem lehrer-abhängigen Motivationstyp zuzuordnen.

Insgesamt ist also für 73,7 % aller SchülerInnen, also für die Mehrzahl der SchülerInnen die Qualität der schulischen Beziehung sowie das Klassen- und Schulklima zentral für ihre Lernmotivation. Da heißt es also dranbleiben, als Lehrperson gute Beziehungen aufbauen und für ein gutes Klassenklima sorgen !!! Schon damit minimiert sich die Anzahl der Unterrichtsstörungen um einen Großteil.

Lediglich für 26,3 % der Jugendlichen scheinen weder Peers noch Lehrer eine Rolle für ihre Motivation zu spielen. Vermutlich würden diese SchülerInnen von einer autonomen Lernumgebung profitieren mit weniger Vorgaben und mehr individuellen und kreativem Spielraum. Auch hier können Lehrkräfte ja gut die Voraussetzungen für schaffen …

Ab Sommer 2012 steigt die Charité Berlin in das Projekt mit ein. Je 20 SchülerInnen je Motivationstyp werden mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) auf Unterschiede in der Aktivierung von Motivationsarealen im Gehirn untersucht und anschließend in qualitativen Interviews zu ihrem Motivationserleben und ihren Motivationsstrategien befragt. Ich bin gespannt, was dabei raus kommt …

Interessant ist übrigens auch eine Untersuchung, über die ich kürzlich hier berichtet habe, in der der Frage nachgegangen wurde, ab wie viel Jahren Kinder lernen fair zu sein …

Christa D. Schäfer

Eskalationsstufen in der Schule

Schon öfters habe ich von den neun Eskalationsstufen berichtet und sogar den Streit der Hells Angels „eskalationsstufenmäßig“ beschrieben.

Heute habe ich eine Denkaufgabe für Sie, und zwar habe ich neun Bildkarten vor mir liegen, die einen Streit zwischen Jugendlichen zeigen. Die Bilder können den neun Eskalationsstufen zugeordnet werden. Bisher gab es „nur“ Bilder eines Konfliktes zwischen zwei verschiedenen Büroteams, jetzt gibt es Bilder von Jugendlichen, die im Streit liegen. Von der Eskalationsstufe 1 lassen sich die Bilder verfolgen bis zur Eskalationsstufe 9.

Hier eine Grafik der neun Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl:

Konflikteskalation_Glasl.svg

 

Und hier im folgenden drei gezeichnete Bilder.
Was meinen Sie, welches Bild entspricht welcher Eskalationsstufe?

bild1

bild3

bild2

 

 

 

 

 

 

Natürlich müsste man für diese Aufgaben genau genommen alle neun Bilder vorliegen haben, aber das geht nicht, vielmehr möchte ich Ihnen ein wenig Appetit auf die Bilder machen und Ihnen anschließend die Webadresse mitteilen, auf der Sie die Bilder alle bestellen können (derzeit zum Sonderpreis).

Also: welches Bild gehört zu welcher Eskalationsstufe?
Ihr Tipp?

Für Konfliktlotsenausbildungen und Ausbildungen im Schulbereich ist dieses Material eine absolute Bereicherung. Die Bilder sind in DIN A-4 erhältlich. Die Berliner Mediatorin Helga Neumann hat die Karten in Zusammenarbeit mit Friedrich Glasl entwickelt, und Klaus Martin Grebe hat die Karten dann gezeichnet. Auf der Webseite sozialeslernen.com können die Bilder bestellt werden.

Christa D. Schäfer

Konflikte schrittweise bearbeiten …

Beppo, der Straßenkehrer spricht zu Momo:

“Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich.
Man denkt, die ist so schrecklich lang;
das kann man niemals schaffen, denkt man …
Und dann fängt man an, sich zu eilen.
Und man eilt sich immer mehr.
Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man,
dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.
Und man strengt sich noch mehr an,
man kriegt es mit der Angst,
und am Schluss ist man ganz außer Puste
und kann nicht mehr.
Und die Straße liegt immer noch vor einem.
So darf man es nicht machen.

Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken,
verstehst du?
Man muss nur an den nächsten Schritt denken,
an den nächsten Atemzug,
an den nächsten Besenstrich.
Und immer wieder nur an den nächsten …
Dann macht es Freude; das ist wichtig,
dann macht man seine Sache gut.
Und so soll es sein …
Auf einmal merkt man,
dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat.
Man hat gar nicht gemerkt, wie,
und man ist nicht außer Puste …
Das ist wichtig.”

aus Michael Ende: Momo

Ist’s nicht auch so im Umgang und in der Bearbeitung von Konflikten?!
Christa D. Schäfer

Die Arbeit mit Metaphern in der Mediation

So langsam geht alles den Bach runter …
Stufe für Stufe gehen wir der Lösung entgegen …

Mediatoren sollten in ihrer Arbeit sprachsensibel vorgehen. Der Grad der Sprachsensibilität wird vom Aufmerksamkeits- und Sprachvermögen eines Mediators bestimmt und kann zudem von Mediation zu Mediation ganz unterschiedlich sein.

Metaphern fördern die Aktivierung der rechten Gehirnhälfte. Die rechte Gehirnhälfte steuert die Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Beim Hören einer Metaphern können eigene, dazu passende Bilder, Symbole, Melodien oder Gerüche entstehen. Das Rohmaterial der Gedanken, die aufblitzenden Ideen, die Bilder, alle Sinneseindrücke werden rechts bearbeitet. Die Hauptziele der Verwendung von Metaphern im therapeutischen Kontext sind es, Veränderung zu fördern, neue Perspektiven zu gewinnen und neue Möglichkeiten der Interpretation einer Situation zu ermöglichen.

Das Verfahren der Mediation richtet sich an den Verstand der Medianden. Eine Metapher zielt auf unbewusstes Verstehen ab. Metaphern können nicht schnell und vollständig intellektuell analysiert und verstanden werden. Sie besitzen im Sinne des Psychotherapeuten Milton H. Erickson stets etwas Vages, Ungewisses und eine versteckte Bedeutung. Damit beeinflusst eine Metapher innere Prozesse, die sich dann in äußeren Veränderungen widerspiegeln können. Dies führt dazu, dass durch eine Metapher einerseits das bewusste Denken beschäftigt wird und andererseits unbewusste Suchprozesse nach neuen Bedeutungen und Lösungen angeregt werden. Metaphern berühren unser Herz und die Kreativität des Unbewussten. Sind sie gleichzeitig abstrakt und entfernt genug vom eigentlichen Problem, werden überkritische Anteile des bewussten Denkens den kreativen Prozess des Unbewussten nicht durch Widerstände, Zweifel oder intellektuelle Vorurteile stören.

Im NLP-Sprachgebrauch lösen Metaphern beim Zuhörer einen Prozeß der transderivationalen Suche, auch Ableitungssuche genannt, aus. Der Hörer einer Metapher hört die gesprochenen Wort auf einer Oberflächenstruktur (1), er versteht die Bedeutung der Metapher auf einer Tiefenstruktur (2), und er entwickelt eine parallele Deutung auf einer zusätzliche Tiefenstruktur (3), die in das Welt-Modell der Person passt, die einen inneren Zustand der Person aktiviert, oder die für ihr Leben bedeutungsvoll ist. Somit passiert durch eine Metapher ein Suchprozess nach einer spezifischen, den Prozess betreffenden Tiefenstruktur. Zudem bewirken Metaphern eine Dissoziierung von einem Problem, wenn das Problem (Bereich A) in einen anderen (weniger belastenden) Kontext (Bereich B) gestellt wird.

