Konflikte fordern uns heraus

Das kann man wohl sagen. Jede(r), der sich an einen dicken Streit erinnert, spürt förmlich noch im Nachhinein körperlich die Herausforderungen, in denen er zu Streitzeiten gesteckt hat.

Mediation als Brücke zur Verständigung

Das können MediatorInnen bestätigen. Jede(r), die bzw. der schon als Mediatorin oder als Mediator einen Streit mediiert hat, kennt wahrscheinlich das Gefühl der Erschöpfung nach einer langen Mediation, aber auch das Gefühl der Befriedigung, wenn alles gut gegangen ist.

Konflikte fordern uns heraus. Mediation als Brücke zur Verständigung

Dies ist der Titel des Buches, über das ich heute an dieser Stelle berichten möchte. Es stammt von Gary Friedman und Jack Himmelstein, zwei bekannten und herausragende Mediatoren, bekannt in den USA und in Europa. Das 2008 mit dem Titel „Challenging Conflict: Mediation Through Understanding“ erschienene Buch hat bereits eine Erfolgsgeschichte in den USA hinter sich. Jetzt gibt es das 346 Seiten dicke Buch endlich auch auf Deutsch.

Das Herausragende an dem Buch sind die 10 Fallgeschichten. Alle Fallgeschichten werden lebensnah und gut nachvollziehbar geschildert. Längere Passagen mit Beschreibung der Mediation werden durch Originalzitate aus den Mediationsgesprächen ergänzt und mit theoriebasierten Erläuterungen zum Geschehen vervollständigt. So bietet das Buch einen perfekten Mix zwischen einem Einblick in unterschiedliche Mediationsfälle und theoretischen Aspekten zum verstehensbasierten Modell der Mediation.

Aber zunächst erst einmal zu den 10 Fallgeschichten, die hier kurz vorstellt werden sollen:

Die Blockade auf der Finca beschreibt einen Streit zwischen Graziella und Ricardo, zwei Geschwistern, die gemeinsam Land geerbt, dort eine Finca mit Gästebetrieb aufgebaut hatten und jetzt in zunehmenden Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten über die Leitung des Ressorts sowie die Pläne für Gästebetrieb und Garten verstritten waren.

Radix und Argyle sind zwei Wirtschaftsunternehmen, die seit einigen Jahren einen erbitterten Rechtsstreit über viele Millionen Dollar führten. 20 Spitzenvertreter der beiden Unternehmen führten zusammen mit ihren Anwälten eine Art „Mediatorencasting“ durch, um den für den Streit geeigneten Mediator zu finden.

Mrs. Sara Levi ist eine ältere Dame mit Gehstock, die keinesfalls schwach ist, sondern diesen Gehstock mitunter sogar lieber als Waffe denn in seiner ursprünglichen Funktion nutzen wollen würde. Sie wird zur Mediation von ihrem Neffen Adolfo begleitet, was vorher nicht abgesprochen war. Mr. Patrick McAllister ist die zweite Streitpartei. Er hatte die Aufgabe, die Memoiren der alten Dame über ihre Holocaust-Zeit nieder zu schreiben. In diesem fall mussten erst einmal die Rahmenbedingungen für die Mediation geschaffen werden.

Eine weitere Fallbeschreibung berichtet über ein Naturschutzgebiet, das seit Generationen im Besitz von Kimberleys Familie liegt. Das Gebiet selber war noch relativ unberührt, das Land außen herum litt bereits stark unter den Folgen intensiver Bebauung. Um zu verhindern, dass einer ihrer Erben das Land veräußert, hat Kimberley 160 Hektar Land an eine gemeinnützige Umweltorganisation gestiftet. Dort wird ein Unterausschuss zum Schutz des Landes gegründet. Investoren lauern darauf, endlich diese Filetstücke bebauen zu können. Die Mediation fand mit 30 Personen in einer 200 Jahre alten Blockhütte statt.

Auch in der San Francisco Symphony haben Friedman und Himmelstein mediiert. Nach dem Scheitern von Vertragsverhandlungen blieben Wunden bei vielen Beteiligten zurück. Dies wirkte noch Jahre später, als neue Vertragsverhandlungen anstanden. Den Fall zeichnen viele Ungewöhnlichkeiten aus, bereits vor der Mediation werden mit allen Konfliktparteien Einzelgespräche geführt, die startende Mediation beginnt mit einer Übung, in der sich die Orchestermitglieder untereinander „zuhören“ sollen, …

Friedman und Himmelstein nennen das Aktive Zuhören, das Paraphrasieren, den Rapport beim gelungenen Pacing übriges das „Loopen“ …

Ein weiterer Fall beschreibt die Mediation zwischen Rick als Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Verlages und Charlene, einer Autorin des Verlages. Auch dieser Fall gestaltet sich (für uns deutsche LeserInnen) sehr ungewöhnlich. Die Anwälte beider Streitparteien sind bei der Mediation zugegen, das „Recht“ spielt eine große Rolle. Die Mediation selber beginnt mit einer Konferenzschaltung.

Ein Kapitel über Vor- und Nachteile von Einzelgesprächen legt die Argumente am Fall von Stephen (59 Jahre alt) und Jamie dar. Stephen hatte eine langjährige intime Beziehung zu Jamies älterem Bruder Eddie (64 Jahre alt). Stephen und Eddie wohnen zusammen. Jamie wusste zwar von der Freundschaft zwischen den beiden nicht aber von der Liebe. Als Eddie krank wurde, musste er rund um die Uhr gepflegt werden, was Stephan aber nicht leisten konnte. Jamie bekommt dies mit und zieht von einem Tag auf den anderen bei den beiden ein. Dass dies zu Verwicklungen führte, ist vollkommen klar. Auch in diesem Fall sind die Anwälte mit im Boot und Einzelgespräche mit den Konfliktparteien unabdingbar.

Auch ein Nachbarschaftsstreit fand Eingang ins Buch, nämlich der zwischen der 78-jährigen Nancy und Henry, einem erfolgreichen jungen Bauunternehmer. Der Mediation ging ein Vorfall voraus, in dem Nancy Henry fast umfuhr und Henry den Bezirkssheriff kontaktierte und Nancy wegen Körperverletzung festnehmen ließ. In der Schilderung dieser Mediation erfährt die Leserin / der Leser, wie MediatorInnen die Haltung der positiven Neutralität wahren können und wie selbst der Versuch der Streitparteien, die andere Streitpartei verstehen zu wollen, helfen kann.

Die Schilderung des Streits zwischen dem Bauunternehmer Colby und dem Hausbesitzer Larry zeigt, wie wichtig das Herausarbeiten von Interessen ist und wie die Lösungsoptionen für den Streit an diesen Interessen gemessen aufbauen.

Und schließlich zum letzten Fall im Buch: Martha, die Mutter der Schülerin Donna, die psychisch erkrankt ist, hat gegen die Schule ihrer Tochter geklagt, weil diese vollkommen unangemessen auf die Erkrankung ihrer Tochter reagiert hatte.

Bisher ist ein solcher Einblick in eine Mediationspraxis in Deutschland noch nicht zugänglich gewesen. Danke an den Wolfgang Metzner Verlag, der die Herausgabe des amerikanischen Mediationsklassikers ermöglicht hat.

Auf der Webseite vom Center for Understanding in Conflict, einem von Friedman und Himmelstein gegründeten Institut, kann man übrigens einige kurze Filmtrailer anschauen, in denen Friedman und Himmelstein über Mediation sprechen und Ausschnitte von Mediationen zu sehen sind.

Christa D. Schäfer