Im letzten Blogartikel haben wir uns ganz allgemein mit dem Themenfeld “Auffälliges Verhalten im Kindes- und Jugendalter“ beschäftigt. Heute soll es darum gehen, was auffälliges Verhalten überhaupt ist und wie man es zuordnen und verstehen kann. Ferner werden Hinweise zur Situationsänderung einem aggressiven Verhalten im Kindesalter (Grundschulbereich) gegeben.

Auffälliges Verhalten wahrnehmen und bewerten
Was ist überhaupt auffälliges Verhalten? Auffälliges Verhalten wird von einer beobachtenden Person bestimmt. Diese Wahrnehmung ist jedoch subjektiv. Eine rein objektive Wahrnehmung ist nicht möglich, da sich die Wahrnehmung an gesellschaftlichen Normen und Werten festlegt. Wird bei einem Kind eine Verhaltensauffälligkeit oder -störung wahrgenommen, könnte der Rückschluss genauso gut sein, dass der_die Erwachsene „erwartungsauffällig“ und „erwartungsgestört“ sei. Beobachtende Personen neigen dazu, ihre Wahrnehmung als Diagnose darzustellen, selbst wenn sie keine professionelle Ausbildung in diesem Bereich haben. Wird zum Beispiel ein Kind beobachtet und das Verhalten deutet auf eine Konzentrationsschwäche hin, hilft diese „Diagnose“ bzw. Bezeichnung einen ersten Ansatz zu finden, jedoch nicht, das Problem und die Ursachen zu erkennen. Das genannte Beispiel „Konzentrationsschwäche“ fasst vielfältige unterschiedliche Verhaltensweisen zusammen und muss in jedem Fall individuell betrachtet werden.

Auffälliges Verhalten zuordnen und verstehen
Grundlegend ist, dass sich das Verhalten einer einzelnen Person immer auf ihr Umfeld bezieht und davon abhängig ist. Genauso bedeutsam ist, dass generelle Beschreibungen einer Person bzw. ihrer Persönlichkeit (sie ist freundlich, liebenswert, schlecht, gut, aggressiv …) nicht korrekt, sondern lediglich Beschreibungen des Verhaltens in einzelnen Situationen sind. Der definierende Gebrauch von Sprache fördert die Überzeugung, dass dieses Verhalten gar nicht oder nur schwer zu ändern ist und führt vor allem bei Kindern oft zu der Haltung: „Wenn alle sagen, dass ich so bin, kann ich mich ja auch so verhalten“ bzw. „dann brauche ich nicht zu versuchen, mich zu ändern“.

Aggressivität im Kindesalter
Auch aggressives Verhalten ist schwer zu definieren. Aggressive Handlungen zeichnen sich dadurch aus, dass diese zielgerichtet sind. Es sind Reaktionen auf andere Kinder und die eigene Beziehung zu ihnen. Oft folgt eine aggressive Handlung auf eine Situation, die dem Kind als bedrohlich erscheint und dieses sich wehrt bzw. etwas „heimzahlt“. Kommt es jedoch öfter zu Situationen, in denen die Reaktionen übertrieben hart sind, ist es wichtig zu betrachten, welche Faktoren zu diesem Verhalten beitragen.

Ein geringes Selbstwertgefühl gibt dem Kind zum Beispiel nicht genug Selbstsicherheit. Ein geringes Selbstwertgefühl kann in verunsichernden Situationen spontane aggressive Abwehrhandlungen hervorrufen oder dazu führen, dass eine nach außen hin selbstsicherere Fassade aufgebaut wird, die jedoch beim kleinsten Rütteln erschüttert wird. Diese Unsicherheit löst eine Angst aus, die wiederum zu aggressivem Verhalten führt. Wenn Kinder öfter mit solchen Situationen konfrontiert werden, bildet sich schnell aus diesem Abwehrverhalten eine generelle Verhaltenstendenz.

Eine abgeschwächte Version der Angstabwehr ist die Abwehr von Belästigungen. Von Kindern wahrgenommene Belästigungen, Vorwürfe und Vorhaltungen, wie zum Beispiel: „Ich möchte mit dir darüber reden, was du gestern gemacht hast.“ können durch Türschlagen, Schimpfen oder Beschuldigungen abgewehrt werden.