Ich persönlich arbeite in meinen Mediationskontexten sehr gerne mit der Methode der Metaphern. Sowohl in der Mediation mit Familien und Paaren als auch in der Gruppenmediation lässt sich diese Methode wunderbar einsetzen. Für das Buch „Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen“ (Hrsg. Peter Knapp) habe ich kürzlich einen Fachartikel zur Arbeit mit der Metaphernmethode beigesteuert. Wer ein Mal mit Metaphern in der Mediation gearbeitet hat, der wird von der Wirkung dieser Methode begeistert sein und daran festhalten …

Jetzt habe ich ein Buch in die Hände bekommen, das diese Methode ausführlich behandelt. Ich war ernsthaft begeistert, das von Brigitte und Ernst Spangenberg geschriebene Buch „Sprachbilder und Metaphern in der Mediation“ in den Händen zu halten. Das Buch startet mit einer Beschreibung der Arbeit mit metaphorischen Ausdrücken. Es folgen Kapitel, in denen die Spangenbergs die Grundsätze in der Mediation in Form von Metaphern erklären, den Phasen der Mediation Metaphern zuweisen, über Konfliktmetaphern, Lösungsmetaphern und Schlüsselbilder berichten sowie die Anwendung von Metaphern in schwierigen Fallkonstellationen darstellen.

Das Buch ist das erste Werk, das sich dem Thema „Metaphern in der Mediation“ verschrieben hat. Es ist ein absolutes Muss und ein Highlight für all diejenigen MediatorInnen, die von dem Thema Sprache in der Mediation fasziniert sind und die auch auf unbewusster Ebene über das Thema Sprache in Mediationen arbeiten möchten.

Einige Zitate aus dem Buch mögen Ihnen Lust machen, sich intensiver mit dem Buch zu beschäftigen:

„Jeder Mediand hat zwei Seelen in seiner Brust, von denen die eine sich nach Frieden sehnt, während die andere den Konflikt provoziert. Medianden benötigen oft nur einen Vitaminstoß, um ihren Konflikt eigenverantwortlich lösen zu können. Die Mediation ist ein Impuls, der bei den Medianden eine Kugel ins Rollen bringt. Jede Mediation ist ein Abenteuer, bei dem es immer wieder erstaunliche Eigenschaften des Menschen zu entdecken gilt.“ (Brigitte und Ernst Spangenberg: Sprachbilder und Metaphern in der Mediation. Frankfurt: Metzner Verlag 2013. S. 31)

Christa D. Schäfer

Hier geht’s zum Artikel Geschichten in der Mediation nutzen …

Empathietraining mit Babys als Baustein der Gewaltprävention

Wann haben Sie das letzte Mal ein Baby lächeln sehen? Und was ist daraufhin passiert, haben Sie zurück gelächelt? Das ist sehr wahrscheinlich und hat etwas damit zu tun, dass Babys „unwiderstehlich“ sind, und dass unsere Spiegelneuronen schnell und zuverlässig reagieren.

Heute habe ich etwas Wunderbares im Berliner Tagesspiegel gelesen. Grundschulklassen von drei Bremen Schulen erhalten ein Mal wöchentlich Besuch von einem Baby (mit Mutter und „Trainerin“). Die Kinder lernen die Gesichtsausdrücke des Babys zu interpretieren und zu erspüren, wie es ihm geht. Die Kinder sind begeistert und das Baby findet die Stunde auch gut. Gemeinsam wird gesungen, gesprochen, geschaut und reagiert. Da lernen alle im Klassenraum eine ganze Menge. Manche Besucherbabys tragen sogar T-Shirts mit der Aufschrift „I am the teacher“. Und die TrainerInnen, die Mutter und Baby begleiten, haben eine spezielle Ausbildung für diese Aufgabe erhalten. Deutschland ist das 10te Land, das dieses Projekt ausprobiert.

Das dahinter stehende Konzept stammt von Mary Gordon, einer kanadischen Pädagogin. Sie initiierte im Rahmen des Projektes „Roots of Empathie“ einen wöchentlichen Besuch eines Baby (mit seiner Mutter) in einer Grundschulklasse. Die GrundschülerInnen waren gewöhnlich begeistert von dem Besuch, spielten mit dem Baby, sangen und versuchten die Gefühle des Babys herauszufinden.

