Sicherlich ist jeder Mediatorin und jedem Mediator schon einmal eine herausfordernde Situation im Rahmen einer Mediation begegnet. Vielleicht ist eine Mediandin einfach aufgestanden und sprachlos gegangen. Vielleicht hat ein Mediand aggressiv gegenüber dem Mediatorenteam gesprochen. Vielleicht gab es permanente abwertende und überkritische Wortbeiträge dem Verfahren der Mediation gegenüber. Vieles kann passieren. Obwohl ich seit über 13 Jahren Mediatorin bin, begegnen auch mir immer mal wieder Situationen, in denen ich neu denken und entscheiden muss.

In den von mir geleiteten Mediationsaufbauseminaren ist das Thema „Umgang mit schwierigen Situation in der Mediation“ eines der Themen, das ich mit den frisch ausgebildeten Mediatorinnen und Mediatoren bespreche. Leider gibt es bisher kein Buch zum Thema. Deshalb habe ich mich auf die Suche gemacht und geschaut, was es in angrenzenden Gebieten dazu gibt. So bin ich auf da Buch „Schwierige Situation in Therapie und Beratung. 30 Probleme und Lösungsvorschläge“ gestoßen, das von Alexander Noyon und Thomas Heidenreich stammt und im Beltz Verlag herausgegeben wurde.

Das Buch „Schwierige Situationen in Therapie und Beratung“ berichtet von verschiedenen Störungen im Beratungsprozess und zeigt, wie diesen gut begegnet werden kann. Damit ist es ein Buch, das auch im Mediations- und Supervisionskontext sehr nützlich sein kann. Natürlich treffen wir dort nicht auf genau dieselben Schwierigkeiten wie in der Therapie, allerdings: Überschneidungen gibt es schon.

Interessante Aussagen lassen sich in vielen Kapiteln finden. Ich möchte hier vom Kapitel „Schweigen und ‘Ich weiß nicht’“ berichten. Mediation baut auf Kommunikation und Kommunikation ist trotz möglicher Bilder einbeziehenden Methoden immer noch das wichtigste Medium in der Mediation. Was tun? Ein erster Schritt ist, das Schweigen zu lesen.

Es kann ein Schweigen sein, das aussagt:

  • Jetzt ist erst einmal mein Konfliktpartner dran.
  • Ich denke nach.
  • Ich sinne nach (hier geht es eher um die Gefühlsebene).
  • Das ist mir peinlich.
  • Lass uns schweigen.

Das erste ist meiner Erfahrung nach in der Mediation die häufigste Ursache von Schweigen, das letzte die am wenigsten häufige.

Als Mediatorin kann ich unterschiedlich reagieren. Ich kann die Frage nochmal wiederholen, ich kann ihn auffordern zu antworten, oder ich kann ebenfalls schweigen. Ich kann fragen „Was geht gerade in Ihnen vor?“ oder einfach: „Sie schweigen jetzt schon eine Weile …“ Manche Reaktionsweisen sind unangebracht, andere bringen den Prozess voran.

Die im Buch abgedruckte Empfehlungen der Dos and Don’ts zum Schweigen (Noyon; Heidenreich 2013, S. 121) machen großen Sinn auch für derartige Situationen in einer Mediation, Supervision oder Konfliktberatung:

Don’ts:

  • Blinder Aktionismus und überhastetes Reagieren, um das Schweigen schnellstmöglich zu beenden
  • Von Thema zu Thema bzw. Frage zu Frage zu springen, ohne die Potenziale richtig auszureizen
  • Komplizierte, lange und verschachtelte Fragen stellen
  • Ärgerlich reagieren

Dos:

  • Das Schweigen lesen: Beweggründe erkennen und adäquat reagieren: Blickrichtung des Gegenübers beobachten, um das Schweigen besser klassifizieren zu können
  • Eigenes Abwarten kultivieren und persönliche Entspannung finden
  • Einfache Fragen stellen
  • Überlegen, ob eine erhöhte soziale Angst vorliegt, die Ursache für das Schweigen sein kann

Und abschließend möchte ich Ihnen noch einen Gedankengang aus dem vorgestellten Buch mitgeben, der Sie ein wenig für schwierige Situationen in Mediation und Supervision vorbereiten soll:

„Schwierige Situationen sind schwierig!
(…) Erwarten Sie nicht von sich, in einer schwierigen Situation immer sofort eine elegante und leichte Lösung zu finden! Genau darin besteht ja das Wesen einer schwierigen (…) Situation, dass sie den Behandler (Mediator/Supervisor) sehr stark herausfordert und mit den Grenzen seiner Fertigkeit in Berührung bringt. In einer schwierigen Situation nicht sofort – oder vielleicht sogar gar nicht – eine hilfreiche Lösung finden, bedeutet nicht, dass Sie ein schlechter Behandler (Mediator/Supervisor) oder eine schlechte Behandlerin (Mediatorin/Supervisorin) sind. Zum einen hat jeder Berater oder Therapeut, egal wie gut er sein mag, seine Grenzen; zum anderen hat auch unser Handwerkszeug an sich seine Grenzen, die Sie auch durch noch so große Perfektion nicht werden überwinden können.“ (leicht verändert nach Noyon; Heidenreich 2013, S. 12)

Und Sie wissen ja, wir als MediatorInnen haben die Verantwortung für das Meditionsverfahren, die MediandInnen sind die Experten für den Inhalt. Damit dürften Sie ein wenig gewappnet sein für zukünftige schwierige Situationen. Und natürlich gibt es immer die Möglichkeit, als Mediatorin oder Mediator Intervision oder Supervision zur Unterstützung zu nutzen …

Christa D. Schäfer

Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir uns streiten?