„An diesem Tag kommt meine Tochter spät von der Schule nach Hause, für einen Weg von zehn Minuten benötigt sie mehr als eine halbe Stunde. Kein gutes Zeichen. Sie trödelt selten, wählt immer den schnellsten Weg, weil sie in der Schule oft nichts isst und einen Bärenhunger mitbringt. Aber vielleicht hat sie sich, so mein Gedanke, vor den Jungen aus ihrer Klasse versteckt, die manchmal vor den Schultoren auf sie warten, um mit ihrer Tasche Fußball zu spielen. So wie es schon häufiger passiert sein musste, ohne dass Lenja darüber sprechen wollte, aber der Zustand ihrer Tasche ließ keinen anderen Schluss zu. Sie konnte uns auch nicht erklären, warum ihre Klassenkameraden ausgerechnet ihre Schultasche im Visier haben. In den vergangenen Monaten war es immer schwerer geworden, an sie heranzukommen, wenn sie zur Tür hereinschlappte, still und blass. (…)

Sie antwortet auf keine meiner hilflosen Fragen, schaut mich auch nicht an. Nach einer kleinen Ewigkeit, in der ich tatenlos und gedrückt neben ihr sitze, flüstert sie: ‚Mein Leben ist scheiße. Ich will nicht mehr leben.‘

Wie viel Zeit vergeht, bis diese zwei Sätze meinen Verstand erreichen, weiß ich nicht mehr. Nur noch, dass ich lange mit geöffnetem Mund den Kopf schüttele und mich vergebens anstrenge, einen Gedanken zu formulieren. Aber das Einzige, was mir einfällt, ist, dass diese zwei Sätze nicht zu einem sechsjährigen Kind passen. Ich bekomme beides nicht zusammen, die Worte und das Mädchen im blau-roten Kleid, Größe 128, das sich vor neun Monaten eine Schultasche mit aufgedruckten Meerjungfrauen ausgesucht hat, voller Vorfreude auf die Einschulung. (…)“

Anonyma: Plötzlich ein Sorgenkind. München: DVA 2013. S. 10 f

Diese Zeilen gehen unter die Haut.
Was hat es mit dieser Geschichte auf sich?

Lenja ist sechs Jahre alt. Schon nach kurzer Zeit in der Schule gibt es „Schulschwierigkeiten“ mit Lenja.

Soll die Schule nicht gerade in unserer heutigen Zeit für alle Schüler_innen da sein? Wie kann so etwas passieren? Was ist „normal“, was „unnormal“ bei Kindern? Warum gibt es nur so viele ADHS bzw. ADS-“Kinder“? Inklusion? Eine Schule für alle Kinder? Das sind Fragen und Gedankengänge, die mir sehr schnell durch den Kopf gehen.

Doch dann denke ich an verschiedene Berichte von Grundschulkinder-Eltern, und mir wird schnell klar, dass es bis zu einer „guten Schule“ für alle Kinder noch wirklich ein weiter Weg ist …

Zurück zum Buch Plötzlich ein Sorgenkind. Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie: Lenjas Eltern sind beide beruflich tätig, beide karriereorientiert und erfolgreich. Der Alltag in der Familie ist durchorganisiert und es wäre schön, wenn Lenja „funktionieren“ würde. Tut sie aber nicht, und mit einem Mal ist alles durcheinander. Lenja ist getestet hochintelligent und kriegt dennoch nichts auf die Reihe, die Schule betreffend. Ihre Schulkameraden rufen ihr hinterher „Lenja – heute ganz ohne Hirn“ – die Lehrerin schreitet nicht ein. Lenjas Leistungen liegen schon in der ersten Klasse bei einer Fünf; nur Glück, dass noch nicht „echt“ benotet wird.

Lenjas Eltern machen viel mit, Lenja noch mehr. Irgendwann nach langen Testserien gibt es eine Lösung für das Problem. Aber dazu musste erst viel, eigentlich viel zu viel passieren. Und auch Lenjas Eltern haben über sich nachgedacht, darüber, ob ihr Crackberry (eigentlich ist der Blackberry gemeint) wirklich immer angeschaltet sein muss, ob der Turbogang Beruf und Kinder wirklich der Richtige ist, oder ob es nicht ein wenig gechillter viel besser ist.

Die Autorin Anonyma schreibt ungeheuer sensibel. Sowohl Lenja als auch das Familienleben tritt der Leserin bzw. dem Leser plastisch vor Augen. Wer wissen will, was Kinder, die nicht ganz „normal“ sind, in der Schule durchmachen müssen, der sollte unbedingt dieses Buch lesen. Ich jedenfalls habe es verschlungen. Kompliment und besten Dank für dieses wunderbare Buch

sagt Christa D. Schäfer

Artikel zu Unterrichtsstörungen aus Sicht einer Oberschullehrerin …