Taxifahrer haben es nicht einfach. Berliner Taxifahrer sind auch manchmal nicht einfach. Dennoch sind sie meist viel besser als ihr Ruf. Am Freitag hatte ich auf dem Weg zum Flughafen beispielsweise einen sehr kompetenten und empathischen Taxifahrer. Passend dazu, und passend auch zur Berliner ITB ein Zitat aus einem Buch, das „schräge“ Taxigeschichten erzählt. Cordula Weidenbach hat sich in Berlin, München und anderen Städten auf die Suche nach solchen Geschichten begeben und diese unter dem Titel “Ohne Gurt kostet 50 extra!“ im Heyne Verlag herausgegeben. Ein Buch mit teilweise skurrilen Geschichten, das dennoch die Ernsthaftigkeit des Berufs verdeutlicht und die Problemlösefähigkeiten aufzeigt, die Taxifahrer mitunter besitzen müssen …

Zitat

„In Berlin findet jährlich die ITB (die Internationale Tourismus-Börse Berlin) statt. Auf dieser Weltleitmesse der Tourismusindustrie treffen sich nationale und internationale Gäste. Oftmals veranstalten Aussteller oder Hotelketten für das Fachpublikum auf dem Gelände noch Partys, um das Messegeschäft zu versüßen. So kann man ungezwungen bei einem Glas Sekt bestehende Kontakte pflegen oder neue Geschäftsbeziehungen knüpfen.

Der junge blonde Fachbesucher in Anzug und Mantel, der gegen 23.00 bei Matthias vor dem Messegelände ins Taxi stieg, kam offensichtlich gerade von so einer Party.
„Hello Taxi!“, sagte er beim Einsteigen. Er war so groß, dass er auf dem Beifahrersitz mit dem Kopf gegen das Autodach stieß. Matthias vermutete, dass er aus Skandinavien stammte.
„Where I can take you?“, fragte der Taxifahrer den Mann leicht irritiert.
„Sogn“, rülpste der Fahrgast. Er hatte neben seiner starken Fahne auch üblen Mundgeruch, der leicht an abgestandenes Tulpenwasser erinnerte. Matthias fuhr los und ließ das Fenster etwas nach unten, um den Geruch entweichen zu lassen. Da ihm beim besten Willen nicht einfiel, was oder wo Sogn sein sollte, fragte er erneut: „Where to?“
„To Sogn, please“, wiederholte der Fahrgast mit der schlechten Mundflora.
Matthias überlegte. Kurz darauf fragte er: „Is it a restaurant or a bar or a club where you want to go?“
„No restaurant. You must know Sogn it is in the North!“, sagte der Skandinavier und lehnte sich dabei so weit zu ihm, dass er fast die Nase des Taxifahrers berührte. Matthias verabscheute es, wenn Taxigäste den Distanzabstand nicht einhielten. Glücklicherweise klemmte sich der Fahrgast danach wieder unters Autodach.
Der Taxler orientierte sich erstmals grob in Richtung Norden und versuchte es weiter: „I don’t know, where Sogn is. Can you spell it?“
Verständnislos blickte der Skandinavier den Fahrer an, als ob dieser ihn gerade nach dem Weg zum Brandenburger Tor gefragt hätte.Dann kam er ihm wieder unangenehm nahe und buchstabierte: „S-O-G-N“!

„Ich kann das echt nicht ausstehen, wenn ein Fahrgast kein eindeutiges Ziel angibt und man als Fahrer Ratespielchen machen darf“, erzählte Matthias. „Aber der Mann wirkte gar nicht so betrunken, ich hatte eher das Gefühl, als ob der selbst nicht genau wusste, wohin er musste, oder es wirklich nicht besser beschreiben konnte … Ich hab auch versucht, ihm eine Adresse zu entlocken aber das hat auch nicht geklappt.“

„Where are you from?“, versuchte der Taxler seinem Ziel näher zu kommen.
„Norway“, hauchte der Passagier.
Matthias versuchte zwar ihn so wenig wie möglich zum Sprechen zu bringen, da ihm von dessen Mundgeruch schon ganz übel war, aber irgendwie musste er ja zum Ziel gelangen. Außerdem wurde er langsam, aber sicher sauer. „I can’t go to Sogn – if I don’t know where it is! You have to tell me a street or a place where to go.“
Der Norweger schüttelte den Kopf: „I can’t believe it! You are a taxi driver! It is in the North – Sogn Student Village, it is big!“
In diesem Augenblick platzte dem Taxler der Kragen, und er brüllte den Skandinavier an: „I don’t know damn Sogn in the North of Berlin! You can get off here now and go with another Taxi“!
Mit großen Augen blickte ihn der Fahrgast an: „What! Berlin!? We are not in Oslo?“
Matthias war fassungslos. Er hätte niemals gedacht, dass man nach einer Messeparty einen derartigen Filmriss haben könnte. Nachdem der Norweger nun wusste, in welcher Stadt er sich befand fiel ihm auch wieder ein, in welchem Hotel er wohnte. Dort angekommen entschuldigte sich der Skandinavier mindestens dreimal und verschwand dann kleinlaut durch die Drehtür.“

Weidenbach, Cordula: „Ohne Gurt kostet 50 extra!“ Die schrägsten Taxigeschichten. München: Heyne 2013. S. 19 – 22