Leon

Niemand soll wissen, wer er ist. Er schaut durch die Sehschlitze auf sein Pad und betrachtet sich darin. Zwei Augen in der Dunkelheit. Er macht ein Foto von sich, wie er mit der goldenen Maske auf dem Bett liegt.
„Was soll das? Bist du jetzt völlig durchgedreht?“, dringt die Stimme seiner Mutter herein. Sie steht mit einem Mal über ihm. „Kann das sein? Jetzt liegst du sogar schon im Bett mit dieser dämlichen Maske? Hast du etwa mit dem Ding geschlafen?“
Warum ist seine Mutter nicht in der Schule? Sie gehört nicht in diese Wohnung. Zumindest nicht um diese Uhrzeit.
„Ich bin krank“, erklärt sie, als habe sie seine Gedanken gelesen. Krank sieht sie nicht aus, eher wütend. Er betrachtet sie durch die Maske hindurch. Er atmet und hört seinen eigenen Atem. So fühlt er sich sonst nur, wenn er seinen Motorradhelm trägt. „Korrekturen“, sagt sie weiter. „Ich bekomme die Deutscharbeiten sonst nicht korrigiert. Ich muss den Tag dafür heute in der Schule krankmachen.“ Sie stockt einen Augenblick, dann fragt sie: „Willst du was essen? Rührei?“
Leons Atem unter der Maske ist feucht und warm und riecht ein wenig nach Plastik. Seine Mutter ist eine zierliche Frau mit vollen Lippen. Wäre sie nicht seine Mutter, so wäre sie hübsch. Sie fragt ihn nochmals nach dem Essen, aber er schweigt. Die meisten Fragen erledigen sich von selbst, wenn er schweigt.
Sie verlässt sein Zimmer mit einem „Na, dann nicht.“
Die Tür klickt leise zu, als ob du den Abzug von einer Waffe spannst. Seine Mutter wird zurückkehren. Da ist er sich sicher. Sie kann ihn einfach nicht in Ruhe lassen.
Er sieht auf dem Pad das Foto eines Menschen mit einer goldenen Maske, die breit grinst. Und er zieht die Maske aus. Sein Gesicht schwitzt darunter.
Draußen scheint die Sonne und die Temperatur ist 18,2 Grad. Es ist Ende Juni und der Sommer noch immer verregnet. Aber heute scheint es anders zu sein, jedenfalls sagt das wetter.de. Auf dem Schreibtisch vor seinem Fenster steht der PC im Ruhezustand. Niemals schläft der Rechner – genau wie Leon. Menschen laufen an seinem Fenster vorbei. Sehen kann er nur ihre Umrisse. Die Fensterscheibe ist unten aus milchigem Glas. Lediglich oben in einer Höhe von 1,80 Meter – ist sie klar. So kann keiner von der Straße in sein Zimmer schauen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn er nah bei den Menschen ist und gleichzeitig durch die Scheibe von ihnen getrennt.
Er geht zum Schreibtisch, stützt sich auf seinen Drucker und stellt sich auf Zehenspitzen, schaut hinaus – und blickt in einer erschrockenes Gesicht!
Leon zuckt zusammen. Das Mädchen schaut ihn von draußen ebenfalls an. Zu lange. Sie soll wegschauen!
„Hau ab!“, schreit er gegen das Glas.
Sie geht weiter.

Alissa

„Alissa?!“ Ihre Mutter ruft. Die Decken im Altbau sind hoch, trotzdem bleibt kein Flecken, kein Luftmolekül in dieser Wohnung unberührt von dieser hellen und klaren Stimme. Wenn ihre Mutter ruft, vibriert alles.
„Ja!“, patzt Alissa zurück.
„Ich bin hier!“
„Jaaaaa!“ Alissa wird nicht dorthin gehen wo ihre Mutter ist. Sie möchte mit dieser Stimme nichts zu tun haben.
Es klingelt.
„Machst du bitte mal auf!“
„Neeein!“, schreit Alissa zurück. Sie hat diese ewigen Befehle satt. Trotzdem drückt sie den Summer des Türöffners.
Ihre Mutter kommt aus dem Arbeitszimmer und fragt Alissa: „Hast du geweint?“
„Wenn du so fragst, kennst du doch schon die Antwort, Mama.“
„Schlecht gelaunt?“
„Ne, ich heul aus guter Laune. Das ist mein Trick.“
„Deine schlechte Laune musst du aber nicht an mir auslassen!“
„Dann lass mich einfach in Ruhe!“
Das Klacken der Schritte im Treppenhaus stoppt. Ihr Vater drückt die Türe auf, spürt sogleich die Anspannung im Wohnungsflur und fragt Alissa: „Wieder wegen Felix?“
Ehe Alissa noch etwas sagen kann, will ihre Mutter schon vom Vater wissen: „Hast du keinen Schlüssel?“
„Ich wollte klingeln und gleich meine Lieben sehen, wie sie mich an der Tür sehnlich erwarten“.
„Sehr witzig. Sieh dir mal die Laune deiner Tochter an. Vermutlich hat sie Englisch verhauen.’“
Nein, das hat sie nicht!
Vielmehr war die Vermutung ihres Vaters richtig: Ihr Freund Felix ist der Grund für ihren Frust. Am liebsten würde Alissa losheulen. Aber Wut und Trotz gegen ihre Eltern sind stärker. „Warum müsst ihr euch eigentlich immer gegenseitig anmachen? Wisst ihr, wie mich das ankotzt?“

Dies sind die ersten Seiten des Buches „Weil es nie aufhört“ von Manfred Theisen.

Später im Buch werden Leon und Alissa intensiv miteinander zu tun haben. Leon bastelt an einer App zum Cybermobbing und hat Alissa als seine Testperson auserwählt. Er verwickelt Alissa zunächst in eine geheimnisvolle Beziehung, verbreitet ein Nacktfoto von Alissa über WhatsApp und stalkt sie schließlich. Damit zerstört er sie fast vollständig. Das Bleichmittel für den Suizid hat sie jedenfalls schon gekauft.

Das Buch ist für Jugendliche geschrieben und in der Verlagsgruppe Verlagsgruppe Random House erschienen. Ich habe es auf einer Bahnfahrt in einem Schwung durchgelesen und konnte es nicht aus der Hand legen. Ein Buch, das unter die Haut geht. Es ist zu wünschen, dass es den Weg in viele Hände findet und in der Schule gelesen wird.

Die Computertechnik betreffend ist das Buch auf dem neusten Stand. Das Thema Cybermobbing wird im Buch deutlich geschildert und geht emotional unter die Haut. Ganz deutlich werden im Buch auch Täter- und Opfer-Struktur herausgearbeitet. Und die Familienverhältnisse von Leon und Alissa kann man ja sicherlich an obigem Zitat bereits erkennen, auch zum Thema Familie lässt das Buch also tief blicken …

Vielleicht ist die ein oder der andere Jugendliche ja nach der Lektüre des Buches vorsichtiger im Gebrauch mit dem Smartphone, mit Facebook, der Cam und WhatsApp. Das wäre zu wünschen.

Weitere Buchbesprechungen zu Romanen von Manfred Theisen hier im Blog unter:

Nerd forever: Im Würgegriff der Schule
Täglich die Angst

Christa D. Schäfer