Im Anschluss an den Besuch hat sich stets das Aggressivitätspotential der Klasse deutlich reduziert und es war ein friedvolleres Arbeiten im Klassenverband. Mary Gordon schlussfolgerte, dass der Kontakt mit dem Baby eine Art Empathietraining für die SchülerInnen der Klasse darstellt.

Wäre das nicht auch ein Konzept für eine Berliner Grundschule?
Ich jedenfalls wäre gerne einmal dabei und würde zusehen …

Ausgehend von dem Zeitungsartikel habe ich mich damit beschäftigt, was Empathie eigentlich genau meint. Der Begriff Empathie bezeichnet die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen, Absichten und Persönlichkeitsmerkmale eines anderen Menschen oder eines Tieres zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie gehört auch die Einfühlung als eigene Reaktion auf die Gefühle Anderer.

Die Perspektivenübernahme ist im Vergleich zur Empathie eine Fähigkeit, bei der man sich in die Rolle und Position eines anderen hineinversetzt und versucht, die Welt aus dessen Sicht zu sehen.

Untersuchungen zu Spiegelneuronen lassen zwischen einem Nachahmungsverhalten und der Fähigkeit zur Empathie einen Zusammenhang vermuten, beispielsweise beim Gähnen und Lachen. Dieses Phänomen wird jedoch als Gefühlsansteckung bezeichnet und nicht als Empathie.

Neuere Forschungen (Nathan Sprang u.a.) haben sich damit beschäftigt, wie sich die Empathie messen lässt, sie sind dabei auf folgende fünf Dimensionen gekommen:

Korrektes Entschlüsseln nonverbaler Botschaften
Die gleichen Emotionen wie andere empfinden (Mitgefühl)
Ähnliche Gedanken und Erinnerungen erleben
Auslösen gleicher physiologischer Reaktionen (Herzschlag, Beklemmung, „feuchte Hände“ etc.)
Auslösen helfender oder unterstützender Handlungsimpulse.

Howard Gardner und Daniel Goleman sehen die Empathie als einen Teil der Emotionalen Intelligenz. Die Intelligenzforscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer merken in ihrem kürzlich herausgegebenem Buch “Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen” an, dass Gardner und Goleman dazu neigen, den Intelligenzbegriff zu verwässern. Stern und Neubauer beschreiben die Intelligenz stattdessen als Begabung in kognitiven, also in sprachlichen, visuell-räumlichen, rechnerischen oder mathematischen Bereichen.

Sie zeigen in ihrem Buch, dass Intelligenz erblich ist, beschreiben jedoch auch, dass nur wenn bestimmte Umweltbedingungen gegeben sind, sich das genetisch angelegte Potential eines Menschen gut entwickeln kann. Ich habe zwar erst vier der acht Kapitel des Buches gelesen, kann aber jetzt schon sagen, dass es sich absolut lohnt, sich in dieses Buch zu vergraben um zu verstehen, wie sich Intelligenz entwickelt. Es ist spannend zu erfahren, welche Lebensbedingungen Babys, Kinder und Jugendliche herausfordern und welche Lebensumständen bei der Entwicklung ihrer Potentiale von großem Vorteil sind.

Interessant sind im Buch auch die Seiten, die sich mit der Erforschung der sozial-emotionalen Kompetenz beschäftigen. Ganz schwierig ist dieses Forschungsgebiet nach Meinung der beiden Autoren. Eine Beispielaufgabe: „Eine Freundin hat dich gebeten, für sie etwas zu besorgen. Leider hast du das Falsche gekauft, und sie regt sich darüber auf.“ Wer will bzw. kann bzw. darf hier entscheiden, was ein adäquates Verhalten wäre …

Christa D. Schäfer

Empathie ist übrigens auch eine Fähigkeit, die ein guter Mediator / eine gute Mediatorin benötigt …

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