Durch so erlebte Erfolge lernt das Kind. Wird aggressives Verhalten mit einem spontanen und auch kurzfristigen Erfolg in Verbindung gesetzt, rufen ähnliche Situationen unbewusst gleiches Verhalten im Kind hervor, auch wenn dem Kind im Nachhinein bewusst werden kann, dass das Verhalten stark oder/und übertrieben war.

Ein Aspekt, der eine wichtige Rolle spielt, ist das Sich-einfühlen in andere. Durch Einfühlung lernt das Kind Mitleid und vor allem Respekt mit und für andere zu entwickeln. Hierbei spielt das prägende Umfeld die tragende Rolle. Was wird dem Kind zum Beispiel zuhause oder in der Schule vermittelt?

Bedeutsam ist so, die Grundlage einer „gleichwürdigen“ Beziehung einer (erwachsenen) Bezugsperson zum Kind, die durch Respekt, Fairness und Akzeptanz geprägt ist. So können unfaire Situationen umgangen werden, die das Kind provozieren. Alle Pädagoginnen und Pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, aber auch Eltern und Großeltern sollten an einer derartigen „gleichwürdigen“ Beziehung arbeiten.

Was kann ich tun, um beim Kind ein ausgeglichenes Verhalten zu fördern?
Wertschätzung als Erziehungsbasis
von Akzeptanz, Fairness und Respekt getragene „gleichwürdige“ Beziehung
Kritik am Verhalten, nicht an der Person
das Recht des anderen als Grenze
fairer Interessenausgleich
Grenzen wie gegenüber Erwachsenen
Grenzen als Ich-Botschaften formulieren
Vermeiden aggressiver Modellen
Vermeiden aggressiver Signalreize
Minderung aggressiver Video- und Fernseheinflüsse
aggressive Modelle hinterfragen
ethische Orientierung vermitteln
prosoziales Verhalten fördern
Strafen vermeiden
logische Konsequenzen folgen lassen
Ignorieren aggressiven Verhaltensauffälligkeit
Stoppen aggressiven Verhaltensauffälligkeit
vom Ärger ablenken
Ärger kann man nicht „abreagieren“
Ärgerauslöser umbewerten
gedankliche Umstrukturierung
andere entschuldigen
sich in andere hineinversetzen
beschuldigende Kreisprozesse unterbrechen
Lösungsgespräche führen
zielorientiertes Schlichten von Streit
Konflikte konstruktiv austragen

Womit wir bei der Verbindung zwischen Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter und Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten wären …

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Kapitel „Aggressivität“ des Buches Auffälliges Verhalten im Kindesalter von Wilhelm Rotthaus und Hilde Trapmann.

Das Buch ist als Handbuch für Eltern und ErzieherInnen konzipiert. Nach einleitenden Worten zum Thema Verhaltensauffälliggkeiten findet die Leserin und der Leser dort 37 Kapitel zu Auffälligkeiten in Verhaltensweisen von A wie Aggressivität, Angst, Anstrengungsunwilligkeit, Artikulationsstörung, Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung sowie Autistische Störungen bis U wie Ungeschicklichkeit und Unordentlichkeit. Die Kapitel zu den Verhaltensauffälligkeiten werden in drei Hauptabschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt werden Hinweise gegeben wie ein beobachtetes Verhalten einzuordnen und zu bewerten ist. Im zwischen Abschnitt werden Anregungen gegeben, das ungewöhnliche Verhalten „verstehen“ zu lernen. Im dritten Abschnitt werden „Lösungen“ angeregt und den Erwachsenen Hinweise gegeben, wie sie eine Änderung beim Kind anstoßen können.

Auch die oben benannten stichwortartigen Tipps entstammen dem Buch und können dort in einer erläuternden ausführlichen Version nachgelesen werden. Das Buch ist die Neufassung eines 30 Jahre laufenden Buchklassikers aus dem verlag modernes lernen. Während der Begriff des Auffälligen Verhaltens dieser langen Geschichte des Buches zuzuschreiben ist, wird heute in diesem Zusammenhang eher über Aspekte der Inklusion gesprochen. Dennoch bleibt die Wichtigkeit solcher Bücher unstrittig …

Christa D. Schäfer und Atossa Nazeri