Jetzt im Sommer steht sicherlich einigen von uns (inklusive mir) der Sinn nicht so sehr nach Fachbüchern, sondern nach leichter Sommer- und Urlaubslektüre. Darum möchte ich Ihnen gerne in den nächsten Wochen einige Bücher vorstellen, die eher in die „leichte Richtung“ gehen, die Geschichten erzählen, zum Schmunzeln anregen und einfach Spaß beim Lesen bringen. Aus jedem dieser Bücher wird es eine längere Passage geben, die ich Ihnen hier im Blog gerne im Originalwortlaut vorstelle.

Mit dem Buch „Nerd forever“ habe ich letzte Woche den Start zu dieser Reihe „Sommerlektüre“ gegeben. Heute soll es weitergehen mit einem historischen Roman (By the way: Ich liebe historische Romane …), der Geschichte von Bruno Kohler. Dazu hier die ersten Romanseiten:

“Der Schlag traf ihn völlig unvorbereitet. Sofort schossen ihm die Tränen in die Augen. Vom Schmerz überwältigt, konnte er ein gequältes Aufstöhnen nicht unterdrücken. Reflexartig war seine Hand zum Nacken gezuckt, wo die Weidenrute so unvermittelt seine Haut aufgerissen hatte. Er spürte das warme, klebrige Gefühl des austretenden Blutes. Die Wunde brannte, und die Tränen ließen sich trotz aller Anstrengung nicht zurückhalten. Verschwommen nahm er durch den ‘Schleier vor seinen Augen seine Klassenkameraden wahr. Einige von ihnen grinsten und freuten sich augenscheinlich über die ihm widerfahrene Pein – eine weitere Demütigung für den kleinen Jungen, der in der letzten Bank sitzen musste. Vor ihm stand sein Lehrer. Wiesner lächelte ihn böse an, strich dabei fast zärtlich über die Rute, mit der er ungeheuerlich gemein zugeschlagen hatte. Mit voller Wucht war sie von hinten auf den Kinderhals niedergeknallt. Fast sah es so aus, als würde der Lehrer die Rute für den Dienst loben, den sie ihm soeben erwiesen hatte.

Vater hilf mir, hilf mir, bitte!, flehte der Junge in Gedanken. Er konnte gar nicht verstehen, was mit ihm geschah. Mit einem einhzigen, scharfen Kommando brachte in diesem Augenblick Wiesner die Klasse zur Ruhe. Niemand wagte mehr ein Lachen, alle warteten nur noch espannt, was als Nächstes folgen würde. Wiesner blicke den Jungen mit gehässigem Lächeln an. Sein spitzes Gesicht das so gar nicht zu seinem fülligen Körper passen wollte, beugte sich zu ihm hinunter. Weil es ganz still war, empfand der Junge sein leises Schluchzen als besonders peinlich. Alle sahen, dass er weinte. Er schämte sich dafür und senkte den Kopf.

„Schau mich gefälligst an, wenn ich mich mit dir befasse“, sprach Wiesner mit zischend leiser Stimme. Dabei hielt er die Weidenrute unter das Kinn des Jungen und tätschelte mit ihr leicht dagegen. Der Junge schaute auf, die Hand immer noch auf den scherzenden Nacken gedrückt. Mit einer fast sanft klingenden Stimme fragte nun Wiesner:
„Mein lieber Junge! Ist dir klar, weshalb ich dich bestrafen musste?“ Der Junge fürchtete sich. Er war sich keines Vergehens bewusst und schüttelte leicht den Kopf. Das verärgerte den Lehrer, der anfing, ihn mit der Rute zu stoßen.
„Unser Bruno weiß es nicht! Er weiß es anscheinend nicht!“ Zur Klasse gewandt fragte er. „Na, wer von euch kann es ihm erklären?“
Die Buben rührten sich nicht. Tatsächlich konnte keiner einen Grund angeben. Sie schwiegen. Einige von ihnen waren sich in diesem Augenblick durchaus im Klaren, dass einer von ihnen ungerecht behandelt worden war. Und dabei geschah dies Bruno nicht zum ersten Mal …”

Quelle: Görlich, Harald: Kellerkind und Kaiserkrone. Der Aufstieg des Bruno Kohler. Meßkirch: Gmeiner Verlag 2012. S. 7f

Der Roman Kellerkind und Kaiserkrone von Harald Görlich spielt in den Jahren zwischen 1841 und 1888. Er stellt die Geschichte von Bruno Kohler vor, der aus ärmlichen Verhältnissen stammend durch Mut, Glück und harte Arbeit Karriere macht und in die höchsten politischen und wirtschaftlichen Kreise aufsteigt. Das obigen Zitat spiegelt die Verhältnisse in den Schulen der damaligen Zeit wunderbar wieder. Der Roman beinhaltet Spannung, Verruchtheit, Liebe, Intrigen und viel Menschlichkeit, und spielt zudem in vielen Teilen in Berlin. Harald Görlich hat übrigens über die Geschichte der Handelsschulen in Stuttgart und Württemberg promoviert und ist Mediator.

Kellerkind und Kaiserkrone –
empfehlenswert sowohl für heiße Sommer- als auch kalte Wintertage
Christa D. Schäfer